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Erosion der Demokratie

Christoph Quarch fordert ein ziviles Pflichtjahr für alle Europäerinnen und Europäer zur Bildung von Demokratie und Gemeinsinn.

Pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit klingeln die Alarmglocken: Nur noch 39 Prozent der Ostdeutschen sind mit der Demokratie zufrieden. In Westdeutschland sind es immerhin noch 59 Prozent, aber auch hier: Tendenz fallend. Das zeigt der zum 3. Oktober vorgestellte Jahresbericht des Beauftragten der Deutschen Bundesregierung für Ostdeutschland Carsten Schneider. Was ist hier los? Sind wir einfach nur eine „erschöpfte Gesellschaft", wie der Ost-Beauftragte meint, oder steckt mehr dahinter? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, haben Sie die Zahlen des Ost-Beauftragten überrascht?
Nicht Macht und Herrschaft sind die Prinzipien des Demokratie, sondern Diskurs und Partizipation. © succo, pixabay.comNein, sie überraschen mich nicht, aber das heißt nicht, dass sie mich nicht alarmieren würden. Sie alarmieren mich, weil sie zu einem Trend passen, den wir auch anderswo beobachten – gerade erst in Italien: Die Demokratie verliert in Europa an Zustimmung und Glanz. Und das ist gefährlich, denn wenn die Demokratie schwächelt, droht in Europa dasjenige, was wir an anderen Orten der Welt beobachten können: der Triumph der Autokraten. Meines Erachtens steht die Menschheit derzeit an einem epochalen Scheideweg: Demokratie oder Autokratie. Oder um es noch schärfer zu formulieren: Freiheit und Lebendigkeit oder Unfreiheit und Tod. Und für diejenigen, denen das zu abstrakt ist: Europa oder China? Die genannten Zahlen zeigen, dass Ostdeutschland bereits auf dem Weg in die Autokratie ist.

Aber das sehen die Menschen dort ganz anders. Sie sehen sich als Stimme des Volkes, das seine demokratisch verbrieften Rechte einfordert.
Ja, aber das zeigt, dass diese Menschen nicht verstehen, was Demokratie ist. Das kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen, denn auch in Westdeutschland erodiert das Verständnis der Demokratie – und ebenso in der ganzen westlichen Welt. Irgendwie hat sich das Missverständnis durchgesetzt, bei einer Demokratie gehe es darum, dass über Wahlen der politische Willen der Bevölkerung ermittelt wird und dass die gewählten Vertreter diesen Willen mit der ihnen anvertrauten Macht als Herrschende umzusetzen hätten. Und dann klagt man darüber, dass die Herrschenden – oder „die Politiker" – das nicht richtig machen und fühlt sich als „Volk" nicht angemessen vertreten. Aber bei der Demokratie geht es nicht um Macht und Herrschaft.

Das griechische Wort Demokratie heißt aber doch wörtlich übersetzt „Herrschaft des Volkes".
Danke, dass Sie auf den griechischen Ursprung der Demokratie verweisen. Denn der lehrt, worum es bei der Demokratie wirklich geht: Darum, dass die Bürger eines Gemeinwesens miteinander darum ringen, was jeweils zu tun ist. Nicht Macht und Herrschaft sind die Prinzipien des Demokratie, sondern Diskurs und Partizipation. Aber das haben wir vergessen – und deshalb schwächelt unsere Demokratie. Nicht, weil die „Politiker" einen schlechten Job machten, sondern weil wir es versäumt haben, den demokratischen Geist in unserer Gesellschaft zu kultivieren. Wäre es anders, würden wir begreifen, dass es eine Sternstunde der Demokratie ist, wenn die Bundesregierung ein Vorhaben – wie jüngst die Gasumlage - kippt, weil sie eingesehen hat, dass der Energiepreisdeckel besser ist. Das ist demokratisch: Überlegen, Probieren, Handeln, ggf. Fehler machen, aber immer um die Beste Lösung ringen. All das, was Angela Merkel versäumt hat. Die Erosion des demokratischen Geistes hat sie mit ihrer Technik des Aussitzens mitverschuldet. 

Was muss geschehen, um die Demokratie – in Ihrem Sinne – wieder attraktiv zu machen.
Sehr, sehr viel. Es beginnt in den Schulen. Demokratische Bildung tut dringend Not: junge Menschen in der Kunst der Argumentation zu schulen und ihnen all das beizubringen, was in Talkshows – absolut demokratiefeindlichen Veranstaltungen, by the way – nicht geschieht: Zuhören, Nachdenken, miteinander Denken, andere gelten lassen. Wenn das vermittelt wird, können wir uns an die Hauptaufgabe machen: Partizipation. Wir brauchen einen starken Gemeinsinn – und zwar europäisch, nicht national. Deshalb fordere ich ein ziviles Pflichtjahr für alle Europäerinnen und Europäer, durch das sie in den Dienst der Gemeinschaft genommen werden und lernen, dass sie Teil eines Größeren sind, an dem sie teilhaben können: etwa durch Bürgerräte, die konkrete Fragen im politischen Nahraum entscheiden und in die man durch Los berufen wird. In Irland und Belgien wird so etwas erfolgreich erprobt. Wie gesagt: Es gibt viel zu tun. Und es ist alles willkommen, was aus der fatalen Denke „Wir da unten und die das oben" herausführt. Denn wer so denkt, hat die Demokratie schon verraten. 
 
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch








Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Gesellschaft | Politik, 05.10.2022
     
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