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Ohne Handwerk keine Zukunft – Bildungspotenziale jetzt umsteuern

Appell für die Wiedereinführung des Werkunterrichts in den Schulen

Die massiven Herausforderungen, die der Klimawandel uns abverlangt, sind ohne eine Unterstützung durch das Handwerk nicht zu lösen. So gelingt das Errichten neuer Windräder und Solaranlagen – neben der Forschung und Entwicklung an Hochschulen und in Unternehmen – nur mit Einsatz und Arbeitskraft aus dem Handwerk; und somit auch die Chance auf mehr Autonomie in der Energieversorgung. In unserer Gesellschaft muss hinsichtlich der Ausbildung junger Menschen schnellstmöglich ein Umdenken einsetzen, wollen wir auch in der Zukunft handlungsfähig bleiben. Zu lange ist alleine der akademische Pfad vorangetrieben worden. Für uns und vor allem für die Zukunftsgeneration sind jedoch unterschiedliche Bildungswege von Bedeutung. Akademische Bildung und Berufsausbildung müssen sich ergänzen, ineinandergreifen und nebeneinander Bestand haben.

Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences. © Frankfurt UASDabei hat gerade das Handwerk die Chance auf eine Renaissance. Der Markt gibt diesen Takt schon lange vor, jedoch wird dieser offensichtlich nicht ausreichend erhört. Verdienstmöglichkeiten, Selbstwirksamkeit und direkt sichtbare Sinnerfüllung werden in vielen Berufen des Handwerks mitgeliefert. Dennoch wird nach einem Schulabschluss der Zugang in die Hörsäle der Hochschulen präferiert, ohne auf die tatsächlichen Interessen und Potenziale vieler junger Menschen einzugehen bzw. eine Ausbildung im Handwerk als einen nächsten Schritt in der individuellen Bildungsbiografie in Erwägung zu ziehen. Deshalb ist ein Sinnes- und Kulturwandel, eine Neuausrichtung der Bildungspolitik notwendig. 

Wir benötigen ein gesellschaftliches Bildungsmanagement, vereint in einer politischen und ministerialen Stelle, welches die gesamte Bildungsbiografie, jenseits des Alters der Menschen, im Auge hat. Es ist wichtig dabei zu vermitteln, dass es keinen allgemeingültigen Königsweg der Karriereentwicklung gibt. Viel eher muss es darum gehen, Menschen, dort, wo sie gerade in ihrer Bildungsbiografie stehen, zu fördern. Konkret kann dies bedeuten, dass Menschen zunächst mit einer beruflichen Erstausbildung starten, ggf. in einem Handwerksberuf, dort eine Zeitlang beruflich aktiv werden und erst zu einem späteren Zeitpunkt, eben dann, wenn sie es wirklich brauchen und sie spüren, dass ein weiteres Potenzial gefördert werden sollte, eine Weiterqualifizierung, z.B. in Form eines (berufsbegleitenden) Studiums oder einer wissenschaftlichen Weiterbildung, aufnehmen. Bildungswege sind als gleichwertig und komplett durchlässig zu gestalten. Darüber müssen die Menschen aber in Kenntnis gesetzt werden. Und sie brauchen Vorbilder, die zeigen, wie das gelingt. Die Schweiz ist ein schönes Beispiel. Hier wird die Berufsausbildung sehr wertgeschätzt. So sind die Zeitungen am Ende eines Ausbildungsjahrgangs mit Gratulationsanzeigen voll. Und viele der Firmenchefs haben sich durch Weiterbildungen „hochgearbeitet" – gestartet sind also viele mit einer beruflichen und/oder handwerklichen Ausbildung. 

Susanne Haus, Präsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. © Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-MainZurück in Deutschland: Die Berufs- und Studienberaterinnen und -berater agieren bereits als Schnittstellen und zeigen als Multiplikatoren auch alternative Bildungswege, wie oben genannt, auf. Das ist der richtige Weg. In den Schulen selbst haben wir es nach wie vor mit vielen Lehrerinnen und Lehrern zu tun, die selbst nur die akademische Laufbahn kennen und daher nur schwer als Vorbild für andere Wege dienen können. Aber es gibt bereits pädagogische Konzepte an verschiedenen Schulen, in welchen auch handwerkliche Fähigkeiten ausgebildet werden, zusätzlich zu den klassischen Inhalten eines Bildungsbürgertums. Beides schließt sich nicht aus, sondern potenziert sich. Vor allem aber sollte deutlich werden, dass das Handwerk ganz elementar zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.

Wir alle haben die Erfahrung gemacht, dass wir in Zeiten hyperdynamischen Wandels stabile und resiliente Persönlichkeiten brauchen. Polytechnische Fertigkeiten – vor dem Hintergrund der Aufklärung gelesen, der Mensch als Wesen verschiedener Fähigkeiten – eröffnen mehr Perspektiven, um gut mit dem Leben in ganz unterschiedlichen Situationen umgehen zu können. Beginnen wir also, die Schulklassen nicht nur mit I-Pads für die laufende Digitalisierung auszustatten, sondern reaktivieren wir zusätzlich wieder die alten Werkräume und den Werkunterricht als Zukunftsinvestition. Über diese können die jungen Menschen spüren, also körperlich erleben, dass sie über mehr Kompetenzen, Talente und Potenziale verfügen, als sich allein mit digitalen Fähigkeiten auszuzeichnen. Mit diesem Weg würde unsere Gesellschaft auf breiter Ebene jene (handwerklichen) Kompetenzen wieder verfügbar machen, die wir benötigen, um die Zukunft im wahrsten Sinne des Wortes wieder besser „meistern" zu können.

Weiterführende Informationen:
Ansprechpartner/-innen:
Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt UAS, E-Mail: praesident@fra-uas.de
Susanne Haus, Präsidentin Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, E-Mail: praesidentin@hwk-rhein-main.de

Die Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS)
Die Frankfurt University of Applied Sciences zeichnet sich durch angewandte Wissenschaft, hohe Internationalität und gelebte Vielfalt aus. Fragen aus der Praxis erhalten wissenschaftlich fundierte Antworten, und Forschungsergebnisse finden einen direkten Weg in die Gesellschaft. Durch Partnerschaften mit weltweit rund 200 Hochschulen ist die Frankfurt UAS in einer globalen Bildungswelt gut vernetzt. Vier Fachbereiche bieten 72 Studiengänge mit technischer, wirtschaftlich-rechtlicher und sozialer Ausrichtung an. Ein vielfältiges Weiterbildungsprogramm ermöglicht auch Externen berufsbegleitendes, lebenslanges Lernen. Zudem wird anspruchsvolle, inter- und transdisziplinäre Forschung in außergewöhnlichen Fächerkombinationen betrieben. Im Dialog mit Partnern aus Wirtschaft, Verbänden und Institutionen ist die Frankfurt UAS innovative Entwicklungspartnerin, um gemeinsam zukunftsweisende Lösungen zu generieren. Die enge Verknüpfung von Forschung und Lehre mit der Praxis qualifiziert die Studierenden für einen erfolgreichen Einstieg in attraktive Berufsfelder und gewährleistet ihre Anschlussfähigkeit im Berufsalltag. Der Campus der 1971 als Fachhochschule Frankfurt am Main – University of Applied Sciences gegründeten Hochschule liegt zentrumsnah im Herzen Frankfurts.

Die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main
Die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main vertritt rund 33.000 Betriebe, rund 157.000 Handwerkerinnen und Handwerker, davon etwa 10.000 Azubis aus den Städten Darmstadt, Frankfurt und Offenbach sowie den Landkreisen Bergstraße, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Hochtaunuskreis, Main-Taunus-Kreis, Offenbach und dem Odenwaldkreis. Die Kammer ist an sechs Standorten vertreten: Neben drei Berufsbildungs- und Technologiezentren in Bensheim, Frankfurt und Weiterstadt hat sie eine Hauptverwaltung in Frankfurt und in Darmstadt sowie ein Büro in Brüssel.
Aus- und Weiterbildungsangebote der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main finden sich unter www.rhein-main-campus.de

Kontakt: Frankfurt University of Applied Sciences, Dr. Nicola Veith | veith@kom.fra-uas.de | www.frankfurt-university.de

Quelle: Frankfurt University of Applied Sciences

Gesellschaft | Bildung, 29.06.2022
     
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