Jugend im Dauerkrisenmodus

Christoph Quarch plädiert dafür, die Stimme der Jungen ernst zu nehmen und ihre Tapferkeit zu würdigen.

Die Stimmung im Lande ist schlecht. Zumindest bei den jungen Leuten. Klimakrise, Covid und der Krieg in der Ukraine haben sie in einen „Dauerkrisenmodus" versetzt. Zu diesem Ergebnis kommen die Autoren der repräsentativen TrendstudieJugend in Deutschland, die vor wenigen Tagen vorgestellt wurde. Besonders der Krieg in der Ukraine bereitet demnach den Jugendlichen große Sorgen, da er ihr Vertrauen in die Zukunft und ihr bisheriges Sicherheitsgefühl zerstöre. Was können die Altvorderen für die jungen Leute tun? Darüber reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.

Herr Quarch, kann vielleicht die Philosophie den jungen Menschen Hoffnung machen?
Besonders der Krieg in der Ukraine bereitet nach einer aktuellen Studie Jugendlichen große Sorgen, da er ihr Vertrauen in die Zukunft und ihr bisheriges Sicherheitsgefühl zerstöre. © zzkonst, pixabay.comOffen gestanden: Nein. Und das ist vielleicht auch ganz gut so, weil die Hoffnung von Philosophen höchst unterschiedlich gesehen wird. Manche halten sie für einen Segen, andere, wie Friedrich Nietzsche, für ein Fluch – weil sie dazu führe, sich in Illusionen zu ergehen, die am Ende alles nur noch schlimmer machen. Deshalb habe ich gerade wegen ihrer Illusionslosigkeit eine gewisse Bewunderung für die junge Generation. Sie weicht der harten Realität nicht aus und versucht gar nicht erst schön zu reden, was nicht schön ist. Dieser Realitätssinn ist eine gute Voraussetzung, die aktuellen Krisen bestehen zu können.

Aber laut der Studie führt dieser Realitätssinn eher zum Gegenteil: fast 70 Prozent der 14-29-Jährigen haben Angst vor einem Krieg in Europa.
Ich kann das verstehen, auch wenn ich selbst diese Angst nicht teile. Aber wenn sie jemanden ergriffen hat,  dann ist es durchaus gesund, sie anzuerkennen und nicht durch vage Hoffnungen zu betäuben. Wenn man das tut, hat man nämlich die Chance, die Angst in etwas Positives zu verwandeln. Zum Beispiel in die alte, aber oft vergessene Tugend der Tapferkeit – eine Qualität, die es Menschen erlaubt, unter widrigen Umständen nicht nur zu bestehen, sondern handlungsfähig zu bleiben. Tapferkeit ist mehr als Frustrationstoleranz: Sie ist das menschliche Vermögen, auch dann noch Sinn zu erkennen und zu stiften, wo eine Lage hoffnungslos erscheint.

Aber Herr Quarch, haben Sie den jungen Menschen ernsthaft nichts Besseres zu bieten als den Opa-Spruch: Ihr müsst jetzt bitte mal ganz tapfer sein. 
Ob das, was ich zu bieten habe, besser ist, weiß ich nicht. Womit ich es aber versuchen möchte, ist nicht der Appell zum Tapfer-Sein, sondern der Appell, die realen Ängste zum Anlass zu nehmen, sich zu fragen: Wofür wäre ich bereit, Opfer zu bringen? Was ist mir wirklich wichtig? Was gibt meinem Leben Sinn? Wenn ich Antworten auf diese Fragen finde, muss ich nicht mehr zur Tapferkeit ermahnt werden, sondern dann habe ein inneres Kraftzentrum, aus dem sie wächst. Und genau da steht die Gesellschaft hier und heute in der Pflicht. Anstatt sich in Debatten darüber zu verzetteln, ob und wenn ja welche Waffen man in die Ukraine liefern muss, sollte man das Gespräch mit den jungen Leuten suchen und sie dazu ermutigen, ihre Werte zu ermitteln, sie einzuklagen und ihnen treu zu bleiben.

Wenn es danach ginge, müssten wir bei den Waffenlieferungen noch zurückhaltender sein als Olaf Scholz. Der Umfrage zufolge finden nur 37 Prozent der jungen Menschen richtig, Waffen in die Ukraine zu liefern.
Ja, und vielleicht wäre es mal an der Zeit, in unseren Talkshows oder auch im Parlament ihren Sorgen Gehör zu schenken – anstatt die Debatten über die Zukunft des Landes den üblichen Verdächtigen zu überlassen. Es könnte ja sein, dass junge Menschen eine Reinheit der Intuition bewahrt haben, die uns Altvorderen verloren gegangen ist; und es könnte sein, dass ihre Ängste realistischer sind als unsere Hoffnung, durch Waffenlieferungen einen Krieg beenden zu können. Es könnte sein. So oder so täten wir gut daran – nachdem wir es schon bei Covid versäumt haben – die Stimme der Jungen ernst zunehmen und ihre Tapferkeit zu würdigen. Von der nämlich können sich viele der aktuellen Wortführer eine Scheibe abschneiden.


Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch






Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 


     
        
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