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„Die Wissenschaft denkt nicht!“

Christoph Quarch plädiert dafür, in der Pandemie auf die Wissenschaft zu setzen, aber auch den Diskurs darüber zu führen, was diese antreibt.

Das dritte Jahr mit Covid hat begonnen und die Infektionszahlen steigen in nie gekannte Höhen. Und das, obwohl Millionen Menschen geimpft oder geboostert sind und Milliardengelder in Forschungsprojekte für Impfstoffe oder Medikamente investiert wurden. Das Virus, so könnte man glauben, treibt gleichwohl seinen Schabernack mit uns. Vor allem wirft es uns dieser Tage eine verstörende Frage vor: Ist unsere Wissenschaft wirklich in der Lage, dem Erreger beizukommen? Ist Wissenschaft wirklich die einzige Waffe im Kampf gegen Corona, wie der ZDF-Wissenschaftsjournalist Ingolf Baur dieser Tage behauptet hat? Oder müssen wir akzeptieren, dass das Covid-Virus auch der Wissenschaft ihre Grenzen aufzeigt? Über diese Fragen reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.

Herr Quarch, wie steht es um Ihr Vertrauen in die Wissenschaft?
Wissenschaft öffnet uns immer nur einen bestimmten Blick auf die Welt. Sie ist nicht so objektiv, wie sie glaubt. © geralt, pixabay.comIch weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob es „die Wissenschaft" gibt. Wenn in den Medien von „der Wissenschaft" die Rede ist, dann sind damit meistens die empirischen und angewandten „Naturwissenschaften" gemeint, denen wir in der Tat – gerade in Zeiten der Pandemie – vieles zu verdanken haben. Es wird allerdings oft übersehen, dass diese Wissenschaften im Verlaufe ihres Triumphzugs durch die jüngere Geschichte auch eine Menge unliebsamer Nebenwirkungen gezeitigt haben: von der Atombombe über die Umweltverschmutzung bis zum Artensterben. Darauf hinzuweisen ist deshalb wichtig, weil daran ein strukturelles Problem der neuzeitlichen Wissenschaft erkennbar wird: Sie verschafft uns ein beispielloses Maß an Informationen, Daten und Wissen – aber sie erzeugt aus sich heraus nicht die Weisheit, wie wir sinnvoll und vernünftig damit umgehen.

Aber man kann der Wissenschaft doch nicht ankreiden, dass ihre Erkenntnisse missbraucht oder schlecht angewandt werden.
Nein, das kann man nicht. Was man ihr allerdings durchaus ankreiden kann, ist der Hochmut mancher Wissenschaftler, die sie zum einzig möglichen und erlaubten Instrument unserer Weltwahrnehmung erklären – oder eben zur einzigen Waffe gegen Corona, wie Herr Baur. Wobei ich schon die Wortwahl verräterisch finde. Wissenschaft als Waffe – das lässt mich zusammenzucken, verrät aber zugleich sehr viel über das Selbstverständnis vieler Wissenschaftler. Sie verstehen ihre Wissenschaft als Instrument, um sich die Welt untertan zu machen. Damit exekutieren sie ein Programm, das der Philosoph René Descartes schon im 17. Jahrhundert formulierte, als er forderte, der Mensch möge kraft seiner Wissenschaft zum Herrn und Meister über die Natur werden; und zwar, um sie nach Maßgabe seiner Wünsche und Interessen nutzbar zu machen oder gar zu verbessern.

Aber was ist falsch daran? Immerhin verdanken wir diesem Wissenschaftsverständnis enorme zivilisatorische Fortschritte.
Falsch daran ist, dass uns die Wissenschaft immer nur einen bestimmten Blick auf die Welt öffnet. Sie ist nicht so objektiv, wie sie glaubt. Sie erkennt – wie die Wissenschaftsphilosophie gezeigt hat – immer nur dasjenige, was dem Erkenntnisinteresse der Forschenden folgt. Sie fragt überhaupt nur nach demjenigen, was ihr fragwürdig erscheint. Sie selbst aber stellt sich nicht die Frage, was von ihr befragt werden sollte und was nicht – oder anders gesagt: Als Wissenschaft fragt die Wissenschaft nicht danach, warum sie bestimmte Fragen stellt und andere nicht. Martin Heidegger hat deshalb einmal die provozierende These formuliert: „Die Wissenschaft denkt nicht." Er meinte damit: Sie denkt nicht über ihre Voraussetzungen nach. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch Wissenschaftler gäbe, die durchaus nach dem Sinn ihres Tuns fragen. Aber wenn sie das tun, ist das eben nicht mehr wissenschaftlich, sondern philosophisch oder religiös.

Okay, aber was heißt das jetzt in der Pandemie: Sollten wir weiter auf die Wissenschaften setzen oder nicht?
Wir sollten auf die Wissenschaft setzen, aber nicht nur auf sie. Genauso wichtig – und das meine ich so, wie ich es sage – ist der Diskurs darüber, was die Wissenschaft treibt: welchen Werten sie folgt, wem sie dienstbar ist, wessen Interessen sie dient. All das muss gefragt werden, weil wir sonst Gefahr laufen, die Wissenschaft zu ideologisieren. Und wenn gesagt wird, sie sei die einzige Waffe im Kampf gegen Covid, dann ist genau das schon passiert. Dann wird ungefragt ein Mindset propagiert, der erstens in einem Denkmodell von Kampf und Krieg gefangen ist und dabei zweitens die Wissenschaft als Heilmittel anpreist. Das hat aber nichts mehr mit Wissenschaft zu tun, sondern mit Ideologie oder gar Religion. Und das ist gefährlich, weil die Wissenschaft dadurch ihre Unschuld verliert und zu einer ganz anderen Waffe wird: nämlich zur weltanschaulichen Waffe im Kampf gegen eine Gruppe von vermeintlich unwissenschaftlichen oder irrationalen Häretikern. Wo das geschieht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich die Fronten in unserem Land immer mehr verhärten.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch




Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Gesellschaft | Politik, 11.01.2022

     
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