Lenker statt Lenkrad

Pendler-Radrouten sollen zum Umsteigen aufs Fahrrad ermuntern. Die Städte profitieren

Radfahren liegt im Trend. Mit dem E-Bike wird auch das Radpendeln zum Arbeitsplatz über weitere Entfernungen zu einer echten Alternative zum eigenen Pkw. Aber dazu braucht es eine passende Infrastruktur. Mit Pendler-Radrouten in sieben ausgewählten Regionen in Rheinland-Pfalz macht das Land ein attraktives Angebot zum Umsteigen vom Vier- aufs Zweirad. Die Kommunen spielen bei der Umsetzung eine zentrale Rolle.
Leitendes Element: Die Pendler-Radrouten sollen gut erkennbar sein. Damit dies auch ohne Beleuchtung klappt, wird die gesamte Strecke mit einem weißen Fahrbahnbegrenzungsstrich ausgestattet. © LBM Rheinland-Pfalz
Allmorgendlich gegen acht Uhr schwingt sich Helmut Schneider auf sein Fahrrad und macht sich auf den Weg ins Büro. Von Andernach pendelt er zu seinem Arbeitgeber nach Koblenz. Rund 50 Kilometer sind das insgesamt, hin und zurück. Was für manchen Radwanderer  schon eine gute Tagesetappe ist, bewältigt Helmut Schneider zügig in etwas mehr als einer Stunde je Weg. Denn mittlerweile ist der 63-Jährige von reiner Muskelkraft auf ein E-Bike umgestiegen. „Man ist ja nicht mehr der Jüngste", bemerkt er schmunzelnd.

Da geht’s lang: An Verkehrsknoten, in Ortszentren oder an Ausfallstraßen weisen Voll- oder Tabellenwegweiser mit PRR-Routenlogo die Richtung. © Dominik Ketz, Montage Beckmann Mediendesign Von seinem Wohnhaus in Andernach geht’s hinunter an den Rhein. Der Radweg entlang des Stroms ist an manchen Stellen sehr schmal. Vor allem auf dem Rückweg am Nachmittag, wenn auch Fußgänger und Freizeitradler unterwegs seien, könne es da auch schon mal ziemlich eng werden, so Schneider.
Den Großteil der Strecke kann Schneider auf dem Radweg bleiben, auch wenn die Fahrbahndecke stellenweise marode ist und dringend saniert werden müsste. „Auf den letzten Kilometern wird’s dann allerdings ziemlich ungemütlich", sagt er. Schlaglöcher, Baustellen, enge Gassen machen die Anfahrt zum Büro zu einer Geschicklichkeitsprüfung.

Mit dem Auto im Stau
Trotz aller Widrigkeiten: Für Helmut Schneider ist die Pendelei mit dem Rad eine willkommene Alternative zum eigenen Pkw. „Im Auto stehe ich die meiste Zeit im Stau", weiß der studierte Landschaftsplaner. Auf dem Rad brauche er zwar etwas länger, dafür sei er an der frischen Luft und habe trotz der elektrischen Unterstützung jede Menge Bewegung.

Und gut fürs Klima sei der Umstieg aufs Rad allemal. In seiner Dienststelle in Koblenz kommen mittlerweile mehr als 20 Kolleginnen und Kollegen mit dem Zweirad zur Arbeit. Wenn die Zuwege zu den Büros und Arbeitsstätten vielfach fahrradfreundlicher und -tauglicher wären, würde die Zahl der Radpendler sicher noch weiter steigen – davon ist Schneider überzeugt.

Vorfahrt für den Radverkehr
Seine Vision soll in ganz Rheinland-Pfalz bald Wirklichkeit werden. Anfang März dieses Jahres stellten die alte Landesregierung und über 40 Beteiligte von Kommunen, Verbänden und Landtagsfraktionen den neuen „Radverkehrs-Entwicklungsplan 2030 Rheinland-Pfalz" vor. Dieser enthält ein ganzes Bündel von neuen und bereits laufenden Maßnahmen, die das Fahrrad als alltagstaugliches und klimaschonendes Verkehrsmittel herausheben und fördern.
Wichtiger Baustein in dem Konzept sind sieben Korridore für die Pendler-Radrouten (PRR) in verschiedenen Regionen des Landes, die bereits 2014 identifiziert wurden und die aktuell in Vorbereitung oder auch schon in der Umsetzung sind (siehe Info „Die Pendler-Radrouten"). Diese Pendler-Radrouten sollen überwiegend auf vorhandenen Straßen und Wegen verlaufen und mit möglichst geringen Investitionen eine zeitnahe und kostengünstige Umsetzung ermöglichen. Im Fokus von Rheinland-Pfalz steht demnach in einer ersten Stufe die Ertüchtigung der vorhandenen Infrastruktur, heißt es beim Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM RLP), der das PRR-Projekt koordiniert.

Die Planung im Bestand soll zudem den vorhandenen, größtenteils begrenzten Verkehrsraum möglichst neu aufteilen und gerade auch in Ballungszentren für Entlastung sorgen. Vor Planung und Umsetzung der jeweiligen Vorzugsrouten wird in Machbarkeitsstudien die passende Streckenführung geprüft; deren Kosten trägt zu 80 Prozent das Land als sogenannten „Interessenanteil des Landes".

Klimaschutz und Lebensqualität
Leitendes Motiv: Auf der gesamten Strecke und besonders an unübersichtlichen Stellen schaffen Bodenpiktogramme Klarheit. © Dominik Ketz, Montage Beckmann Mediendesign Während die Pendler-Route zwischen Mainz und Bingen, als sogenanntes Pilotprojekt derzeit umgesetzt wird und zum Teil fertiggestellt und befahrbar ist, fängt für die Strecke von Koblenz bis Remagen die Arbeit gerade erst an. 13 Kommunen aus der Region haben sich dazu Ende Januar 2021 im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung das Ja-Wort gegeben. Der Untersuchungskorridor der nun folgenden Machbarkeitsstudie umfasst sowohl links- als auch rechtsrheinisch eine Länge von je rund 55 Kilometer sowie weitere 15 Kilometer als Anbindung an Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Ziel ist eine direkte, möglichst störungsarme Verbindung zwischen den einzelnen Ortschaften – ohne Umwege. „Die Machbarkeitsstudie ist in Auftrag gegeben", erklärt Alessa Strubel, Projektmanagerin bei der Verbandsgemeinde Bad Breisig, die in ihrer Funktion als Geschäftsstelle des Städtenetzes „Mitten am Rhein" gemeinsam mit dem LBM RLP sowie der regionalen LBM-Dienststelle Cochem-Koblenz die Koordination des Vorhabens übernommen hat. Langfristig versprechen sich die Verantwortlichen unter anderem weniger Verkehr durch Pkw-Pendler vor allem in den Rush-Hours, eine bessere Luftqualität und insgesamt eine Steigerung der Lebensqualität entlang der Magistralen.

In gut zwei Jahren werden die Ergebnisse als Basis für die weiteren Planungen vorliegen. Erst danach geht es in die Umsetzung. Für Helmut Schneider wird die Pendler-Radroute für die Fahrt zum Arbeitsplatz vermutlich zu spät kommen. Als Ruheständler „nutze ich den Radweg dann halt für Freizeittouren", prophezeit er lächelnd.

Die Pendler-Radrouten
  • Bingen – Ingelheim – Mainz
  • Ludwigshafen – Schifferstadt
  • Schifferstadt – Speyer – Wörth a.R.
  • Worms – Ludwigshafen
  • Konz – Trier – Schweich
  • Neustadt a.d.W.  – Landau/Pfalz
  • Koblenz – Landesgrenze NRW (rechts- und linksrheinisch)
  • Kaiserslautern – Landstuhl
  • Koblenz Stadt bis Stadtgrenze Stolzenfels / Rhens
  • Koblenz Stolzenfels bis Boppard inkl. Abzweigungen ins Mosel- und Lahntal

Neue Bundesfördermittel für Kommunen
Radwege von Städten und Gemeinden, Fahrradparkhäuser oder mehr Sicherheit im Radverkehr können zukünftig auch über das vom Bund aufgelegte Sonderprogramm „Stadt-Land" gefördert werden. 33 Millionen Euro stehen für Rheinland-Pfalz zur Stärkung des Alltagsradverkehrs zur Verfügung. Die Fördermöglichkeiten des Sonderprogramms sind sehr umfangreich. So können beispielsweise Radwege, Radwegebrücken, Fahrradzonen, Radparkhäuser oder Fahrradabstellanlagen gefördert werden; aber auch Maßnahmen zur Verbesserung des Verkehrsflusses, wie optimierte Ampelschaltungen, vorgezogene Haltebereiche für Radler oder das Erstellen von Radverkehrskonzepten (nur zusammen mit daraus resultierenden Baumaßnahmen). Auch die in Rheinland-Pfalz in Planung befindlichen Pendler-Radrouten und Zuwegungen können mit dem Programm gefördert werden.

Das Programm läuft bis einschließlich 2023; es richtet sich an Städte, Gemeinden, Landkreise und die Länder. Bis Ende 2021 werden vom Bund bis zu 80 Prozent der förderfähigen Kosten übernommen, ab 2022 bis zu 75 Prozent. Finanzschwache Kommunen können bis zu 90 Prozent erhalten. Bedingung hierfür ist, neben dem Bau bzw. der Umsetzung der radverkehrsfördenden Maßnahme auch deren finanzielle Abrechnung bis Ende 2023 vorzunehmen.
Weitergehende Informationen und Ansprechpartner beim LBM gibt es auf den Seiten des Landesbetriebs Mobilität.

Quelle: Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH

Technik | Mobilität & Transport, 08.09.2021
     
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