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Genossenschaften neu entdecken!

Werteorientiertes und neues Wirtschaften

Effektiv und dennoch gemeinwohlorientiert wirtschaften – geht das? Ja! Genossenschaften beweisen es tagtäglich und bieten eine naheliegende Lösung bei unserer Suche nach einer neuen Form des Wirtschaftens. Warum das so ist, erläutert André Dörfler als Innovationsmanager und Fan der Genossenschaftsidee zum Start der forum Serie Genossenschaften.

Eigentlich ist es verrückt, denke ich. Wie viel Aufmerksamkeit bekommen die Tech-Giganten aus USA und China sowie börsennotierte Unternehmen in TV, Print- und Digital-Medien! Wie wenig wird im Verhältnis dazu über Genossenschaften berichtet! Dabei sind Genossenschaften in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv und realisieren hier das Gemeinwohlprinzip. Kein Wunder, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich für Genossenschaften interessieren. Sie sind auf der Suche nach etwas, das ihnen beim verantwortungsbewussten und nachhaltigen Wirtschaften hilft, oder – wie es beim World Economic Forum 2020 in Davos formuliert wurde – nach einer neuen Art des Kapitalismus. Auf dieser Suche stoßen sie auf die rund 175 Jahre alte Genossenschaftsidee und entdecken sie neu. Zum Start der neuen „Serie Genossenschaften" im forum Nachhaltig Wirtschaften möchte ich die Grundlage legen durch grundlegende Informationen über Genossenschaften.

Die Gründer der Genossenschaftsbewegung: Schultze-Delitzsch, Rochdale Pioneers, Raiffeisen (v.l.n.r.) Fotos: © Genossenschaftshistorisches Informationszentrum beim BVR und Rochdale Pioneers Museum
Die mutigen Gründer
Was ist eine Genossenschaft? Sie ist ein Unternehmen, das einer Gemeinschaft von Personen gehört und von diesen demokratisch geführt wird. Mitglieder sind also zugleich Eigentümer, und als solche arbeiten sie verantwortungsbewusst zusammen, um ihre gemeinsamen ökonomischen, ökologischen, sozialen oder kulturellen Ziele zu erreichen.

Mutige Pionierarbeit war einst vonnöten, als die Genossenschaftsbewegung vor 175 Jahren ihren Anfang nahm. In Deutschland waren die Gründer Friedrich-Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch, in England war es die Rochdale Equitable Pioneers Society. Sie suchten nach Lösungen für die wichtigsten gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit, für die Armut, den Hunger und die menschenunwürdige Arbeit. Und sie fanden Lösungen und verbesserten somit das Leben vieler Menschen. Aus heutiger Sicht waren sie Innovatoren und Entrepreneure – mutige Pioniere für verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Wirtschaften.

Große weltweite Verbreitung
Geschäftsfelder von Genossenschaften © André DörflerAufgrund der positiven Wirkung für Menschen und Gesellschaft hat sich die Genossenschaftsidee in der ganzen Welt verbreitet. Heute gibt es weltweit rund drei Millionen Genossenschaften mit über einer Milliarde Mitgliedern und 280 Millionen Mitarbeitern. In Deutschland sind es rund 7.700 Genossenschaften mit 22,6 Millionen Mitgliedern und rund einer Million Mitarbeitern. Damit zählen genossenschaftliche Unternehmen zu den größten Wirtschaftsorganisationen und Arbeitgebern. Jedoch werden sie fälschlicherweise so gar nicht wahrgenommen, weil sie – im Unterschied zu den Tech-Giganten und DAX-Konzernen – ein so vielfältiges Erscheinungsbild haben: vom kleinen Dorfladen bis zu den größten Finanzunternehmen, wie zum Beispiel der DZ Bank, welche die zweitgrößte Bank in Deutschland ist.

Purpose und Impact sind in der DNA
Die Verbreitung von Genossenschaften geschah nicht durch große Kampagnen und Marketingbudgets. Sie geschah wie von selbst – weil ein Zweck für sie nicht erst erfunden werden muss; er liegt in der Sache selbst, sozusagen in ihrer DNA. Die Genossenschaftsidee in einem Satz verdichtet heißt: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele." Durch Zusammenarbeit, durch Kooperation statt durch Konkurrenz soll Gemeinwohl geschaffen werden. Genossenschaften sind damit mehr als eine Unternehmens- und Rechtsform. Sie sind ein Mindset und Toolset für eine bessere Welt – regional und global. Denn sie werden von Purpose, dem sinnvollen Zweck, und von Werten angetrieben, nicht nur vom Gewinn. Die Methode: Gewinne werden in das Unternehmen reinvestiert oder an die Mitglieder zurückgegeben. Statt Gewinnmaximierung steht also das Gemeinwohl an erster Stelle – womit diese Unternehmen übrigens auch solider sind: Genossenschaften weisen bundesweit die geringste Zahl an Insolvenzen auf.

Werteorientiertes und neues Wirtschaften
Im MakerCamp Genossenschaften und in anschließenden Projekten wird gemeinsam daran gearbeitet, das Wachstum des genossenschaftlichen Ökosystems zu erreichen. Die Sustainable Development Goals (SDGs) der UN spielen dabei eine wichtige Rolle. © R+V VersicherungZu den genossenschaftlichen Werten zählen Solidarität, Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Fairness, Respekt, Vertrauen und gesellschaftliche Verantwortung. Somit sind Genossenschaften eine ethische Unternehmens- und Rechtsform. Das besondere an ihnen ist, dass sie hybride Organisationen sind. Das heißt, es werden die Vorteile von Unternehmen – also von Personen- und Kapitalgesellschaften – mit den Vorteilen von Vereinen zusammengebracht. In dieser Kombination sind Genossenschaften als Unternehmens- und Rechtsform einzigartig: Sie verbinden Business und Entrepreneurship mit demokratischer Zusammenarbeit. Nicht nur für die Gründer- und Startup-Szene sind sie dadurch interessant. Auch für diejenigen sind sie attraktiv, die neue und alternative Wirtschaftsformen gestalten wollen, also Gemeinwohl-Ökonomie, in Englisch: Economy for the Common Good, Sustainable Economy, Social Economy, Purpose Economy, Sharing Economy und Platform Economy.

Geschäftsfelder und Nachhaltigkeit
Genossenschaften gibt es, wie gesagt, in fast allen gesellschaftlichen Bereichen und verändern die Gesellschaft tagtäglich positiv, ohne in die Schlagzeilen zu geraten: Von Finanzen über Energie, Wohnen, Mobilität über Gesundheit, Pflege und Ernährung bis hin zu Kultur, Freizeit, Bildung sowie Regional- und Quartiersentwicklung.

Viele von ihnen tragen auch zur Erreichung der Sustainable Development Goals (SDG), den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der UN bei. Hier drei Beispiele aus Deutschland:
  • Rund 900 Energiegenossenschaften leisten ihren Beitrag zu den SDG 7 (Bezahlbare und saubere Energie) und 13 (Maßnahmen zum Umweltschutz).
  • Gesundheits- und Pflegegenossenschaften, die insbesondere medizinische Versorgung auf dem Land leisten, wirken auf SDG 3 (Gesundheit und Wohlergehen).
  • Rund 200 Schülergenossenschaften, das heißt Schülerunternehmen in der Unternehmensform einer Genossenschaft, tragen zum SDG 4 (Hochwertige Bildung) bei.

Anerkennung als Zukunftsgestalter
Das MakerCamp für Genossenschafts-Macher
Erneuerbare Energie, bezahlbarer Wohnraum, hochwertige Bildung, ärztliche Versorgung und Regionalentwicklung – das sind nur einige Beispiele für Bereiche, in denen das Genossenschaftsmodell auch im 21. Jahrhundert fruchtet. Doch die Verwirklichung einer neuen Idee ist nicht immer einfach. Um die Infrastruktur für die Gründung neuer Genossenschaften zu verbessern, hat die genossenschaftliche R+V Versicherung zusammen mit Partnern im Januar dieses Jahres das MakerCamp Genossenschaften initiiert und durchgeführt. Das Motto: „Genossenschaften sind voll im Trend und cooler denn je. Sie gestalten Zukunft." Das Projekt will eine Plattform für den Austausch und die Vernetzung der vielfältigen Akteure bieten sowie die Finanzierung und die Infrastruktur für Neugründungen verbessern. Außerdem wird daran gearbeitet, wie Genossenschaften noch stärker auf die Erreichung der Sustainable Development Goals ausgerichtet werden können. Die Vision des MakerCamp: 30.000 Genossenschaften bis 2030 in Deutschland erreichen, die eine bessere Welt schaffen – regional und global. www.makercamp-geno.de
Genossenschaften genießen international eine große Reputation. 2012 rief die UN zum Internationalen Jahr der Genossenschaften aus, um auf deren weltweite Bedeutung aufmerksam zu machen und ihre Rolle für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der internationalen Gemeinschaft zu betonen. UN-Generalsekretär Ban-Ki Moon sagte: „Genossenschaften erinnern uns daran, dass beides möglich ist: wirtschaftliche Lebensfähigkeit und soziale Verantwortung." Und 2016 zeichnete die UNESCO die Genossenschaftsidee und -praxis sogar als immaterielles Kulturerbe der Menschheit aus.

Eine Forsa-Umfrage von 2017 ergab, dass viele Menschen in Deutschland (64 Prozent) glauben, dass Genossenschaften die Welt gerechter machen können. „Die genossenschaftliche Idee lebt wieder auf", sagt der Zukunftswissenschaftler Prof. Dr. Horst Opaschowski in seinem aktuellen Buch „Wissen, was wird: Eine kleine Geschichte der Zukunft Deutschlands", und begründet es damit, dass er einen Trend weg vom Egoismus und hin zu mehr Gemeinschaft sieht. Prof. Dr. Uwe Schneidewind, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts und Mitglied des Club of Rome, schreibt in seinem Buch „Die Große Transformation: Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels", dass Familien- Genossenschafts- und Stiftungsunternehmen durch ihre Gemeinwohlorientierung ein hochinteressanter Typus von Unternehmen für eine Transformation im Sinne der Nachhaltigkeit sind.

Auf meiner eigenen Entdeckungsreise über ­Genossenschaften habe ich eines gelernt: Es gibt gute Gründe, warum Genossen­schaften eine Lösung für nachhaltiges Wirtschaften und solidarisches Handeln sind.

André Dörfler ist Innovationsmanager und Changemanager bei der genossenschaftlichen R+V Versicherung. Er bringt Mindset und Toolset von Gründern, Start-ups und innovativen Unternehmen mit den Themen Nachhaltigkeit und Genossenschaften zusammen. Ihm ist es wichtig, Genossenschaftsidee und -praxis zu entstauben – sie frisch und innovativ zu erklären und erlebbar zu machen.

Wirtschaft | Gründung & Finanzierung, 01.03.2020
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