Nachhaltig Wirtschaften und CSR sind eine Strategie, keine PR!

Von Susanne Bergius

Klimaschutz und Umwelt haben Hochkonjunktur - auf den Großanzeigen der Unternehmen, vor allem derer, die großen Nachholbedarf haben. Dies und die Flut von Hochglanz-Broschüren darf nicht darüber hinweg täuschen, dass deutsche Firmen "Nachhaltigkeit" immer noch nicht selbstverständlich strategisch anpacken, obwohl sie wettbewerbsrelevant ist.

"Corporate (Social) Responsibility" ist ein beliebtes Schlagwort, doch Kindergärten, Kultursponsoring und Naturerlebnispfade sind keine Belege für "C(S)R", für unternehmerische Verantwortung, sondern für bürgerschaftliches Engagement, "Corporate Citizenship". Dies gibt es schon lange, hat aber Klimawandel und soziale Missstände nicht verhindert. CR betrifft dagegen das Kerngeschäft, das durch die Globalisierung ökonomische, soziale und Umweltzustände überall auf der Welt beeinflusst. CR ist keine zusätzliche Aktivität, sondern eine Art, das Kerngeschäft zu managen: zugleich umwelt- und sozialverträglich sowie wirtschaftlich erfolgreich, kurz: "nachhaltig".

Davon sind die Unternehmen weit entfernt. 80 Prozent haben nicht einmal durchgängige CR-Managementstrukturen, wie Dieter Horst vom Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC) feststellte. Zwar haben viele deutsche Konzerne Leitlinien. Aber Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander, heißt es bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). Obgleich fast alle Unternehmen nachhaltiges Wirtschaften als Erfolgsfaktor bezeichneten, fehle die Einbindung in Kerngeschäft und strategisches Management.



Diese Lachsfischerei in Alaska wurde vom unabhängigen Marine Stewardship Council (MSC) zertifiziert. Sie trägt dazu bei, dass die Bestände der Fischpopulationen erhalten bleiben.
Foto: Iglo


Aktivitäten zur ökologischen und sozialen Verantwortung sind planlos auf Abteilungen verstreut, ohne in Innovationsprozesse und Produktentwicklung integriert zu sein. Es mangelt, selbst bei Vorreitern an Managementbewusstsein und unternehmensweiten Kontroll- und Reportingstrukturen. Das erklärt, warum nur Adidas, Henkel und KarstadtQuelle unter den Top 50 der Unternehmen mit weltweit führenden Nachhaltigkeitspraktiken sind, die der britische Think Tank SustainAbility ermittelte. Aber was man nicht kontrolliert, kann man weder sinnvoll steuern noch planen. Das kann fatal sein, weil Umwelt und Soziales über die Zukunftsfähigkeit des Kerngeschäfts entscheidet. Was nutzen Gewinn- und Umsatzwachstum, wenn der Klimawandel die Lebensgrundlage zerstört. Ohne eine intakte Umwelt ist Wirtschaften nicht möglich. Umweltschutz ist ein Muss, kein Luxus.

Was hilft es, wenn Autobauer "sauber" produzieren, aber Fahrzeuge massenhaft Treibhausgase ausstoßen? Es ist nicht glaubhaft, wenn BP oder RWE publikumswirksam in Erneuerbare Energien investieren und zugleich Ölpipelines verrotten lassen oder weiter Braunkohlekraftwerke mit niedrigen Wirkungsgraden und hohen CO2-Emissionen planen. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Solche Unternehmen gehen hohe finanzielle Risiken ein. Darum müssen Unternehmen seit 2006 in den Lageberichten aussagekräftige Angaben zu nachhaltigen Aspekten machen. Analysten und Investoren bewerten sie überwiegend als wichtig für Geschäftslage und ?-entwicklung, so eine Umfrage von Axel Hesse für die Wirtschaftsprüfung Deloitte und das Bundesumweltministerium (BMU).

Das A und O ist, echte Verantwortlichkeiten für Nachhaltigkeit zu schaffen. Die meisten CSR-Stellen koordinieren nur, beraten selten und haben kaum Kontroll-, geschweige denn Weisungsbefugnis. Vorbildhaft sind die Gremien bei BASF, Henkel, HypoVereinsbank und der WestLB, die beim Vorstand angesiedelt sind oder in denen Vorstände oder Vorstandschefs, strategische Planung, Produkt- und Funktionsbereiche sowie Regio?nen vertreten sind.

Unerlässlich sind ernsthafte Stakeholder-Dialoge mit Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, Mitarbeitern, Zulieferern und Kunden. Sie bringen viel Know-How ein. "Ohne einen systematischen Stakeholder-Dialog ist es, als hätte eine Aktiengesellschaft keine Investor Relations Abteilung", veranschaulicht Horst.
Zudem ist wie bei jeder Strategie erforderlich, Ziele und Zeitvorgaben zu setzen - und sich daran messen zu lassen. Es gilt, Nachhaltigkeit als verbindlichen betriebswirtschaftlichen Entscheidungsfaktor zu etablieren und quantifizierbare Kriterien für Investitionsentscheidungen zu entwickeln. Hierzu fehlt vielen Unternehmen der Mut.

Mangels Strategien liegen die Potenziale nachhaltigen Wirtschaftens für Wertschöpfung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit weitgehend brach. Dabei sind die ökonomischen Vorteile groß, selbst wenn sie sich nicht stets exakt berechnen lassen: geringerer Ressourcenverbrauch, Kostensenkung, optimierte Betriebsabläufe, bessere Geschäftsbeziehungen, Risikominderungen und höhere Mitarbeitermotivation. Das führt zu höherer Produktqualität, Innovationen und steigender Wettbewerbsfähigkeit. Dies alles zahlt sich durch mehr Gewinn, eine bessere Reputation, einen höheren Unternehmenswert oder besseren Kapitalmarktzugang aus, wie zahlreiche Studien erwiesen. Aber erst wenn Nachhaltigkeit und CSR zu Treibern von Wertschöpfung und Innovation im Kerngeschäft werden, erwachsen Wettbewerbsvorteile, die den Geschäftserfolg langfristig sichern.


Susanne Bergius
arbeitet seit 2004 als selbstständige Journalistin und Moderatorin für nachhaltiges Wirtschaften und Invest?ieren. Sie schreibt unter anderem für "Handelsblatt", ZEIT.online und Frankfurter Rundschau sowie Fach- und Buchpublikationen und ist Mitautorin des Fernlehrgangs "Eco-Anlageberater". Ferner moderiert sie Workshops, Podiumsdiskussionen, Fachveranstaltungen und Stakeholder-Dialoge. Von 1990 bis 2004 berichtete sie als Korrespondentin des "Handelsblatt" in Brüssel über Wirtschaft, Finanzwelt, Politik und Umwelt der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs. 2002 wurde sie zudem für den Themenkomplex Nachhaltigkeit zuständig. 2005 erhielt sie den Medienpreis des Forum Nachhaltige Geldanlagen. Susanne Bergius ist Diplom-Geographin und beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Nachhaltigkeitsfragen.




Dieser Text ist ein Beitrag aus dem Magazin "forum Nachhaltig Wirtschaften - Verantwortung für eine Welt". Weitere Informationen zum Magazin finden Sie hier

Quelle:



     
        
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