Vertrauen
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt über eine der wichtigsten Ressourcen unseres Lebens.
Ich möchte über das Vertrauen schreiben. Es ist eine der wichtigsten Ressourcen unseres Lebens. Doch sie droht zu verschwinden. Zum Teil, weil sie vergiftet wurde – zum Teil, weil wir vergessen haben, sie zu pflegen. Vergiftet wurde sie durch Unwahrheit und Lüge, durch Missbrauch und durch Untreue. Vergessen wurde sie im Rausch des virtuellen Raumes, der uns verlernen lässt, von Mensch zu Mensch einander zu begegnen. Nun leben wir – so heißt es – in einem postfaktischen Zeitalter. Das heißt: Als Wirklichkeit gilt uns nicht mehr das Sein, sondern der Schein; nicht mehr die erkennbare Faktizität, sondern die gefühlte Virtualität.
Wie anders sollte es sein, wenn immer mehr Menschen sich immer länger im virtuellen Raum des Internets bewegen: dort, wo jeder Hinz und Kunz ohne je zur Rechenschaft gezogen zu werden, Unwahrheiten und Lügen verbreiten kann; dort, wo Hacker Falschnachrichten streuen; dort, wo Pishing-Mails uns täglich das Blaue vom Himmel lügen; dort, wo in sozialen Netzwerken Datensätze für Menschen ausgegeben werden; dort, wo Misstrauen zur Tugend wird und der Vertrauensselige zum Deppen; dort, wo die Postfaktizität einen Donald Trump zum Präsidenten der USA kürt.
Postfaktisch ist das Wort des Jahres 2016. Die Postfaktizität ist es ein blanker Euphemismus. Richtiger sollte man von Hölle sprechen. Denn eine postfaktische Welt ist eine Welt, in der das Misstrauen zur Tugend wird. Und wo das geschieht, da ist die Hölle. Denn wenn Menschen einander nicht mehr vertrauen, wird menschliches Miteinander unmöglich. Und ohne Miteinander keine Menschlichkeit. Wer nicht vertrauen kann, verendet in der Einsamkeit; vielleicht verblendet in der virtuellen Illusion, in einem Netzwerk aufgehoben zu sein, postfaktisch narkotisiert vom neuen Opium des Volkes namens Internet.
Lassen Sie uns den Aufstand proben. Weihnachten steht vor der Tür – und damit die Frage: Was soll ich dieses Jahr verschenken? Mein Vorschlag: Schenken Sie Vertrauen! Tun Sie’s einfach. Lassen Sie sich nicht anstecken vom Ungeist der Postfaktizität. Verweigern Sie sich der virtuellen Lügenwelt und wenden sich dem faktischen Menschen aus Fleisch und Blut zu. Schauen Sie ihm in die Augen. Reichen Sie ihm die Hand. Und machen Sie ihn zu Ihrem Vertrauten. So wie mein Freund Jan, dem ich die größte Szene dieses Jahres verdanke: Im Restaurant zahlt er mit Karte. Anstatt den unvermeidlichen PIN selbst ins Gerät zu tippen, sagt er dem Kellner die vier Ziffern und bittet ihn, das selber zu erledigen. Das ist groß! Das ist menschlich! Daran sollten wir alle Maß nehmen, wenn uns das Menschliche im postfaktischen Zeitalter nicht ganz verloren gehen soll.
Schenken Sie Vertrauen. Sagen Sie trotzdem Ja zum Anderen und neutralisieren so das Toxin des Misstrauens in seiner Seele. Eine größere Freude können Sie niemandem machen. Auch nicht sich selbst. Denn wer Vertrauen schenkt, darf darauf hoffen, dass auch ihm Vertrauen geschenkt wird: das Kostbarste, was uns in dieser Zeit gegeben ist.
Christoph Quarch
ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Zum Vatertag überlegt Christoph Quarch, was einen guten Vater ausmacht
Der Tag, an dem Gläubige seit Jahrhunderten das Fest der Himmelfahrt Christi begehen, ist den meisten nur noch unter dem Namen "Vatertag" geläufig. Die Überlappung beider Feste hat ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert, als unter Männern vor allem in Berlin und Umgebung das Brauchtum entstand, den Festtag für eine damals sogenannte "Herrentagspartie" zu nutzen.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
JUN
2026
JUN
2026
SEP
2026
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Bildung
Keine Zeit für Kinder und ZukunftChristoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Jetzt auf forum:
Erfolgreicher Moor-Mitmachtag mit 100 Freiwilligen
Klimaneutrale Speicherstadt drei Mal erfolgreich bei DGNB Sustainability Challenge
Die Sommer-INNATEX wartet auf mit bekannten Namen und essenziellen Themen
Neue Wege gehen: Die nächste Generation steht bereit
Aktionsplan Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie - was bringt er?
Confiance en Europe – Zuversicht in Europa. Risiken meistern, Chancen nutzen





















