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Hannah Witting

Schafft sich die ISO selbst ab?

Vor- und Nachteile der ISO 9001/14001 Revision

Die Revision der ISO 9001 und 14001 soll die Integration der Normen vorantreiben und erweitert gleichzeitig den Verantwortungsbereich der Unternehmen. Das bringt Vorteile, aber auch neue Herausforderungen mit sich. forum zeigte im letzten Heft die Entstehung der ISO Normen und stellt hier die spannenden Folgen für die Praxis vor.
 
Die International Standard Organization (ISO), die internatio­nale Vereinigung der nationalen Normungsorganisationen, veröffentlicht im Herbst dieses Jahres die Revision der zwei bekanntesten Normen aus ihrer Standardsammlung: die Norm zum Qualitäts- (ISO 9001) und Umweltmanagement (ISO 14001).
 
Ziel der Revisionen ist die bessere Integrationsfähigkeit beider Regelwerke, denn viele Unternehmen befolgen nicht nur eine der Normen und wünschen sich seit Jahren eine bessere Vereinbarkeit. Während die Normen derzeit teilweise unterschiedlich viele Kapitel aufweisen, erhalten sie nun einen einheitlichen Aufbau in zehn Kapiteln. Zukünftige Überarbeitungen, so beispielsweise der ISO 45001 (Gesundheit und Arbeitssicherheit), die für 2016/2017erwartet wird, und der Energiemanagementnorm 50001 werden im gleichen Format erfolgen. Dies ist ein notwendiger und sinnvoller Schritt.

Kontext der Organisation, ISO 14001: 2015 © B.A.U.M. Consult in Anlehnung an ISO 14001: 2015
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Inhaltliche Neuerungen
Neben der strukturellen Neuordnung der Kapitel wurden auch inhaltliche Veränderungen umgesetzt. Die neuen Normen 9001 und 14001 fordern verstärkt die Einbindung von Stakeholdern. Unternehmen müssen zudem Chancen und Risiken ihrer unternehmerischen Aktivität ermitteln und dabei den Prozess (9001) beziehungsweise den Lebenszyklus von Produkten und Dienstleistungen (14001) in den Fokus stellen. Auf Basis dieser Bausteine wird in Zukunft der Anwendungsbereich der Norm abgesteckt. Das bedeutet in der Konsequenz, dass Systemgrenzen viel weiter gefasst werden müssen als bisher; ausgelagerte Prozesse und Fertigungsstufen fallen ebenso in den direkten Verantwortungsbereich des Unternehmens wie die gesamte Lieferkette (siehe Abbildung).
 
Weiterhin wird die Führung deutlich stärker in die Pflicht genommen. Das System soll in strategische Geschäftsprozesse integriert werden; Qualitäts- und Umweltbeauftragte sind folglich nicht mehr explizit gefordert. Übergeordnetes Steuerungsinstrument werden Kennzahlen, die für jedes Ziel definiert, erhoben und regelmäßig bewertet werden sollen. Des Weiteren ist für die Anwendung der Umweltmanagementnorm eine Kommunikationsstrategie zu formulieren.
 
Wann müssen die Änderungen umgesetzt sein?
Ab Veröffentlichung der Normen sind Übergangsfristen für die Umsetzung vorgesehen – drei Jahre für bereits zertifizierte Unternehmen. Für Unternehmen, die erstmalig eine Zertifizierung anstreben, wurden 18 Monate Übergangszeit festgesetzt. 2018 werden die „alten" Normen also endgültig abgelöst.
 
Entscheidenden Einfluss bei der Auslegung der Norminhalte und der Konkretisierung der Anforderungen an die Unternehmen haben die Zertifizierungsstellen. Es ist zu erwarten, dass bereits in den Zertifizierungsaudits 2016 sukzessive mehr Inhalte der neuen Normen angesprochen und abgefragt werden. Durch die zahlreichen Überschneidungen wäre zudem die Kürzung der Auditzeiten für integrierte Prüfungen realisierbar. Das würde den Unternehmen tatsächliche Vorteile verschaffen. Ob die zuständige Stelle, die Dakks (deutsche Akkreditierungsstelle), eine solche Reduktion umsetzt, bleibt bisher offen.
 
Bewertung
Die Normen werden professioneller und anspruchsvoller. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen. Aber entspricht der erwartete Mehraufwand überhaupt noch dem Nutzen, den eine Zertifizierung mit sich bringt?
 
Für KMU werden die neuen Anforderungen eine große Hürde darstellen und mehr Ressourcen binden, insbesondere beim Aufbau der neuen Inhalte und bei der Anpassung der Dokumentation. Dies könnte zur Folge haben, dass sich Unternehmen trotz Vorteilen gegen die Einführung oder Rezertifizierung der ISO Normen entscheiden.
 
Für große, international tätige Unternehmen gehen die Änderungen Hand in Hand mit derzeitigen Entwicklungen und Trends im Markt. Die zusätzlichen Anforderungen bezüglich Stakeholder-Einbindung sowie der Chancen und Risiken des Geschäftsbetriebs entsprechen den neuen Inhalten des Nachhaltigkeits-Berichtsstandards G4 der Global Reporting Initiative und der EU-Bilanzrichtlinie 2014/95/EU. Letztere ist in den nächsten zwei Jahren vom deutschen Gesetzgeber in nationales Recht umzusetzen. Die Anpassungen in den ISO Normen reduzieren an dieser Stelle Doppelarbeiten.
 
Fazit: Die ISO wird sich mit der Revision nicht abschaffen, sie verlagert aber ihre Zielgruppe (ungewollt) Richtung Großunternehmen.
 
Hannah Witting
ist Beraterin bei der B.A.U.M. Consult GmbH mit den Schwerpunkten Klimaschutz und Nachhaltigkeitsmanagement.

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2015 - Ertrinken wir in Plastik? erschienen.



     
        
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