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Joachim Schöpfer

Friedhof der Kleidungsstücke

In Stephen Kings Horror-Klassiker „Friedhof der Kuscheltiere“ von 1983 will der Protagonist Louis Creed nur das Beste für seine Familie und seinen verunglückten Sohn wieder zum Leben erwecken. Seine gute Absicht macht aber alles nur schlimmer. Auch der Kleidungsmarkt steckt in einem solchen Paradox.

© www.racheshop.deViele möchten ihre alten Kleidungstücke spenden, um Bedürftigen zu helfen, doch sie unterstützen damit meist nur ein undurchschaubares System, an dem viele verdienen. Der Textilverband BVSE geht davon aus, dass jedes Jahr um die 1,1 Millionen Tonnen neue Textilien gekauft und genauso viele jährlich aussortiert werden. 350.000 Tonnen dieser Textilien wandern jährlich in den Müll, obwohl die Hälfte davon noch in gutem Zustand ist.
 
Geschätzte 750.000 Tonnen landen in der Altkleider-Sammlung, doch vielfach ist nicht klar, wer hinter den Sammlern steckt. Denn neben karitativen Einrichtungen mischen auch kommerzielle Anbieter in diesem Bereich mit und es ist häufig nicht erkennbar, wer kommerzielle und wer karitative Interessen verfolgt. Und selbst für karitative Einrichtungen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ist das Sammeln mit hohen Kosten verbunden, die von den Spenden mitfinanziert werden müssen. Denn das Betreiben der bekannten Altkleider-Container ist alles andere als günstig: Experten gehen davon aus, dass bis zu 88 Prozent der Spenden dafür aufgewendet werden.
 
Die gespendeten Kleider in Containern oder Haustürsammlungen werden unsortiert an gewerbliche Textilsortierbetriebe verkauft, die in reiner Handarbeit die Kleider sortieren. Die sortierte Ware wird dann als Secondhand-Kleidung weiterverkauft oder -verarbeitet. Institutionen wie Kleiderkammern beziehungsweise Sozialkaufhäuser stechen in diesem Markt allerdings positiv heraus, denn hier wird wirklich für die Bedürftigen gesammelt und Kleidung an die Richtigen weitergegeben. Doch auch sie sind nicht ohne Probleme: Häufig erhalten sie weit mehr Spenden, als sie benötigen und müssen Überschüsse an gewerbliche Textilsortierer verkaufen. Es kann nämlich nur 1 Prozent aller Kleider direkt an Bedürftige weitergeben werden – schlicht weil in Deutschland vergleichsweise wenige Obdachlose leben und diese auch mit großen Mengen an Kleidung nichts anfangen könnten, da sie keinen Kleiderschrank besitzen.
 
 © FairWertung e.V.Tote Kleider erwachen wieder zum Leben
99 Prozent der gespendeten alten Kleider werden also gewaschen, aufgearbeitet und hauptsächlich nach Osteuropa und Asien verkauft. Sie erfahren dort ein zweites Leben, was in der globalisierten Welt nichts Verwerfliches ist, lediglich die Täuschung der Spender stößt sauer auf. Denn das Vertrauen der Spender, die etwas Gutes tun wollen, wird durch den Missbrauch mehr und mehr untergraben. In einer repräsentativen Befragung stellt das Forschungsinstitut Facit fest, dass bereits 50 Prozent der Deutschen nicht mehr daran glauben, dass Kleidungsspenden einem guten Zweck dienen. Diese Zahl ist erschreckend, denn es gibt noch immer großen Bedarf an Secondhand-Kleidung. Nicht nur bei Bedürftigen in Deutschland, sondern auch bei verschiedenen Händlern innerhalb und außerhalb Europas, die wiederum die Kleider an kleine Händler in den Importländern verkaufen. Seconhand-Kleidung bietet dort vielen Menschen die Möglichkeit, sich mit Kleidung in guter Qualität zu bezahlbaren Preisen zu versorgen und schafft gerade in strukturschwachen Ländern auf lokaler Ebene Arbeitsplätze. Doch das alleine wird den Spender nicht überzeugen, etwas Gutes zu tun. Insofern sollten Unternehmen, die davon profitieren, versuchen, mit dem erwirtschafteten Gewinn selbst etwas zurückzugeben, sei es mit einer eigenen Spende oder Aktionen für Bedürftige.
 
Wie könnte ein Happy End für Kleider aussehen?
Doch obwohl das System ineffizient und undurchsichtig ist, gibt es für jeden auch heute schon spannende Ideen, was man neben der Spende an Kleiderkammern noch mit alten Kleidern anstellen kann:
  • Die beste Option ist es, gute Kleidung selbst zu verkaufen (beispielsweise auf Flohmärkten) und den Ertrag zu spenden. Man kann sie auch online weiter verkaufen, beispielsweise über Ebay oder Unternehmen wie Buddy and Selly. 
  • Kleidertausch-Partys sind eine gute Alternative, um im Bekanntenkreis die eigenen Klamotten zu verschenken und selbst neue Kleidungsstücke zu finden. Informationen findet man auf Seiten wie klamottentausch.net oder kleiderkreisel.de  
  • © packmeeWenn man etwas bequemer ist und zugleich etwas Gutes tun möchte, bietet sich zum Beispiel das Social Start-Up PACKMEE an. Man packt seine alten Kleider in ein Paket und sendet das umsonst mit DHL oder HERMES zum Unternehmen, das es weiterverwertet. Die Gründer versprechen, dass sie 50 bis 80 Prozent spenden, sobald die Kosten gedeckt sind. Hilfsprojekte sind unter anderem die Stiftung RTL – Wir helfen Kindern und CARE Deutschland-Luxemburg.
  • In die gleiche Richtung wie PACKMEE gehen die Deutsche Kleiderstiftung und die Initative „Platzschaffen mit Herz" der OTTO Group. Auch dort spendet man bequem mit einer Sendung von zuhause. Der Erlös kommt bei OTTO sozialen und ökologischen Institutionen und Projekten der Welthungerhilfe, dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) und Cotton made in Africa zu Gute.
 Am Ende von „Friedhof der Kuscheltiere" hat Louis aus seinen Verfehlungen nichts gelernt und macht denselben folgenschweren Fehler wie zuvor – mit katastrophalem Ende. Es wäre schön, wenn der Gedanke in diesem Fall Fiktion bleiben würde und die Menschen in der Realität lernen können, lieber selbst Verantwortung zu übernehmen, als ein undurchsichtiges System zu unterstützen.
 
 Joachim Schöpfer
ist Kreativer, Autor und Nachhaltigkeitsexperte und beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit dem Phänomen, dass Kleiderspenden weniger Gutes tun, als sie könnten.

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2015 - Nachhaltige Mode erschienen.

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