Schleswig-Holstein steht vor einem Wandel – einem, der nicht von kurzfristigen Effekten lebt, sondern aus der Tiefe kommt: aus dem Boden, aus dem Moor, aus den Gedanken und Ideenkonzepten einer neuen Generation von Gestalter*innen, Landwirt*innen, Wissenschaftler*innen und Unternehmer*innen.

Was wäre, wenn Alltagsgegenstände aus dem Moor kämen und in Kombination mit Algen & Pilzen Ihre Gesundheit auf ein neues Level heben würden? Was wäre, wenn wir den Boden, auf dem unsere Lebensgrundlage wächst, mit Kohlenstoffkugeln so aufwerteten, dass es unser aller Leben grundlegend positiv verändern würde?
Bestehende miteinander vernetzte Innovationsprojekte und Initiativen in Schleswig-Holstein haben die Natur zum Vorbild. Allen Projekten ist gemein, dass sie Ressourcen oder Reststoffe eines ökologischen Stoffkreislaufes integrieren, verwerten und aufbauen, die beispielsweise durch den saisonalen Wandel im Boden, im Lebenszyklus einer Pflanze oder während natürlicher Stoffwechselprozesse bei Tieren entstehen.
Sie bilden den Nährboden verschiedener zirkulärer Wirtschafts- und Lebensräume. Zugleich wagen sie einen hoffnungsvollen Ausblick, der inspirieren und zum Kooperieren einladen will.
2025: Schleswig-Holstein als zirkuläres Reallabor

Es beginnt nicht in den Metropolen, sondern im ländlichen Raum. In Felde – einem kleinen Ort mit weitem Horizont – entwickelt die Circular Consulting GmbH powered by Torben Schierbecker gemeinsam mit Partner*innen aus Wissenschaft, Industriedesign, Materialwissenschaft, Landwirtschaft und Industrie Produkte und Prozesse, die auf natürlichen Kreisläufen beruhen und diese explizit fördern.
So wurzelt auch das junge Start-up Seedrise (vormals Farmula, gegr. 2023) in diesem Ökosystem: Es hat sich auf die Herstellung und Vermarktung von Saatgutummantelung auf Basis von Pflanzenkohle spezialisiert, die den Einsatz biologischer Wirkstoffe ermöglicht, Mineraldüngereinsatz reduziert und CO2-Emissionen senkt. Diese Technologie ist ein kleines Produkt mit großer Wirkung – für Böden, Klima und landwirtschaftliche Resilienz.
Ein anderes Projekt entsteht auf dem Gelände eines ehemaligen Gärtnerei-Logistikzentrums in der Mitte von Schleswig-Holstein. Dort steht heute ein modularer Algenbioreaktor, der hochwertige Roh- bzw. Nährstoffe produziert – etwa für die angeschlossene Aquakulturanlage. Dieser Aquakulturanlage ist an eine spezielle Filterungsanlage angeschlossen, die nach Reinigung des Abwassers dem Reaktor wieder frisches Wasser zur Verfügung stellt.
Die produzierte Biomasse dient den Fischen als Nahrung. Zudem ist die Algenmasse ein möglicher Ausgangsstoff für eine Pyrolyse. Die gewonnene Kohle kann dann beispielsweise als pulverisierter Rohstoff für die Saatummantelung oder für die Entwicklung nachhaltiger Verpackungen und anderer Produkte dienen.
Auf dem Moor wachsen Zukunftsmaterialien
Auf einem geschützten wiedervernässten Moor in Schleswig-Holstein geschieht ebenfalls Visionäres. Seit 2023 fördert die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein das Projekt „Klimafarm", welches sich dafür einsetzt, dass Seggen, Binsen und Schilfrohr – Gräser mit erstaunlichem Wirtschaftspotential – wachsen.
Die Klimafarm will damit die Grundlage für die Entwicklung alternativer Wertschöpfungsketten für auf Naturschutzflächen wirtschaftenden landwirtschaftlichen Betrieben ermöglichen. Unterstützt wird sie hierbei von der Circular Consulting GmbH, die unter anderem mit dem CORE-Projekt der Muthesius Kunsthochschule Kiel und weiteren Forschungspartner*innen ergänzend untersucht, wie sich diese Pflanzen stofflich nutzen lassen: als Dämmstoffe, als Formteile oder als 3D-Druckmaterial.
Was heute wie ein Nischenprojekt klingt, ist der Auftakt für eine stoffliche Neudefinition unserer Alltagsprodukte. Das Design dieser neuen Materialien ist dabei nicht dekorativ, sondern funktional, regenerativ, CO2-speichernd und sinnlich zugleich. Die Produktentwicklung erfolgt in Kooperation mit anderen Moorstandorten (Moorpiloten) in Deutschland. Wachstumszyklen der Gräser sowie unterschiedliche Standortbedingungen beeinflussen hierbei auch Produktentwicklungszyklen.
„Die Zukunft liegt in der Gegenwart: Wer die Signale erkennt, kann positive Lebenswelten aktiv gestalten.”
Kreisläufe denken, gestalten und wirtschaften
In Felde laufen die Fäden zusammen: Dort entstehen neue Kooperationen, Produktideen und Geschäftsmodelle, die auf regionale Ressourcen, zirkuläre Prinzipien und gemeinschaftliches Handeln setzen. Das Team der Circular Consulting GmbH mit dem Circular Store versteht sich hier als operative Wissens- und Makerspace-Plattform für genau diesen Wandel: Wirtschaft nicht linear, sondern regenerativ & zirkulär denken.
Partner*innen sind mutige Landwirt*innen, kreative Gestalter*innen, visionäre Unternehmen und politische Entscheider*innen, die verstehen, dass Transformation nicht als Verzicht, sondern als Gestaltungshorizont mit Wertschöpfung (neu) gedacht werden kann.
Vom Experiment zur regionalen Bewegung
Bis 2030 hat sich aus den ersten Leuchtturmprojekten ein lebendiges Netzwerk geformt. Landwirtschaftliche Betriebe, Start-ups, Hochschulen und Kommunen arbeiten überregional zusammen. Die Algenproduktion wird skaliert und ist um eine Pilzfarm erweitert, Moorpflanzen sind fester Bestandteil der lokalen Bauwirtschaft und in industriellen Verpackungen wiederzufinden.
Das Wissen über regenerative Prozesse fließt in Bildungseinrichtungen, Fortbildungen, Ausbildungsgänge und Förderstrategien (u.a. in Zertifikate und Transformationsfonds) ein. Gebündelt in einer Zukunftsakademie erleben Schüler*innen, Unternehmen als auch Bürger*innen verschiedener Städte und Gemeinden interdisziplinäre Mitmach-Angebote, Events und Summer Schools.
Kooperationen mit verschiedenen Designschulen und -unternehmen werden zum gestalterischen Rückgrat dieser Bewegung: Es entstehen Prototypen und Materialstudien, die weit über den Laborstatus hinausgehen. Entwürfe werden getestet, evaluiert und in marktfähige Produkte überführt. Zirkuläres Design ist Bestandteil eines systemischen Zukunftsforschungsansatzes. Darüber hinaus unterstützt sich ein Netzwerk aus Praktiker*innen und überregional agierenden Zukunftsforscher*innen gegenseitig durch Impulse. Sie gestalten bestehende ineinandergreifende Lern- und Begegnungsräume neu.
2035: Schleswig-Holstein auf dem Weg zum Kreislaufland
Landwirtschaft, Industrie, Energie und Bildung denken und handeln überwiegend vernetzt. Unternehmen entwickeln regionale Lieferketten weiter, neue Produktionsmethoden basieren auf biologischen Prozessen und Wertstoffe bleiben im Kreislauf. Neben den ersten Leuchtturmprojekten aus 2025 sind bereits über das Land verteilt verschiedene Circular Hubs entstanden, also Gemeinden mit zirkulären Wohn-/ Wirtschaftseinheiten.
In Schulen, Hochschulen und Gemeinderäten ist Kreislaufwirtschaft kein Thema, sondern Grundlage. Bürger*innen werden zu Mitgestaltenden eines neuen Alltags, der auf regenerativen Werten fußt. Neue Materialien, Produkte und Dienstleistungen sind Ausdruck dieser Transformation: ästhetisch, funktional, modular und verantwortungsvoll. Öffentliche Ausschreibungen und Stadt- und Dorfentwicklungen sind aufs Gemeinwohl ausgerichtet und integrieren verschiedene Roh- & Wertstoff- sowie ressourcenschonende Energiekonzepte.
Was in Felde, auf dem Moor und im Algenbioreaktor begann, entwickelt sich systemisch national und international weiter. Und das Beste: Diese Zukunft passiert jetzt und sie lädt zum Mitmachen ein!
In den kommenden forum-Ausgaben werden wir diese angeteaserten zukunftsweisenden Projekte und Praktiken intensiver in den Blick nehmen: Erleben Sie „Stoffkreisläufe in Aktion", wenn Pflanzenkohle und Aquaponik sich zu einem faszinierenden Kreislauf-System verbinden. Entdecken Sie, wie regenerative Landwirtschaft und Paludi-Praktiken nicht nur die Natur schützen, sondern auch neue, nachhaltige Wertschöpfungsmodelle für Landwirte und Gemeinden schaffen. Und schließlich: Welche Räume und Rahmenbedingungen braucht es, damit diese Transformation nicht nur beginnt – sondern auch bleibt? Sie werden überrascht sein, was alles möglich ist!
Julia Plath (BSc, M.Ed. Geographie & Biologie, Zukunftsdesign) ist seit zwölf Jahren Impulsgeberin, Initiatorin innovativer Bildungs- und Transferprojekte, Make- & Hackathons zu Zukunftsthemen. Zudem ist sie Mitherausgeberin des dreiteiligen Bandes „Regenerative Zukünfte & künstliche Intelligenz".
Die Moorpiloten
Klimafarm der Zukunft
Bis 2031 vernässt und bewirtschaftet die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein 400 Hektar Moorgrünland in der Eider-Treene-Sorge-Niederung. Die Assets auf einen Blick:
- Schnittmenge aus Naturschutz, Klimaschutz und Landwirtschaft und die Möglichkeit, einen nachhaltigen Produktionskreislauf aufzubauen
- Pilotmaßnahmen zur Erprobung von Paludikulturen bei nasser Landbewirtschaftung
- Forschung und Entwicklung zu angepassten Verfahren und Technologien (Bewirtschaftung, Verwertung, Sozioökonomie)
Algenbioreaktor / NaFi-Projekt
Innovationen und Vorteile eines Algenbioreaktors:
Mikroalgeneinsatz:
- Direkte Verwertung von Nährstoffabgaben der Fische
- höhere Wachstumsraten als bei Landpflanzen
- Anhebung des pH-Wertes durch Photosynthese
- Sauerstoffanreicherung im Prozesswasser
- Überschüssige Wärme für Warmwasserfischzucht oder Einspeisung
Verwertung von Aquakulturschlamm:
- Mikrompostierung (Produktion hochwertigen Düngers durch Regenwürmer)
- Saatgutcoating (Schlamm als Nährstoffquelle für ökologisches Coating aus Pflanzenkohle und Superabsorbern – Ersatz für mineralische Düngemittel)
Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.
Weitere Artikel von Julia Plath:
Moor rockt!
Innovationen auf wässrigem BodenMoore sind nicht nur lebendige Klimaschützer, sondern auch Schatzkammern mit Potenzial für regenerative Wertschöpfungsketten. Schleswig-Holstein zeigt, dass Moor- und Landwirtschaft im Einklang miteinander zirkuläre Produkte für eine enkeltaugliche Wirtschaft hervorbringen können. Und das begeistert sogar Heavy Metal-Fans auf dem W:O:A Wacken Festival.