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Julia Plath
Umwelt | Klima, 01.12.2025

Moor rockt!

Innovationen auf wässrigem Boden

Moore sind nicht nur lebendige Klimaschützer, sondern auch Schatzkammern mit Potenzial für regenerative Wertschöpfungsketten. Schleswig-Holstein zeigt, dass Moor- und Landwirtschaft im Einklang miteinander zirkuläre Produkte für eine enkeltaugliche Wirtschaft hervorbringen können. Und das begeistert sogar Heavy Metal-Fans auf dem W:O:A Wacken Festival.

Wiedervernässung eines zuvor trockenen Moors © Malena Rohwer; Stiftung Naturschutz Schleswig-HolsteinSchleswig-Holstein ist ein moorreiches Bundesland: Rund zehn Prozent der Landesfläche werden von ihren kohlenstoffreichen Böden eingenommen. Moorflächen bilden die wertvollsten natürlichen CO2-Senken an Land. Zudem steckt in Gewächsen wie Seggen, Binsen oder Schilfrohr ein wirtschaftliches Potenzial für landwirtschaftliche Betriebe und für die Bewohner*innen vor Ort. Und mittendrin in Schleswig-Holstein passiert seit 2023 etwas Visionäres: Eines von vier Moorpilot-Projekten wird hier durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz gefördert.
 
Aufbringen der Erosionsschutzmatten beim Wacken-Festival © Malena Rohwer; Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein
Dieses Verbundprojekt trägt den Namen „Klimafarm" und wird über die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein koordiniert. Bis 2031 werden im Projekt etwa 400 Hektar Moorgrünland in der Eider-Treene-Sorge-Niederung wiedervernässt und landwirtschaftlich genutzt – bestmöglich ohne Nachbarflächen negativ zu beeinflussen. Ziel ist es, die Entwicklung alternativer Wertschöpfungsketten für auf Naturschutzflächen wirtschaftende, landwirtschaftliche Betriebe zu ermöglichen.

Als Partner hat die Stiftung die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit ins Boot geholt. Forscher*innen führen Treibhausgasmessung und Biodiversitätsmonitoring auf den Projektflächen durch. Darüber hinaus arbeitet das Team der „Klimafarm" mit regionalen Start-ups und Unternehmen an Produktlösungen für die stoffliche Verwertung. Die Anwendungsbereiche sind vielfältig und reichen von alternativen Verpackungsmaterialien über Textilanwendungen, Torfersatzprodukte, Dachbegrünungsmaterial bis hin zu Ausgangsmaterial für Pflanzenkohle.
 
„Handle mutig und wage den Diskurs für gemeinsame und langfristige Lösungen!”

Seggen und Binsen meets Rock Festival
Ein Highlight-Projekt in diesem Jahr ist die Erosionsschutzmatte auf dem W:O:A Wacken Festival 2025, welche zusammen mit der re:natur GmbH, der Schierbecker Handels GmbH & Co. KG und vom Team der MST-DRÄNBEDARF GmbH entwickelt wurde. Die biologisch abbaubaren Matten bestehen aus einem Mix aus Seggen, Binsen und Jutegarn und sollen in Kombination mit Holzhackschnitzeln den Matsch auf dem Festivalgelände reduzieren, indem sie das Regenwasser binden und gleichzeitig eine klimafreundliche, wirtschaftliche Nutzung wiedervernässter Moore fördern.
 
Für diesen besonderen Härtetest wurden zunächst noch Kokosfasern zur Verstärkung des Gewebes genutzt. Getestet wurden die Matten auf einem 200 Meter langen Waldweg zwischen zwei Festivalwiesen.

Nach einer Woche Starkregen lautete das Ergebnis: Experiment gelungen! Die Matten haben tausenden Metalheads geholfen, nicht im berüchtigten „Wacken-Sumpf" zu versinken und gleichzeitig den Untergrund zu schützen. Die Nutzung von Moorpflanzen für Erosionsschutzmatten kann somit neue und interessante Wertschöpfungsketten sowohl für Festivalbetreiber*innen als auch landwirtschaftliche Betriebe in der Region rund um das Moorgebiet eröffnen. Laut Klimafarm-Team hat es bereits während des Festivals zahlreiche Anfragen von Veranstalter*innen anderer Events gegeben, die sich für die erfolgreiche Anti-Matsch-Maßnahme interessieren. Kooperationen mit anderen Moorstandorten, regionalen Initiativen und Landwirten in Schleswig-Holstein, bundesweit und im ganzen DACH-Raum sind ausdrücklich erwünscht!

UMZOG-Projekt untersucht Chancen für Moorflächen
Eine Mähraupe erntet die Paludi-Gräser. © Malena Rohwer; Stiftung Naturschutz Schleswig-HolstenIn der Eider-Treene-Sorge-Region und weiteren Niederungen Schleswig-Holsteins arbeiten mehrere landwirtschaftliche Betriebe, Verbände und Gemeinden an Wiedervernässungsmaßnahmen zusammen. Im Rahmen des Projekts „Unsere Moorzukunft Oldenburger Graben" (UMZOG) vom Kreisbauernverband Ostholstein-Lübeck und der FuE GmbH der Fachhochschule Kiel stellen erste Betriebe im Oldenburger Land auch einen Teil ihrer Flächen als Flächeneigner/Verpächter für Pilotflächen (Vernässung und Nassgrünlandbewirtschaftung) zur Verfügung.

Im Projekt wird erforscht, wie Moorflächen künftig sinnvoll und nachhaltig genutzt werden können – etwa durch Moor-Photovoltaik-Anlagen (Moor-PV), sogenannte Klimapunkte oder den Anbau von Paludikulturen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die technische Machbarkeit, sondern vor allem die praktische Umsetzung und die Folgen für Flächeneigentümer*innen und -nutzer*innen. Ziel ist es, potenzielle Auswirkungen auf landwirtschaftliche Flächen, Betriebsstrukturen, Wertschöpfung und betriebliche Kennzahlen im Raum Oldenburger Graben besser einschätzen zu können.
 
Auch die Haltung der Eigentümer*innen und Nutzer*innen wird einbezogen: Wie groß ist ihre Bereitschaft zur Teilnahme an einer sogenannten Moorgemeinschaft? Und welche Erwartungen knüpfen sie daran? Mit dem Projekt soll nicht zuletzt aufgezeigt werden, wie sich Klimaschutz und landwirtschaftliche Nutzung miteinander vereinbaren lassen – und welche Rolle Moorgebiete künftig dabei spielen könnten.

Herausforderungen und Chancen
Christopher Kleinert und Insa Trede (beide Team „W:O:A Wacken Festival
Nasse und wiedervernässte Moorböden stellen die Landwirtschaft zugleich auch vor Herausforderungen. Eine gewöhnliche landwirtschaftliche Bewirtschaftung ist nur unter Einschränkungen möglich. Laut dem „Gutachten Niederungen Schleswig-Holstein" (Latacz-Lohmann et al., 2023) lassen sich zentrale Wertschöpfungspotenziale für Landwirte aus der Wiedervernässung und nassen Folgenutzungen ableiten, die zuversichtlich stimmen:
  • Durch Paludikulturen (land- und forstwirtschaftliche Nutzung nasser Moorstandorte) entstehen Rohstoffe für nachhaltige Produkte etwa in der Bau-, Verpackungs- oder Energiebranche. Damit eröffnen sich regionale Wertschöpfungsketten, die landwirtschaftliche Betriebe in eine klimaneutrale Zukunft integrieren.
  • Moor-PV-Anlagen können ein weiteres, wirtschaftlich starkes Standbein sein: Sie ermöglichen attraktive Flächenpachten, die die Erträge traditioneller Nutzungen oft übersteigen.
  • Über Klimapunkte oder CO2-Zertifikate lassen sich Wiedervernässungen in Wert setzen – ein Modell, das Landwirten für festgelegte Zeiträume planbare Zahlungen für ihre Klimaschutzleistung sichert.
  • Extensive Tierhaltung bleibt auf feuchteren Flächen weiterhin möglich und kann über Öko-Regelungen und Vertragsnaturschutz-Prämien unterstützt werden. Dafür braucht es aber noch weitere Alternativen zur Feuchtwiese, die als Futterlieferant gilt. Die angepasste tiergebundene Landbewirtschaftung bietet auch Potenziale für positive Synergieeffekte für den Wiesenvogelschutz und weitere Biodiversitätsaspekte.
In Kombination schaffen diese Optionen neue Perspektiven für landwirtschaftliche Betriebe, die bislang stark von der entwässerungsintensiven Grünlandnutzung abhingen. Mit gezielten Prämien für Gemeinwohlleistungen, Nachbarschaftsboni und regionale Kooperation kann so ein tragfähiges Modell entstehen, das Wirtschaftlichkeit, Klimaschutz und Biodiversität vereint – und die ländliche Wertschöpfung langfristig sichert.

Neue Wertschöpfungswege und Mehrwert für die Landwirtschaft
Partner*in in der Produktentwicklung: Jörg Baumhauer (re:natur GmbH) & Malena Rohwer (Schierbecker Handels GmbH & Co. KG) © Malena Rohwer; Stiftung Naturschutz Schleswig-HolsteinMalena Rohwer, Agrarwissenschaftlerin aus dem Team Schierbecker Handels GmbH & Co. KG und auf einem Milchviehbetrieb lebend, betont: „Für unsere Branche ist es wichtig, alternative Lieferketten zu entwickeln, um Betriebe resilienter und zukunftsfähiger aufzustellen." Mit ihren Kolleg*innen arbeitet sie kontinuierlich daran, diese Wertschöpfungswege zusammen mit Landwirt*innen zu gestalten und neue Geschäftsmodelle und Produktideen zu entwickeln. Hierbei gilt es, Kreisläufe zu schließen und zu optimieren, indem Roh- und Reststoffe bestmöglich genutzt und neue Konzepte für noch höherwertigere Verwendungen entwickelt und getestet werden. 

Gesunde Böden sind dabei die Grundlage für resiliente Pflanzen, die den zunehmenden Herausforderungen des Klimawandels gewachsen sind. Pflanzenkohle – unter anderem aus Paludi-Biomasse – erachten Malena Rohwer und ihre Kolleg*innen als besonders wirksam im doppelten Sinne: Da sie nicht nur positive Effekte auf die Bodenqualität und Humusaufbau hat, sondern ebenso eine relativ klar bezifferbare CO2-Senke bedeutet, stellt sie im Hinblick auf die Lieferketten sowie Scope3-Emissionen einen entscheidenden Hebel dar.

Die Kombination von Biomasseproduktion auf wiedervernässten Flächen mit regionaler Pyrolyseverwertung kann landwirtschaftliche Betriebe dabei unterstützen, zusätzliche Erlösquellen (Verkauf von Pflanzenkohle, Energie und CO2-Zertifikaten) zu eröffnen und nachweislich in Ökosystemleistungen einzuzahlen. Pilotversuche zeigen, dass unter Hinzufügung von Hackschnitzeln Paludi-Biomasse erfolgreich zu Pflanzenkohle umgesetzt werden kann. In Versuchen an der Universität Greifswald und im Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim (ATB) wurde dies ebenfalls bestätigt.
 
Wenngleich noch die Herausforderungen bestehen, dass Paludi-Biomasse oft wasserreich (bis 70 Prozent Feuchte) ist und eine Trocknung oder Co-Feuerung mit trockenerem Material nötig ist. Zudem hängt die Wirtschaftlichkeit stark von Transportentfernungen, (Ernte-) Kosten des Input-Materials und Abnehmern ab.

Fazit: Es braucht den kontinuierlichen Dialog zwischen Naturschutz, Landwirtschaft, Wissenschaft und den Menschen vor Ort. Und politische Akteure, die den Rahmen setzen, in denen alle beteiligten Akteure regenerativ agieren können. Dann lassen sich wie in den Niederungen Schleswig-Holsteins regionalspezifische Zukünfte gestalten, die zum Mitmachen einladen!

Erfahren Sie in den nächsten forum-Ausgaben mehr über Pioniere, die in verschiedenen Dörfern und Stadtteilen mit ihren Kreislaufprojekten neue Energie- und Raumkonzepte regenerativ umsetzen – z.B. mit Algenreaktoren und Aquaponik, Pflanzenkohle und Bio-Raffinerien.

Weitere Infos:

Ernte im Moor

Paludikultur
... ist die landwirtschaftliche Nutzung nasser Hoch- und Niedermoore. Das Wort ist abgeleitet aus dem lateinischen Wort „Palus", das für Sumpf oder Morast steht. Es gibt Anbaupaludi, bei der nur einzelne Arten wie Seggen oder Schilf gepflanzt und später geerntet werden. Im Projekt Klimafarm wird der natürliche Aufwuchs genutzt: ein Mix aus Pflanzen wie Gräsern, Seggen, Schilf und Binsen.

Vorteile von Paludikultur:
  • Wiedervernässte Moorböden binden CO2 aus der Luft und leisten so einen Beitrag zum Klimaschutz.
  • Torfkörperaufbau – die „Nieren" der Landschaft werden gestärkt.
  • Nasses Moorgrünland kann zusätzlich landwirtschaftlich genutzt werden.
  • Biomassen werden geerntet, aufbereitet und als Rohstoff vermarktet.
Weiterführende Informationen zu möglichen Nachteilen und Herausforderungen im Wassermanagement durch Wiedervernässung finden sie unter: www.forum-csr.net
 
Julia Plath (BSc, M.Ed. Geographie & Biologie, Zukunftsdesign) ist seit zwölf Jahren Impulsgeberin, Initiatorin innovativer Bildungs- und Transferprojekte, Make- & Hackathons zu Zukunftsthemen. Zudem ist sie Mitherausgeberin des dreiteiligen Bandes „Regenerative Zukünfte & künstliche Intelligenz".

Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.



     
        
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