Lifestyle | Essen & Trinken, 11.06.2026
Nachhaltigkeit gedeiht nicht auf dauerhaft billigem Kaffee
Studie fordert radikale Kehrtwende bei der Gewinnverteilung entlang der Lieferkette
Obwohl die Kaffeepreise kürzlich historische Höchststände erreicht haben, zeigt das am 11. Juni veröffentlichte Kaffeebarometer 2026, dass die globale Kaffee-Industrie weiterhin auf Bäuer*innen angewiesen ist, die chronisch unterbezahlt sind. Die Studie legt offen, dass zwar die Symptome von Armut und klimabedingter Existenzbedrohung bekämpft werden, die Probleme jedoch nicht an der Wurzel gepackt werden. Zum 20-jährigen Jubiläum fordert die Studie eine radikale Kehrtwende bei der Gewinnverteilung entlang der Lieferkette.
Hohe Preise kaschieren anhaltende Verwundbarkeit
Die Studie macht deutlich: Der verheerende Preiseinbruch 2001–2003 und die aktuellen Höchststände sind keine getrennten Krisen, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Auch wenn die Kaffeepreise derzeit weit über dem Niveau der letzten Jahrzehnte liegen, löst dieser Preissprung die strukturellen Probleme nicht. Die Existenzgrundlage der Kaffeebäuer*innen wird weiterhin durch minimale Margen, explodierende Kosten für Dünger und Betriebsmittel sowie das Risiko, wegen des Klimawandels bald gar nichts mehr anpflanzen zu können, untergraben. Sjoerd Panhuysen von Ethos Agriculture, Autor des Kaffeebarometers, ergänzt: „In den letzten 20 Jahren hat sich der Fokus stark verschoben: Die Öffentlichkeit sorgt sich heute weniger denn je um den Hunger in den Anbaugebieten als vielmehr um den Preis für den täglichen Espresso."Freiwillige Nachhaltigkeitsprogramme haben in den letzten zwei Jahrzehnten zwar die Bedingungen auf einzelnen Farmen verbessert, sind aber daran gescheitert, den Markt grundlegend zu verändern. Der globale Kaffeehandel ist nach wie vor durch kurzfristige Geschäfte, unvorhersehbare Preise und ein massives Risiko geprägt, das fast vollständig bei den Produzent*innen im Herkunftsland liegt. Die Herausgeber des Berichts – Conservation International, Solidaridad, VOCAL und Ethos Agriculture – betonen: Nachhaltigkeit kann nicht auf dauerhaft billigem Kaffee aufgebaut werden.
Die Branche bekämpft die Symptome, nicht die Ursachen
Zehn Prozent der Ladenpreise für eine Packung Kaffee werden faktisch von den Familien der Kaffeebäuer*innen durch unbezahlte Arbeit subventioniert. Währenddessen generiert die Industrie enorme Gewinne – angeheizt durch Lifestyle-Produkte wie Kaffeekapseln oder Spezialitäten-Branding fließt dieser in Dividendenausschüttungen an Aktionär*innen, die die Nachhaltigkeitsbudgets winzig erscheinen lassen, und verschwindet in Steuerstrukturen, die Gewinne über Steueroasen umleiten. Für die Erzeuger*innen bleiben im Grunde nur externalisierte Kosten: Kaffee ist zu billig und spiegelt weder existenzsichernde Einkommen noch die nötige Klimaanpassung wider.
Melanie Rutten-Sülz, Geschäftsführerin Solidaridad Deutschland, sagt dazu: "Unternehmen finanzieren medienwirksam Farmer-Projekte und veröffentlichen Nachhaltigkeitsverpflichtungen, während ihr eigentliches Kerngeschäft unverändert auf dem billigen Einkauf von Rohkaffee und undurchsichtigen Handelsstrukturen basiert.”Die Ursache dafür ist strukturell. Die bestehenden Machtstrukturen und harten kommerziellen Interessen anzutasten, wird geflissentlich vermieden. Solange sich Einkaufspraktiken, Risikoteilung und die Wertverteilung nicht grundlegend ändern, umgehen Nachhaltigkeitsinvestitionen das eigentliche Problem, anstatt es an der Wurzel zu packen.
Regulierung braucht echte Transparenz statt „Greenhushing"Verbindliche Gesetze wie die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) oder die Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) könnten faire Wettbewerbsbedingungen schaffen. Die Studie warnt jedoch vor einem Trend zum „Greenhushing" – der Praxis, Nachhaltigkeitsziele klammheimlich zu kassieren oder zu verwässern, um öffentlicher Kritik zu entgehen. Von 15 in der Studie untersuchten Großunternehmen legt kein einziges seine Preisstrukturen, Vertragslaufzeiten oder die über den Rohstoffpreis hinaus gezahlten Aufschläge offen.
Ohne diese Transparenz lässt sich nicht überprüfen, ob das Geld der Konzerne die Situation in den Anbauländern wirklich verbessert. Zudem fordert der Übergang zu rückverfolgbaren, entwaldungsfreien Lieferketten Investitionen, die Kleinbäuer*innen ohne Einkommenssicherheit niemals aufbringen können. Diesen Wandel zu finanzieren, ist die Pflicht der Einkäufer*innen, nicht die der Bäuer*innen.
Ein Aufruf zur Marktreform
Das Kaffeebarometer 2026 macht unmissverständlich klar: Es geht nicht um die Entscheidung zwischen Nachhaltigkeit und Profit. Eine echte Transformation gelingt nur, wenn die Geschäfts- und Beschaffungsmodelle der gesamten Industrie radikal neu gestaltet werden. Die Dringlichkeit könnte kaum höher sein: Der Klimawandel und der Verlust der Artenvielfalt verändern schon jetzt fundamental, wo Kaffee überhaupt noch wachsen kann und wie unberechenbar und teuer seine Beschaffung wird.
Das Kaffeebarometer 2026 fordert Röster und Händler auf, existenzsichernde Löhne und eine klimaintelligente Beschaffung als feste, nicht verhandelbare Kosten im Kerngeschäft zu verankern. Eine faire, inklusive Beschaffung muss Teil des Kerngeschäfts sein und darf kein freiwilliges Investment nach Gutdünken bleiben. Die zivilgesellschaftlichen Organisationen der Studie fordern zudem die Politik auf, öffentliche Gelder an strukturelle Marktreformen zu koppeln, strenge Gesetze für faire Wettbewerbsbedingungen zu erlassen und eine überprüfbare Offenlegung zur Pflicht zu machen – für eine echte Rechenschaftspflicht.
Kontakt: Solidaridad Europa, Bram Verkerke | bram.verkerke@solidaridadnetwork.org | www.solidaridadnetwork.org
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