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Pflichtkammern in der Verantwortung

Über 1.000 IHK-Mitglieder wenden sich gegen abgeschwächte Klimapositionen

Die Plattform „Wirtschaft denkt weiter" zeigt, wie umstritten die DIHK-Position zum Klimaschutz innerhalb der Kammern ist. Über 1.000 IHK-Mitgliedsunternehmen haben bereits widersprochen und deutlich gemacht, dass sie nicht einverstanden sind, wenn jahresscharfe Klimaziele aufgegeben und Ausbauziele für Erneuerbare und Energieeffizienz in Frage gestellt werden.

Laut 'Sustainable Economy Barometer 2026' sehen sich 59,3 Prozent der Befragten durch Kammern und klassiche Wirtschaftsverbände nicht ausreichend bei einer Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft unterstützt. © CiveyAuf der Plattform „Wirtschaft denkt weiter" haben sich bereits mehr als 1.000 Unternehmen direkt an ihre jeweiligen Industrie- und Handelskammern gewandt. Sie machen die Stimmen aus der Wirtschaft sichtbar, die sich in den aktuellen klimapolitischen Positionierungen der DIHK nicht ausreichend repräsentiert sehen. 

Im November 2025 hat die DIHK ein Positionspapier unter dem Titel "Klimaschutz effizienter erreichen und international abstimmen" verabschiedet. Im Vorfeld hatte keine breite Beteiligung aller IHK-Mitgliedsunternehmen stattgefunden. Auf der DIHK-Vollversammlung im März 2026 wurde ein weiteres Positionspapier unter dem Titel „Klimaschutz effizient und wirksam gestalten" beschlossen. Darin sind u.a. ein Bekenntnis zu erneuerbaren Energien, die Unterstützung des ETS II und die Anerkennung der Elektrifizierung als Transformationspfad enthalten. Aber auch dieses Papier bleibt wirtschaftspolitisch einseitig, indem die Kosten des Nichthandelns ausgeblendet werden und Klimaschutz vorwiegend als Belastung statt als Chance gerahmt wird. Die DIHK-Klimapositionen stellen verbindliche Ausbauziele in Frage und fordern, Emissionspfade durch Zertifikatslösungen zu flexibilisieren. Damit bilden beide Papiere die Meinungsvielfalt innerhalb der Pflichtkammern nicht hinreichend transparent ab.

Das Angebot der Plattform zielt nicht auf Konfrontation. Wir leisten damit vielmehr einen Beitrag dazu, dass die vielfältigen Stimmen aus der Wirtschaft sichtbar werden. Gerade bei einem so heterogen diskutierten Thema wie Klimaschutz muss die DIHK als Körperschaft öffentlichen Rechts ihrer Verantwortung gerecht werden", so Prof. Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Nachhaltige Wirtschaft. Und weiter: „Ein Positionspapier, das fordert, jahresscharfe Ziele zu Emissionsminderung abzuschaffen, Klimaziele an `Wettbewerbern auszurichten` und die Ausbauziele bei den Erneuerbaren in Frage stellt, kann nicht als ausgewogene Darstellung gelten."

E-Mail Widerspruch und Gesprächsangebot 
Über die Website haben IHK-Mitglieder die Möglichkeit, eine Mail an ihre regionale Industrie- und Handelskammer zu versenden. In ihren Schreiben kritisieren die Unternehmen unter anderem die Verschiebung verbindlicher Klimaziele, das Infragestellen der Ausbauziele für Erneuerbare, abgeschwächte Ambitionen bei der Energieeffizienz und eine einseitige Darstellung des Klimaschutzes als Kostenfaktor in den DIHK-Positionspapieren. Zudem wird die DIHK-Forderung, nationale Klimaziele an Wettbewerber zu koppeln sowie den europäischen Emissionshandel (ETS) zu entschärfen und von den Klimazielen zu lösen, abgelehnt. 
 
Klimaschutz als Gefahr für wirtschaftliches Wachstum zu framen, ist Gedankengut aus den Nullerjahren. Wir erwarten von der DIHK, dass sie jenen Unternehmen und Branchen, die in Klimaschutz investiert haben und ihn als Chance begreifen, angemessen Gehör schenkt", so Oliver Hummel, Vorstandsvorsitzender naturstrom AG.

Die IHK-Mitgliedsunternehmen fordern in ihrem Schreiben mehr Transparenz zum Entstehungsprozess des DIHK-Positionspapiers sowie zur Beteiligung der Mitglieder in der Ausarbeitung. In Reaktion auf die Schreiben aus der Mitgliedschaft haben bereits einzelne IHKs den unterzeichnenden Unternehmen Gesprächsangebote gemacht.

Klimaschutz als Wettbewerbsvorteil
Die DIHK-Klimapositionen basieren auf den Ergebnissen einer von frontier economics im Auftrag der DIHK durchgeführten Studie Neue Wege für die Energiewende-Plan B aus dem September 2025. Eine detaillierte Auswertung zu den darin getroffenen Aussagen und ihren Folgen für den Ausbau der Erneuerbaren hat der Bundesverband Erneuerbare Energien vorgelegt. 

Die fehlende politische Verlässlichkeit bremst Investitionen – nicht ambitionierter Klimaschutz. Weder Hersteller noch Käufer können aktuell einschätzen, wie ernst die Politik die Transformation noch nimmt. Mit jedem Jahr, in dem dieser Stillstand andauert, verlieren wir den technologischen Anschluss an Wettbewerber, die heute Erfahrungen sammeln, die wir später kaum noch aufholen können. Wer heute auf weniger Ambition setzt, sorgt dafür, dass die nächste Generation industrieller Wertschöpfung woanders entsteht", so Martin Hoffmann, Geschäftsführer der ISEKI-Maschinen GmbH.

Entgegen des von der DIHK beauftragten „Plan B" zeigt eine Vielzahl anderer Studien, welche Vorteile und Einsparungen mit einem ambitionierten Klimaschutz einhergehen. Wie stark die Abhängigkeit von fossilen Energien die Wirtschaft belastet, haben unter anderem die Wirtschaftsweisen in ihrem Frühjahrsgutachten aufgezeigt. In Folge der Energiepreiskrise ergibt sich eine Abwärtsspirale aus steigenden Produktionskosten und sinkender privater Nachfrage, weil mehr Geld für Heizen und Tanken ausgegeben werden muss. Dass Erneuerbare Energien nicht nur ein Ausweg aus fossilen Abhängigkeiten bieten, sondern auch die regionale Wertschöpfung entscheidend stärken, wurde im Februar 2026 in einer vom Bundeswirtschaftsministerium beauftragten Studie ausgearbeitet. Und auch die Meta-Studie der Klima-Allianz Deutschland aus dem April 2026 belegt den Wettbewerbsvorteil Klimaschutz mit Zahlen. 

Diese Argumente dürfen bei der Debatte zur Ausrichtung der Wirtschaft nicht unter den Tisch fallen, weshalb über 1000 Unternehmen eine weitere Debatte zu den zwei, von der DIHK vorgelegten, Klimaschutzpapieren angeregt habe. Dass die Kammern davon profitieren könnten, zeigt das Sustainable Economy Barometer, demzufolge sich 59,3% der Befragten durch Kammern und klassischen Wirtschaftsverbände nicht ausreichend bei einer Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft unterstützt sehen. 

Die DIHK hat eine mächtige Stimme, die in der Politik und in den Medien mit dem Anspruch wahrgenommen wird, für „die" Wirtschaft zu sprechen. Daraus – und weil die Unternehmen durch Pflichtmitgliedschaft an die Kammern gebunden sind - ergibt sich eine große Verantwortung. Gerade wenn es um besonders umstrittene Themen geht, muss eine Abwägung erkennbar sein. Gemäß IHK-Gesetz müssen abweichende Positionen öffentlich zugänglich gemacht werden. Darauf warten nun über 1.000 IHK-Mitgliedsunternehmen und weitere Akteure aus der Wirtschaft", so Reuter abschließend. 

Weitere Infos zu „Wirtschaft Denkt Weiter"   
 
Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW) bringt die Stimme der progressiven Unternehmen direkt ins politische Berlin. Seit der Gründung 1992 setzt sich der BNW e.V. als unabhängiger Unternehmensverband für Umwelt-, Klimaschutz und soziale Nachhaltigkeitsaspekte ein. Mit seinen 700 Mitgliedsunternehmen steht der Verband für mehr als 200.000 Arbeitsplätze; Großunternehmen sowie Mittelstand sind in dem branchenübergreifenden Netzwerk genauso vertreten wie Cleantech-Startups und Social-Entrepreneurs. 

Kontakt: Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V., Joscha Frost | presse@bnw-bundesverband.de | www.bnw-bundesverband.de


Quelle: Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)



     
        
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