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Claudia Bühler
Umwelt | Klima, 01.12.2025

Wie Verpackungen Moore schützen

Paludikultur als Gamechanger für Klimaschutz und nachhaltige Produkte

Die wirtschaftliche Nutzung von Rohstoffen aus wiedervernässten Mooren kann nicht nur zur Herstellung von nachhaltigem Verpackungs­material beitragen, sondern auch aktiv dem Klimaschutz dienen. 15 starke Unternehmen haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam Wertschöpfungsketten aufzubauen.

Pilotfläche für Rohrkolbenanbau in Mecklenburg-Vorpommern © Tobias DahmsMoore sind echte Klimahelden. Sie speichern weltweit etwa doppelt so viel Kohlenstoff wie die Biomasse aller Wälder zusammen. Intakte Moore speichern zudem Wasser und mildern Dürren – ein wichtiger Beitrag zur Klimaresilienz. In Deutschland sind allerdings 95 Prozent der früheren Moorökosysteme durch Entwässerung zerstört und werden überwiegend landwirtschaftlich genutzt. In diesem Zustand setzen die Moorböden den gespeicherten Kohlenstoff nach und nach frei.
 
So entstehen rund sieben Prozent der gesamten jährlichen deutschen Treibhausgasemissionen. Durch die Wiedervernässung der Moorflächen können diese Emissionen langfristig gestoppt und die Biodiversität gefördert werden.

Momentan geht die Wiedervernässung aber sehr viel langsamer voran als für die Einhaltung deutscher Klimaziele notwendig. Zu den Ursachen dafür gehört, dass die landwirtschaftliche Nutzung (Ackerbau und Grünland) nach einer Wiedervernässung nicht in der bisherigen Form fortgesetzt werden kann und betroffene Landwirt*innen so ihre Einkommensgrundlage verlieren würden.

Zentraler Hebel für umfangreiche Wiedervernässung ist Paludikultur
Eine vielversprechende Lösung ist die Bewirtschaftung nasser Moorflächen, auch Paludikultur (palus, lat. = Sumpf) genannt. Der Aufwuchs von Pflanzen wie Schilf, Rohrkolben und Nasswiesengräsern schafft Einkommensalternativen für Landwirt*innen und ermöglicht Klima- und Artenschutz durch die Wiedervernässung.
 
Außerdem können Paludikultur-Rohstoffe als regionale, nachwachsende Biomasse einen Ersatz für fossile Materialien darstellen und Rohstoffengpässen vorbeugen. Die Einsatzmöglichkeiten von Paludikultur-Biomasse sind vielfältig: Skalierbare Potenziale liegen unter anderem in den Sektoren Papier und Verpackungen, Bau- und Dämmstoffe, Holzwerkstoffe, Spanplatten und Möbel, Kunststoffe und chemische Grundstoffe sowie Fasern.

Lock-in-Effekte erschweren die Verwertung von Paludikultur
Trotz des Potenzials von Paludikultur und der Notwendigkeit für Moorwiedervernässung wird sie bisher kaum in großem Maßstab umgesetzt. Hier zeigt sich das Henne-Ei-Problem: Landwirt*innen benötigen für die nasse Nutzung Planungssicherheit durch Abnahmegarantien, während verwertende Unternehmen auf eine ausreichende Menge und Qualität der Biomasse angewiesen sind, um wirtschaftlich arbeiten zu können, was wiederum die Voraussetzung für die Landwirtschaft schafft, in die Wiedervernässung zu investieren. Zusätzlich erschweren die auf entwässerungsbasierte Landwirtschaft ausgelegten Richtlinien und Förderprogramme die Umstellung auf Paludikultur.

Um diesen Lock-in-Effekt zu lösen, müssen Wertschöpfungsketten für Paludikultur-Biomasse aufgebaut werden, die eine stabile Nachfrage und damit Einkommenssicherheit für Landwirt*innen schaffen. Dafür sind einerseits starke Wirtschaftspartner*innen gefragt, die neue Verwertungsmöglichkeiten für Paludikultur-Biomasse entwickeln und dabei von der Regionalität und Nachhaltigkeit der Materialien profitieren. Andererseits muss auch das Angebot für Paludikultur-Biomasse steigen. Dafür bedarf es nicht nur Vorreiter*innen in der Landwirtschaft, sondern auch der Unterstützung von Politik und Verwaltung. 

„Umweltschutz und wirtschaftlicher Erfolg sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Nur durch den Erhalt intakter Ökosysteme schaffen wir die Grundlage für zukunftsfähige Wirtschaft und nachhaltigen Wohlstand.”
 Claudia Bühler, Vorständin der Umweltstiftung Michael Otto
 
PaludiAllianz fördert den Aufbau skalierbarer Wertschöpfungsketten
Das vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) geförderte Verbundprojekt PaludiAllianz unter dem Dach der toMOORow-Initiative der Umweltstiftung Michael Otto, der Michael Succow Stiftung und der Universität Greifswald – beide Partner im Greifswald Moor Centrum – zielt darauf ab, diese Herausforderungen zu adressieren und die verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette zu verknüpfen.

Um die Nachfrageseite zu stärken, wurde die „Allianz der Pioniere", ein Zusammenschluss großer deutscher Unternehmen, gegründet, die sich gemeinsam dazu verpflichtet haben, Pilotprodukte aus Paludikultur-Biomasse zu entwickeln. Dabei werden sie vom Team der PaludiAllianz durch Austauschformate und wissenschaftliche Beratung unterstützt. Um Landwirt*innen auf der Angebotsseite zu fördern, ermöglicht die PaludiAllianz mithilfe ihrer Arbeitsgruppe Landwirtschaft Vernetzung zwischen Landwirt*innen, Wirtschaft, Verbänden und Vertreter*innen anderer Moorprojekte und den Austausch zu fachspezifischen Fragen. Weitere Formate zur direkten Verknüpfung von Landwirt*innen und verwertenden Unternehmen entwickelt die PaludiAllianz aktuell. Zudem arbeitet sie weiterhin aktiv an der Vergrößerung ihres Netzwerkes und der Expansion in weitere Sektoren.

Erste Meilensteine in der Innovationsentwicklung erreicht
Otto Versandkarton mit bis zu 10 Prozent Paludi-Biomasse © OttoNach einem Jahr Zusammenarbeit trägt das Projekt bereits Früchte. Der Versandhändler Otto pilotierte erfolgreich einen Versandkarton aus 10 Prozent Paludikultur-Biomasse mit 100.000 Exemplaren und setzte sich danach das ambitionierte Ziel, bis Ende 2027 alle Otto-Versandkartons mit einem größtmöglichen Paludi-Anteil zu produzieren. Eine weitere Verpackungsinnovation entwickelten die Allianzpartner Obi und Leipa gemeinsam. Pflanzenträgerkartons, die zu 10 Prozent aus Rohrglanzgras aus dem Donaumoos bestehen, werden seit April 2025 in Obi-Märkten in ganz Deutschland angeboten.
 
Beide Produkte wurden mit dem Deutschen Verpackungspreis 2025 ausgezeichnet. Verschiedene Produkte im Papier- und im Bau- und Dämmstoffbereich befinden sich zudem aktuell in der Entwicklungsphase.

Um die Transformation jedoch zu schaffen, sind alle gefragt: „Nasse Moore sind politisch, denn sie betreffen jeden einzelnen von uns – in ihrer Klimawirkung und vielen weiteren Diensten für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Lassen wir sie vertrocknen, steht uns das Wasser bald bis zum Hals. Das können wir uns nicht leisten und müssen uns in einem Spagat von lokal bis global für ihre Wiedervernässung einsetzen", betont Franziska Tanneberger, Leiterin des Greifswald Moor Centrum.

Weitere Informationen:
Mooratlas 2023: Daten und Fakten zu nassen Klimaschützern. Herausgegeben von Heinrich-Böll-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und Michael Succow Stiftung, Partner im Greifswald Moor Centrum, 1. Auflage, Januar 2023. 

Paludikultur

Ökologischer & wirtschaftlicher Mehrwert von Paludikultur
Laut dem NABU eignen sich nicht alle nassen Moore für Paludikultur. Er empfiehlt dafür nur stark degradierte Moore, die nicht mehr in einen naturnahen Zustand versetzt werden können. Die Nutzung dieser wiedervernässten, degradierten Moore ist jedoch ein echter Gamechanger für den Klimaschutz: Statt Treibhausgasemissionen freizusetzen, wie es bei trockengelegten Mooren passiert, bewahren wiedervernässte Moore den im Boden gespeicherten Kohlenstoff und entwickeln sich im Idealfall sogar wieder zu einer CO2-Senke.
 
Gleichzeitig bietet Paludikultur eine nachhaltige Form der Landnutzung:
  • Schilf, Rohrkolben & Co. liefern Rohstoffe für Reetdächer, Dämmstoffe oder Verpackungen.
  • Torfmoos kann als Substrat im Gartenbau dienen.
  • Biomasse lässt sich zu Biogas verarbeiten.
  • Der Sonnentau kann für medizinische Anwendungen genutzt werden.
Bei Paludikultur schließen sich Moorschutz und wirtschaftliche Nutzung nicht aus – im Gegenteil: Sie kann das Klima schützen & Wert schaffen. Was es jetzt braucht, ist der politische Wille, bessere Rahmenbedingungen für diese nachhaltige Land- und Forstnutzung zu ebnen.
 
Claudia Bühler ist als Vorständin der Umweltstiftung Michael Otto für die strategische Projektsteuerung der PaludiAllianz verantwortlich. Dank ihrer Managementerfahrungen in der Otto Group und ihrer Leidenschaft für Nachhaltigkeit baut sie erfolgreich Brücken zwischen Umweltschutz und Wirtschaft. www.tomoorow.org

Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.



     
        
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