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Verena Sommerfeld

Zurück in die Zukunft

Alte Materialien und neue Konzepte für eine Bau-Revolution

Von uralten Baustoffen bis zu Hightech-Konzepten: Die Zukunft des Bauens ist kreislauffähig, gesund und schön. Wer heute naturnahe Baustoffe, Recycling und modulare Systeme einsetzt, schafft Gebäude, die mit dem Menschen und der Umwelt im Einklang existieren.

Das Rathaus von Venlo wurde nachhaltig mit dem Holz100-Massivholzsytem gebaut. © Thoma Holz GmbHUnter den naturnahen Baustoffen wie Holz, Hanf, Stroh, Flachs und einige mehr besitzt beispielsweise Lehm hervorragende bauphysikalische Eigenschaften. Bei Sanierungen denkmalgeschützter Fachwerkhäuser zeigt sich, dass Lehmputz auf Innenwänden und Decken zu einem behaglichen Raumklima beiträgt. In Kombination mit innenliegender Holzfaserdämmung und Flächenheizung speichert Lehm Wärme, gibt sie langsam wieder ab und gleicht die Luftfeuchtigkeit aus.
 
Die atmungsaktive Oberfläche wirkt schimmelhemmend und kann Schadstoffe sowie Gerüche binden. Gerade im Altbau lassen sich so Feuchteschäden reduzieren. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Lehm dient als Außenputz oder Ausfachung im Denkmalschutz, als Lehmestrich in Verbindung mit Fußbodenheizung, als Lehmbauplatte im Trockenbau, als Alternative zum Gipskarton sowie als Lehmziegel für Innenwände. Ein Vorteil liegt im geringen Energieaufwand bei der Herstellung, insbesondere bei regionaler Verfügbarkeit und kurzen Transportwegen.
 
Die Gewinnung aus dem Baugrubenaushub ist grundsätzlich möglich; häufig ist das Ausgangsmaterial jedoch nicht unmittelbar geeignet und muss zur Sicherstellung gleichbleibender Qualität mit anderen Lehmen aufbereitet und gemischt werden. Industriell genormte Lehmbausysteme, etwa von ClayTek, gewährleisten definierte Eigenschaften.

Lehm ist zudem hervorragend wiederverwendbar: Mit Wasser lassen sich Verbindungen lösen, sodass Lehm rückstandslos entfernt werden kann. Dadurch wird auch die Wiederverwertung anderer Baustoffe erleichtert – etwa, wenn statt Zement Lehmmörtel verwendet wurde. Mit Lehmmörtel vermauerte Ziegel lassen sich reinigen und erneut einsetzen, während Ziegel mit Zementmörtel oft nur als Bauschutt anfallen.
 
Lehm ermöglicht damit Materialkreisläufe im Sinne des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Zusätzlich verbessert Lehm den Schallschutz: Lehmbauplatten können Trockenbauwände mit sehr guten akustischen Eigenschaften erzeugen. Diese Eigenschaften machen Lehm zu einem universell einsetz­baren, ökologischen Baustoff für Neubau und Bestand.
„Mit smarten Materialien, regionalen Rohstoffen und modularen Systemen entstehen energie­effiziente Gebäude, die über ihren Lebenszyklus Ressourcen sparen und Abfall vermeiden.”

Recycling: Wiederverwertung von Baustoffen und Materialien
Modulare begrünte Fassaden liefern gleich mehrere Benefits: ein angenehmes Klima, ein schönes Stadtbild sowie Ressourcenschonung. © Gemeinde VenloBei der Wiederverwendung ist zwischen Recycling und direk­ter Wiederverwendung zu unterscheiden. Beim Recycling werden Materialien in ihre Grundbestandteile zerlegt und aufbereitet; dies gelingt etwa bei Metallen oder Glas gut. Direkte Wiederverwendung bedeutet, Bauteile in bestehender Form weiter zu nutzen, beispielsweise Holzbalken, Dachziegel oder – sofern normgerecht – Fenster. Voraussetzung sind einwandfreier Zustand, Normenkonformität und eine fachgerechte Prüfung.

Problematisch sind Schadstoffbelastungen und Verbundmaterialien. Asbest gilt als Sondermüll und muss kostenintensiv entsorgt werden. Ähnlich kritisch sind ältere Dämmstoffe mit Flammschutzmitteln (beispielsweise HBCD in Styropor). Verbundmaterialien wie Gipskartonplatten mit aufgeklebter Dämmung sind schwer sortenrein zu trennen und führen häufig zu teurem Deponiemüll. Um spätere Entsorgungsrisiken zu minimieren, empfiehlt sich bereits in der Planung der Einsatz sortenreiner, recyclingfähiger Produkte.

Das Cradle-to-Cradle-Konzept empfiehlt, Produkte und Bauwerke so zu gestalten, dass sie am Ende der Nutzung wieder in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können. Im Neubau gewinnen solche Konzepte an Bedeutung: Bauteile werden sortenrein trennbar konzipiert und Materialien auf Wiederverwendung und Recyclingfähigkeit ausgelegt.
 
Beispiele sind das Feuerwehrhaus in Straubenhardt, das konsequent auf kreislaufoptimiertes Design setzt, sowie das Innovationsgebäude OWP12 in Stuttgart-Vaihingen. Dort lassen sich Materialien ausbauen, austauschen oder reparieren, anstatt sie zu entsorgen. Dies reduziert langfristig den Ressourcenverbrauch und schont das Klima.

Modulares Bauen: der entscheidende Fortschritt
Modulares Bauen ist ein weiterer Ansatz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft. Gebäude werden aus vorgefertigten Elementen zusammengesetzt, die sich später vergleichsweise einfach austauschen oder an anderer Stelle wiederverwenden lassen. Besonders bei seriellen Sanierungen kommen vorgefertigte Fassaden- und Dachelemente zum Einsatz, die vor Ort zügig montiert werden. Dies verkürzt Bauzeiten, senkt Kosten und erleichtert eine spätere Demontage.
 
In den Niederlanden ist dieses Prinzip unter „Energiesprong" bekannt; Ziel sind energetisch sehr leistungsfähige und möglichst autarke Gebäude nach der Sanierung, wie etwa das Rathaus in Venlo, und eine lückenlose Materialdokumentation, etwa durch die Plattform Madaster. In Deutschland treiben die Cradle to Cradle NGO in Berlin und das Cradle to Cradle Products Innovation Institute entsprechende Ansätze voran, unter anderem über Produktzertifizierungen. Unternehmen wie Holcim Deutschland und HABAU Deutschland arbeiten an klimafreundlichen Baustoffen und modularen Baukonzepten.

Kreislaufwirtschaft am Bau: die Hürden
In der Praxis bestehen verschiedene Hürden. Vorbehalte gegenüber gebrauchten oder recycelten Baustoffen sind verbreitet; häufig wird befürchtet, dass Anforderungen an Wärmeschutz oder Statik nicht sicher erfüllt werden. Zudem erscheint es in vielen Fällen auf den ersten Blick einfacher und kostengünstiger, Materialien abzubrechen und neu zu beschaffen, statt sie auf Wiederverwendbarkeit zu prüfen. Fehlende Förderanreize für Recyclingbeton oder wiederverwendbare Bauteile erschweren die Marktdurchdringung.

Hinzu kommen Zertifizierungs- und Zulassungsfragen: Entspricht ein Bauteil nicht aktuellen Normen, ist ein Wiedereinbau nicht zulässig. Pragmatische Lösungen und ein angepasstes Regulierungsumfeld wären hilfreich. Ebenso fehlt häufig eine flächendeckende Infrastruktur für selektiven Rückbau, Prüfung, Lagerung und Weiterverkauf. Für wirtschaftlich tragfähige Kreislaufprozesse sind funktionierende Netzwerke entlang der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich.

Fazit: Für die Zukunft besteht großes Potenzial in der Verbindung dieser Ansätze. Durch kluge Materialauswahl, die konsequente Nutzung regionaler, naturnaher Rohstoffe und den Einsatz modularer Systeme lassen sich Gebäude realisieren, die energieeffizient sind und zugleich über ihren gesamten Lebenszyklus Ressourcen schonen und Abfall vermeiden.

Verena Sommerfeld ist Bauingenieurin und Inhaberin von Sommerfeld Energieberatung. Sie berät zu energieeffizientem Bauen, Sanierungen und Fördermitteln und verfügt über Zusatzqualifikationen als Energieberaterin für Wohn- und Nichtwohngebäude sowie in der LCA-Bilanzierung.

Akteure & Best Practice

Modellprojekte & Initiativen
Plattformen, Netzwerke & Dienstleister
  • DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen): Zertifizierung mit Circular-Economy-Kriterien 
  • C2C NGO: Netzwerk & Advocacy für Cradle-to-Cradle
  • Concular: Beratung, Rückbau, Urban Mining, digitaler Gebäuderessourcenpass (Neu- und Bestandsbau) 
  • Madaster: Plattform für Gebäuderessourcenpässe & Materialtransparenz 
  • Bauteilnetz Deutschland: Netzwerk / Plattform zur Vermittlung von gebrauchten Bauteilen & Bauteilbörsen
  • CIRCuIT: Circularity Hub & Tools – Material Reuse Portal, Circularity Dashboard, Circularity Atlas etc. zur Unterstützung zirkulärer Bauprozesse
  • Circular Building Information Platform: Plattform für Unternehmen, die auf Circular Construction umsteigen wollen 
  • SIGU Plattform / Themenwerkstatt Zirkuläres Bauen: Veranstaltungs- und Dialogformat 
  • Handbuch für circular construction (CityLoops) – Leitfaden für Kommunen und Regionen zur Umsetzung zirkulärer Bauprozesse 

Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.



     
        
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