Christian Schaar
Technik | Green Building, 01.12.2025
Zukunft bauen
Vom Abbruch zum Aufbruch: Baustoffe neu denken
Die Bauindustrie ist einer der größten CO2- und Abfallverursacher – und damit ein entscheidender Hebel für mehr Nachhaltigkeit. Zirkuläres Bauen ist hier eine Lösung: Es schont Ressourcen, reduziert Emissionen und stellt schon in der Planungsphase die Weichen für eine klimafreundliche Zukunft. Innovative Projekte beweisen die Machbarkeit der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.
Die Kreislaufwirtschaft gewinnt im Bauwesen zunehmend an Bedeutung – und das aus gutem Grund. Im Kontext von Klimawandel, Ressourcenknappheit und einer stetig wachsenden Menge an Abfall ist die Bauindustrie einer der zentralen Akteure: Sie ist nicht nur für 30 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich, sondern laut Statistischem Bundesamt auch für 54,2 Prozent des gesamten Abfallaufkommens. Eine beachtliche Menge. Zugleich möchte Deutschland gemäß §3 des Klimaschutzgesetzes bis 2045 klimaneutral sein. Angesichts dieser Zahlen lautet das Ziel: wiederverwenden statt wegwerfen.Prinzipien für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bauwesen
Zirkuläres Bauen zielt darauf ab, Ressourcen effizient zu nutzen und Materialien sowie Produkte im Nutzungskreislauf zu halten. Dabei steht der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes im Fokus: von der Planung über Bau und Nutzung bis zum Rückbau und der Wiederverwendung. Die Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena) „Geschäftsmodelle für zirkuläres Bauen und Sanieren" nennt hierfür folgende Grundprinzipien, die für den Übergang zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft im Bauwesen entscheidend sind:
- Gebäudenutzungsdauer verlängern
- Rückbau und Wiederverwendbarkeit einplanen
- recycelte Baustoffe und Bauteile aus Rückbau einsetzen
- schadstoffarme, ökologisch unbedenkliche Materialien verwenden
- Materialflüsse digital erfassen und dokumentieren
- gesetzliche Anreize und Standards schaffen, die zirkuläres Bauen fördern
- Sekundärrohstoffmärkte stärken und ausbauen
Nachhaltigkeit beginnt in der Planungsphase
Für Bauherren bedeutet das, bereits in der Planungsphase auf Rückbaubarkeit und Wiederverwendbarkeit zu achten. Umweltfreundliche und recycelbare Baustoffe stehen im Fokus. Während der Bauproduktphase müssen Materialien emissionsarm und abfallarm hergestellt werden. Moderne Technologien zur Abfallminimierung können bei der Errichtungsphase eingesetzt werden. Regelmäßige Wartung und Energieeffizienzmaßnahmen, wie die Integration erneuerbarer Energien, verlängern zudem die Nutzungsdauer von Häusern.
Auch die Rückbauphase am Ende der Lebenszeit eines Gebäudes ist ein wesentlicher Bestandteil der Kreislaufwirtschaft. Sie beginnt nicht erst beim Abriss, sondern bereits in der Planungsphase. Ziel ist es, Materialien zu wählen, die sich möglichst sortenrein trennen und in den Wirtschaftskreislauf zurückführen lassen.
„Beispiele wie das „Recyclinghaus”, „The Cradle” oder das „Öko-Partner-Haus” beweisen: Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist machbar!”
Ökologische Baustoffe und ihre Vorteile
Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft sind Materialien entscheidend, die wiederverwendbar sind oder umweltfreundlich entsorgt werden können. Natürliche beziehungsweise ökologische Baustoffe sind in der Regel biologisch abbaubar:
- Holz ist ein nachwachsender Rohstoff: Er speichert während des Wachstums CO? und kann nach dem Rückbau vielfältig wiederverwendet werden, ob für tragende Bauteile in neuen Projekten, als Möbelstück oder Sekundärrohstoff. Neben Massivholz können hier als Dämmmaterial auch Sägespäne verwendet werden, wie Baufritz es vormacht.
- Bambus wird wegen seines schnellen Wachstums und seiner hohen Festigkeit als nachhaltiger Baustoff geschätzt. Durch seine Flexibilität ist er vielseitig einsetzbar, von tragenden Elementen bis zu Bodenbelägen und Verkleidungen.
- Kork eignet sich besonders als Dämm- und Schallisolationsmaterial. Er überzeugt durch seine Langlebigkeit, geringe Wärmeleitfähigkeit und hohe Elastizität. Kork kann mehrfach recycelt und aufbereitet werden.
- Auch Lehm ist gut recycelbar, da er problemlos abgetragen, neu geformt und wiederverwendet werden kann. Lehm besitzt auch hervorragende thermische Eigenschaften, reguliert die Raumtemperatur und trägt zu einem angenehmen Raumklima bei.
- Hanf ist ein vielseitiger, schnell nachwachsender Baustoff, der sich hervorragend als Dämmmaterial sowie für Massivbauten, etwa in Form von Hanfbeton und Hanfsteinen, eignet. Sein ressourcenschonender Anbau macht ihn zu einer nachhaltigen Alternative.
- Pilzmyzel wächst auf pflanzlichen Reststoffen und bildet daraus feste, biologisch abbaubare Verbundmaterialien. Diese eignen sich als nachhaltige Dämmstoffe, da sie wärmedämmend, feuchtigkeitsregulierend, isolierend und brandbeständig sind. Es wird energieeffizient hergestellt und ist vollständig biologisch abbaubar.
Recyclingpotenziale klassischer Baumaterialien
Ökologische Baustoffe wie Holz, Hanf und Co. erfüllen die Anforderungen des Cradle to Cradle-Prinzips innerhalb der Kreislaufwirtschaft. Trotzdem sind insbesondere beim Massivbau herkömmliche Baustoffe wie Beton und Metall oft unverzichtbar. So ist Beton zwar schwer sortenrein trennbar, kann am Ende der Lebensdauer eines Gebäudes aber auch recycelt werden: Nach dem Abriss wird er zerkleinert und zum Beispiel im Straßenbau, als Füllmaterial, Lärmschutz oder Zuschlagstoff für neuen Beton verwendet. Es entsteht sogenannter R-Beton, der deutlich weniger CO2-Emissionen verursacht als die Neuherstellung. Dadurch wird der Bedarf an Primärzuschlagstoffen wie Kies oder Sand reduziert.
Metalle wie Stahl und Aluminium lassen sich nahezu ohne Qualitätsverlust immer wieder recyceln. Die Verwendung recycelter Metalle ist nachhaltiger, da ihre Herstellung weniger energieintensiv ist. Für den späteren Rückbau und das Recycling sollte bereits in der Planungsphase auf die Legierung der Metalle geachtet werden, da legierte Metalle nicht mehr sortenrein wiederverwendet werden können.
Modellprojekte für zirkuläres Bauen
Wie sich die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft konkret umsetzen lassen, zeigt beispielsweise das experimentelle „Recyclinghaus" in Hannover, welches nahezu vollständig aus wiederverwendeten Baustoffen besteht, darunter eine Fassadenverkleidung aus ausgedienten Saunabänken. Die sortenrein trennbaren Konstruktionen ermöglichen später den Rückbau beziehungsweise die Wiederverwendung des Wohngebäudes.
Auch „The Cradle" in Düsseldorf ist ein Holzhybrid-Neubau, der vollständig nach dem Cradle to Cradle-Prinzip konzipiert wurde. Alle eingesetzten Materialien sind rückbaubar, dokumentiert und für eine spätere Wiederverwertung geeignet. Das Gebäude setzt zudem auf produktbezogene Materialpässe und ein zirkuläres Energiekonzept.
Ein echtes Vorbild ist das „Öko-Partner-Haus", das im Münchner Bauzentrum ab 1989 den neuesten Stand ökologischen und gesunden Bauens demonstrierte und über 600.000 Besucher inspirierte. Dieser Meilenstein der Baugeschichte konnte nach zehn Jahren Nutzung problemlos zerlegt und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Noch heute ist dieses Vorzeigeprojekt im Einsatz. Sein Modell ist im Deutschen Museum als Vorbild für ökologisches und zirkuläres Bauen zu bewundern.
Diese und viele weitere Beispiele zeigen: Kreislaufwirtschaft im Bauwesen umzusetzen, ist nicht nur notwendig, sondern auch machbar – jetzt sind Bauherren und -frauen gefragt, dies auch umzusetzen!
Tipps & Best Practice
Aspekte für ganzheitliches zirkuläres Bauen und weiterführende Informationen
- kreislaufbezogene Ziele und Rückbaupotenziale frühzeitig festlegen
- verbaute Materialien digital und lückenlos dokumentieren
- demontierbar und sortenrein trennbare Konstruktionen vorsehen
- flexible Grundrisse für längere Lebenszyklen einplanen
- rückgebaute Teile technisch und hygienisch prüfen
- enge Zusammenarbeit von Architekten, Bauunternehmen und Produktherstellern
- Förderprogramme, etwa im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) und Zertifikate wie DGNB und QNG (Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude) als strategische Orientierung nutzen. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) stellt dazu vielfältige Hilfsmittel bereit, um zirkuläre Konzepte schon frühzeitig zu integrieren – von praxisorientierten Checklisten über standardisierte Dokumentationsinstrumente bis hin zu Bewertungsmodellen und Aus- und Weiterbildungsangeboten
Die Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena) „Geschäftsmodelle für zirkuläres Bauen und Sanieren" und nachfolgende Beispiele für Cradle to Cradle-Bauprojekte geben zusätzlich wertvolle Anregungen:
- Recyclinghaus, Hannover: www.cityfoerster.net
- The Cradle, Düsseldorf: www.the-cradle.de
- Woodcube, Hamburg: www.holzbauwelt.de
- C2C LAB, Berlin: www.c2c-lab.org
- RAG-Verwaltungsgebäude Zollverein, Ruhrgebiet: www.koelbl-group.com/project/kreislaufhaus
- Project Moringa, Hamburg: www.moringa.eco/projekte/moringa-hamburg
Christian Schaar ist Geschäftsführer des nachhaltigen Architekturbüros S2 GmbH, welches als Schwerpunkt ökologischen Holzbau hat. Bei Neubauprojekten und Sanierungen wird er regelmäßig mit baubiologischen Fragestellungen konfrontiert und als Experte auf diesem Gebiet konsultiert.
Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
21
APR
2026
APR
2026
08
JUN
2026
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
20
JUN
2026
JUN
2026
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
LOHAS & Ethischer Konsum
"All You Need is Love"Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Jetzt auf forum:
Eckard Christiani: wie wir morgen lehren und lernen wollen
Luftverkehrssteuer: Klimaschädliche Steuergeschenke dank Sondervermögen
Deutschland summt!-Pflanzwettbewerb startet heute
Ihr brennt mit eurem Projekt für digitale Bildung?




















