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Judith Block

Klimaadaption und Regeneration

Wie Städte auch in Zeiten des Klimawandels lebenswerte Orte bleiben

Stellen Sie sich eine Stadt vor, in der Dächer zu blühenden Gärten werden, Straßen Regenwasser aufsaugen und Parks bei Starkregen zu Wasserspeichern mutieren. Klingt utopisch? Keineswegs! Klimaadaption kann Städte nicht nur widerstandsfähiger, sondern auch lebenswerter machen. Innovative Konzepte wie die „Schwammstadt" und das Prinzip der Regeneration revolutionieren urbane Räume.

Eine moderne „Schwammstadt ist gerüstet für Starkregenereignisse: Drainagen, Regenbecken, Zisternen und Grünstreifen verhindern nicht nur Überschwemmungen, sondern sorgen für Bewässerung in Trockenzeiten. © ACO – Green City Schwammstad
Der Klimawandel macht das Leben in Städten durch Hitzewellen, Dürren, Fluten und im Norden Deutschlands auch durch den steigenden Meeresspiegel immer ungemütlicher bis nicht mehr bewohnbar. Ein Großteil der deutschen Kommunen hat jedoch noch kein Konzept entwickelt, um mit den Folgen umzugehen – und das, obwohl fast alle damit rechnen müssen, in Zukunft stärker mit extremen Wetterereignissen konfrontiert zu sein.
 
Deshalb wurde 2024 ein Gesetz verabschiedet, das Bund, Länder und Kommunen zur Klimaadaption, also zur Anpassung an die Folgen der Klimaerwärmung, verpflichtet. Die Investitionen in städtische Klimaanpassungen reduzieren nicht nur Risiken für die Bevölkerung, sondern erhöhen auch die Lebensqualität vor Ort. Mit dem richtigen Mindset wird die aktuelle Lage sogar zum Innovationstreiber für neue Geschäftsmodelle und kann öffentliche Räume buchstäblich aufblühen lassen.
 
Die Schwammstadt im wirtschaftlichen Dilemma
Eine zentrale Bedeutung für urbane Klimaadaption hat das Prinzip der Schwammstadt. Zu den Kernelementen einer Stadt als „Schwamm" gehören entsiegelte Bodenflächen, viel Stadtbegrünung durch Bäume und Fassadenbepflanzung sowie das Schaffen von Wasserrückhaltebecken, in denen Regenwasser aufgefangen und sukzessive dem Grundwasser zugeführt werden kann. So werden Überschwemmungen durch Starkregen verhindert und positive Auswirkungen auf die Luftqualität und das lokale Klima erzielt. In Deutschland werden bereits erste Neubauviertel nach den Prinzipien einer Schwammstadt gebaut.
 
Der Enghaveparken in Kopenhagen macht es vor: Nach einigen folgenschweren Starkregenereignissen wurde der Park umgestaltet. Nun fördert er die Lebensqualität der Anwohnenden sowohl bei normalen als auch bei extremen Wetterbedingungen. Mehrere Bassins und hochwertig gestaltete Abflussrinnen fangen bei Starkregen das Wasser des umliegenden Quartiers auf. Bei gutem Wetter sind die Rinnen ein ansprechendes Gestaltungselement und die Bassins Teil eines Sportparks.
 
Immer beliebter: vertikale Wasserretention
Neben dem klassischen Schwammstadt-Konzept gewinnt ein neuer Ansatz an Bedeutung: die vertikale Wasserretention. Dabei werden Fassaden und Gebäudewände gezielt in die Wasserspeicherung eingebunden. Durch innovative Fassadensysteme mit speziellen Speichermaterialien oder integrierten Pflanzenstrukturen kann Regenwasser zwischengespeichert und langsam abgegeben werden. Diese Methode ergänzt die Schwammstadt, indem sie das natürliche Wassermanagement nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe erweitert.
 
Ein herausragendes Beispiel für diese Technik findet sich in Singapur, wo vertikale Begrünungskonzepte mit Wasserspeicherung kombiniert werden. Das Hochhaus Bosco Verticale in Mailand zeigt ebenfalls, wie Gebäude nicht nur CO? speichern, sondern auch zur Wasserregulierung beitragen können. In Deutschland könnten ähnliche Konzepte insbesondere bei Sanierungen bestehender Gebäude wertvolle Ergänzungen darstellen, um Städte klimaresilienter zu machen.
 
Dichte Besiedelung macht Anpassung schwieriger
Deutlich schwieriger wird es aber, wenn bereits dicht besiedelte Gebiete umgestaltet werden müssen. Diese Erfahrung musste beispielsweise Lutz Weiler machen, der Entwickler von Klimaphalt. In der Theorie hat das innovative Material das Potenzial zum Gamechanger: Der Asphaltbelag lässt große Mengen Wasser ins Grundwasser versickern, verringert dabei das Überflutungsrisiko und befüllt den lokalen Wasserhaushalt. Durch seine helle Farbe und Porosität hilft der Belag auch gegen die Bildung von urbanen Hitzeinseln im Hochsommer.
 
In Offenbach am Main wurde bereits eine Teststrecke „klimaphaltiert" – von einer flächendeckenden Umsetzung sieht die Kommune aber ab. Zu teuer sei die Umrüstung der Straßen, da von den Umbaumaßnahmen auch alle darunter liegenden Rohrleitungen betroffen seien. Das Beispiel zeigt ein grundsätzliches Dilemma auf: Offenbach leidet bereits heute unter Setzungsrissen aufgrund des sinkenden Grundwasserspiegels, doch die Maßnahmen für einen aufwändigen Rück- und Umbau der Infrastruktur sind kaum erschwinglich. Es werden Investitionskosten vermieden, dafür aber hohe Schadenskosten in Kauf genommen.
 
Die integrative Kraft der Regeneration
Ein alternatives Zukunftsbild könnte jedoch von diesem Dilemma befreien. Dabei ist das Paradigma der „Regeneration" insbesondere in bereits fertiggestellten Siedlungen wegweisend: Der öffentliche Raum wird zum Gestaltungsraum, um natürliche Flora- und Fauna-Bestände, fruchtbaren Boden und sogar das lokale Klima wieder regenerieren zu lassen. War die Stadt zuvor nicht in das lokale Ökosystem eingefügt, wird nun das lokale Ökosystem in die Stadt integriert und als Schlüssel für eine lebenswerte Zukunft angesehen.
 
Hinweis: 
Dieser Artikel erschien in seiner ursprünglichen Version zuerst in
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In Rotterdam lässt sich beobachten, wie das Regenerations-Paradigma das Lebensgefühl der Stadt verändert. Die Stadt liegt nicht nur deutlich unter dem Meeresspiegel, sondern hat auch 10 Prozent mehr Regen als andere Städte in den Niederlanden. Ein Großteil der Maßnahmen, die hier ergriffen werden, zielt aber über reine Adaption hinaus: Viele der neugebauten Flachdächer werden begrünt und zu grünen Oasen umgestaltet – etwa der Dakpark, Europas größter Rooftop-Park.
 
Auch der Hofbogenpark verwandelt eine stillgelegte Bahntrasse zum Spaziergebiet, auf dem lokale Flora zahlreichen Tierarten ein neues Habitat in der Stadt bietet. Das Prinzip der Regeneration zeigt: Adaption kann über die Vermeidung von Risiken hinausgehen – und so sogar die Lebensqualität in den Städten erhöhen, für die Menschen und das gesamte Ökosystem. 

Judith Block ist Redakteurin und Co-Founderin der Denkfabrik The Future:Project (www.thefutureproject.de). Das transdisziplinär arbeitende Netzwerk aus erfahrenen Trend- und Zukunftsforschenden unterstützt Menschen und Organisationen mit Wissen über Trends, Zukunft und Transformationen bei der Gestaltung lebenswerter Zukünfte.

Dieser Artikel ist in forum 02/2025 - Save the Ocean erschienen.



     
        
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