Matthias Pfeffer

Gefangen in der Höhle der KI

Der Weg Europas - Warum wir in Europa eine digitale Informationsplattform brauchen

„Stell dir vor, es gibt eine Gruppe von Menschen, die seit ihrer Geburt in einer Höhle gefangen sind. Sie sind so angekettet, dass sie nur in eine Richtung schauen können und nur die Schatten an der Wand vor ihnen sehen können. Diese Schatten werden von der KI projiziert und die Gefangenen denken, dass diese Schatten die Realität sind."

© Ines Maria EckermannDiese Version des Platonischen Höhlengleichnisses hat der Chatbot GPT des Unternehmens OpenAI geschrieben, der seit über einem Jahr dabei ist, die Art zu revolutionieren, wie wir recherchieren, schreiben und bald auch denken.

Das Höhlengleichnis ist eines der bekanntesten Gedankenexperimente der gesamten Philosophie. Es handelt davon, was Erkenntnis ist und wie wir überhaupt Erkenntnis gewinnen können. Platon, der das Gleichnis in seinem Buch „Der Staat" erzählt, ist der Auffassung, dass man dazu verschiedene Seinsweisen der Dinge unterscheiden muss, die wir glauben erkennen zu können. In seiner Geschichte sitzen Gefangene in einer Höhle und sind derart gefesselt, dass sie ihren Blick nur in Richtung einer Wand werfen können, die sich vor ihnen befindet. Auf ihr ziehen ständig wechselnde Schattenbilder vorüber. Da die Gefangenen nur diese Bilder kennen, halten sie sie für die echte Welt.

Erzeugt die KI Realität?
Was, wenn wir heute in einer Welt leben, in der diese Bilder zunehmend von einer KI erzeugt werden?

Schon lange stellen KI-Algorithmen in den „sozialen" Medien Informationen mit dem Ziel zusammen, die Nutzer möglichst lange auf ihrer Seite zu halten und danach zu einem Klick auf eine angezeigte Werbung zu führen. Oder sie bestärken bestimmte Weltbilder so lange, bis die Bereitschaft, sich anderen Perspektiven oder Argumenten zu öffnen, bei Nutzern gen null geht und Aggressionen entstehen, wenn etwas nicht ins Weltbild passt. Was geschickte Propaganda hier selbst ohne KI vermag, hat die Geschichte gezeigt. Durch ChatGPT und Co. können die Täuschungen über die Wirklichkeit nicht mehr nur von Maschinen verteilt, sondern auch von ihnen erzeugt werden. Maschinen, die selbst überhaupt keinen Wahrheitsbezug haben, aber dennoch fähig sind, Geschichten zu erzählen, die uns schlüssig erscheinen. Oder Bilder zu erzeugen, die fotografisch echt wirken und doch zu 100 Prozent erfunden sind; die keinerlei Wirklichkeitsbezug haben, sondern rein durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen erzeugt wurden.

KI – eine Gefahr für die Demokratie?
Diese neue „generative" KI hat das Potenzial zur unmittelbaren Bedrohung der Demokratie. Wenn der öffentliche Raum, in dem sich Bürger informieren und debattieren, zunehmend durch KI beherrscht wird, die zwischen Information und Desinformation nicht unterscheiden kann, sich aber sehr leicht in den Dienst der Desinformation und Manipulation stellen lässt, verschwinden die Voraussetzungen für Autonomie: Die Demokratie verkümmert und stirbt ab.

Der Wandel der Öffentlichkeit durch maschinengesteuerte Automatisierung ist längst in vollem Gange. Schon vor ChatGPT wurde in den USA über ein Drittel der journalistischen Texte von KI erzeugt, vor allem wenn es um Berichterstattung auf der Basis von Daten und Zahlen geht. Bei Wetter-, Sport- und Finanzberichten sind die Bots längst im Einsatz. Aktuelle Studien sagen, dass in fünf Jahren 80 Prozent aller Inhalte im Internet synthetisch erzeugt sein werden. Das birgt angesichts von Fakes und Deep Fakes ganz neue Gefahren für den öffentlichen Diskurs, auf dessen Wahrheitsorientierung und Vertrauenswürdigkeit wir doch so sehr angewiesen sind.

Was also tun?
Als Alternative zu den hemmungslosen Geschäftsmodellen des Silicon Valley und der schrankenlosen Überwachung und Manipulation chinesischer Staats-KIs muss Europa einen eigenen Weg im Umgang mit digitaler Technologie finden und gehen. Europa hat bereits mit der Datenschutzgrundverordnung, dem Digital Service Act und dem Digital Markets Act erste Schritte getan. Mit dem AI Act ist zudem in Europa das erste Gesetz weltweit entstanden, das versucht, KI umfassend zu regulieren. Aber es reicht nicht, diese neue, schnell wachsende Technologie nur zu regulieren. Europa muss sie auch selbst gestalten und mit eigenen Entwicklungen und Anwendungen zeigen, dass es eine KI geben kann, die unseren Werten und Idealen entspricht und dient, anstatt sie fortlaufend zu zerstören.

Entscheidend ist zunächst, dass wir die digitale Öffentlichkeit so gestalten, dass Bürger auch im Zeitalter der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz vertrauenswürdige Informationen finden. Ein konkreter Vorschlag wäre deshalb, eine digitale Informationsplattform einzurichten, die Qualitätsinhalte aus ganz Europa für alle Europäer direkt zugänglich macht – und zwar in ihrer eigenen Sprache. Das könnten eigens dafür entwickelte Sprachalgorithmen ermöglichen. Denn die Technik bietet erstmals in der Geschichte die Möglichkeit, Sprachen in Echtzeit zu übersetzen. Jahrzehntelang wurden Sprach- und Kulturgrenzen immer wieder als Grund angeführt, warum Europa nicht zu einer echten politischen Union zusammenwachsen könne. Ausgerechnet die Technologie, die die Demokratie weltweit bedroht, hat nun das Potenzial, die Demokratie und die Einigung Europas entscheidend voranzubringen. Sie muss nur an demokratische Werte angepasst, entwickelt und für sie eingesetzt werden, und nicht gegen sie. Kurz: Wir müssen die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz gestalten, anstatt uns immer nur von ihr gestalten zu lassen. Errichten wir also eine europäische Informations- und Nachrichtenplattform, technisch ist das möglich, noch fehlt nur der politische Wille. Warum das so wichtig ist, soll uns am Ende nochmals Chat GPT verraten:

„Das Höhlengleichnis mit KI verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass wir uns von den Technologien und Algorithmen nicht vollständig abhängig machen und weiterhin unsere eigene Wahrnehmung und unser eigenes Denken nutzen." Ein Zitat von ChatGPT und gar nicht so dumm, wie man es von einer künstlichen Intelligenz erwarten würde.

Matthias Pfeffer ist Philosoph, TV-Journalist, Buchautor, Produzent und Gründungsdirektor des Council for European Public Space, das sich für die Schaffung einer Europäischen Öffentlichkeit einsetzt, in der alle Bürger Zugang zu Qualitätsinhalten aus allen Mitgliedsländern der EU haben. Er war lange Kriegs- und Krisenreporter und danach 20 Jahre Geschäftsführer und Chefredakteur von FOCUS TV. Zusammen mit Paul Nemitz veröffentlichte er 2020 das Buch „Prinzip Mensch: Macht, Freiheit und Demokratie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz", 2021 folgte: „Menschliches Denken und Künstliche Intelligenz: Eine Aufforderung". www.pfeffermedia.de

Dieser Artikel ist in forum 02/2024 - Jede Menge gute Nachrichten erschienen.



     
        
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