Retten die Fan-Proteste das Spiel?

Christoph Quarch sieht im Fußball einen letzten Zufluchtsort des Menschlichen in einer ökonomisierten und technisierten Welt.

Tennisbälle, Äpfel, Schokomünzen: Man staunt, was sich seit einigen Wochen auf dem grünen Rasen der Bundesliga-Stadien ansammelt und immer wieder zu Spielunterbrechungen führt. Der Hintergrund: Die organisierte Fan-Szene protestiert gegen das Vorhaben der Deutschen Fußball-Liga (DLF), mit Hilfe eines Investors rund 1 Milliarde Euro Investitionskapital zu erhalten. Die Fans sehen darin eine gefährliche Kommerzialisierung des Fußballs und befürchten Interessenkonflikte. Nun haben die Proteste erste Wirkung gezeigt: Mit dem Unternehmen Blackstone hat sich einer der beiden Bewerber aus dem Rennen verabschiedet. Ist das eine gute oder schlechte Nachricht für den Fußball?
 
Kommerzielle Entscheidungen haben dazu beigetragen, dass immer weniger Kinder Fußball anschauen - und spielen. © Daniel Kirsch, pixabay.com Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch. Herr Quarch, Sie haben vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel „Rettet das Spiel!" veröffentlicht. Würden Sie sich mit dieser Parole den Fanprotesten anschließen?
Ja, würde ich. Die exzessive Vermarktung des Fußballs stellt tatsächlich eine Gefahr für das Spiel dar. Ich möchte das an einem einfachen Beispiel deutlich machen. Aus kommerziellen Erwägungen hat man die Anstoßzeiten der Spiele immer später in den Abend gelegt. Mit dem Erfolg, dass immer weniger Kinder im Fernsehen Fußballspiele anschauen. Das wiederum führt dazu, dass immer weniger Kinder Fußball spielen – zumindest nicht aktiv auf dem Bolzplatz, sondern wenn überhaupt, dann nur noch mit der Spielkonsole. Der Zauber dieses zauberhaften Spiels geht verloren, wenn es medial nur noch unter kommerziellen Gesichtspunkten aufbereitet wird.

Sie können aber doch nicht die Augen davor verschließen, dass die Kommerzialisierung des Fußballs vermutlich irreversibel ist. Es gibt einen weltweiten Vermarktungskampf der Profiligen. Die englische Premier League ist der Bundesliga längst davon galoppiert – und stellt europaweit die erfolgreichsten Vereine.
Genau das zeigt das Problem: Die Kommerzialisierung des Fußballs verschiebt die Parameter. Als erfolgreich gilt, wer in der Champions League am weitesten kommt, wer die meisten Spiele gewinnt, wer die teuersten Spieler verpflichten kann, wer für die Aktionäre die höchste Rendite erwirtschaftet. Aber darum geht es beim Fußball nicht. Beim Fußball geht es um Leidenschaft und Begeisterung, um Liebe und Treue auch in Niederlage und Abstieg. Er ist ein letzter Zufluchtsort des Menschlichen in einer ökonomisierten und technisierten Welt. Die Fans wissen das. Und sie wissen auch, dass Finanzinvestoren davon nichts verstehen. Deshalb wittern sie zu Recht eine Bedrohung ihres Spiels. Sie wollen sich „unseren Fußball", wie sie sagen, nicht wegnehmen lassen.

Aber es könnte doch sein, dass es ihren Fußball bald nicht mehr geben wird, wenn die Bundesliga nicht mehr finanzierbar ist – oder zumindest nicht auf dem hohen Niveau, das man sich wünscht. Selbst sportlich scheint der deutsche Fußball nicht mehr voll konkurrenzfähig.
Ja, aber nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil die Kommerzialisierung des Fußballs nur dem passiven Konsum zugutekommt, aber nicht dem aktiven Sport. Ich bin gerade in Spanien. In jedem Dorf gibt es hier einen abends beleuchteten Bolzplatz, auf dem die Kinder kicken können. Das gibt es in Deutschland nicht.  Deshalb – behaupte ich – ist der spanische Fußball zukunftsfähiger; nicht, weil die Primera División mehr Geld hätte. Dass der Fußball ohne Geld leben kann, lehrt jeder Schulhof in Kolumbien; dass er ohne Fans verkümmert, lehrt jedes Geisterspiel vor leeren Rängen. Nein, der Fußball lebt von den Menschen, die ihn spielen; und er ist erfolgreich, wenn er die Spielenden begeistert. Dazu gehören auch die Fans, die streng genommen bei jedem Spiel mitspielen.

Meinen Sie, dass die Fans sich durchsetzen werden? Für die DFL wäre das ein herber Schlag.
Dass Blackrock ausgestiegen ist, können die Fans schon mal als Erfolg verbuchen. Es sollte mich nicht wundern, wenn der verbliebene Konkurrent bald nachzieht. Der Business-Case wird schlicht zu risikobehaftet, wenn man die Fans gegen sich aufbringt. Um die DFL tut es mir dabei nicht leid. Durch die mangelnde Transparenz ihrer Entscheidungsfindung hat sie das Vertrauen der Fans ohne Not zerrüttet. Das zu reparieren wird lange dauern. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. Es könnte sein, dass die Kommerzialisierung des Fußballs ihren Höhepunkt schon überschritten hat und dass wir bald die Abstürze von FIFA und Premier-League erleben. Der Schaden in Deutschland wäre dann nur halb so groß.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

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