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„Wir brauchen Bewertungskriterien für das Tierwohl in der Krebstierzucht“

Interview mit Sven Würtz, der im Projekt CrustaWohl zum Tierwohl und der Tiergesundheit in der Garnelenzucht forscht.

Krebstiere wie Garnelen sind ein beliebtes Nahrungsmittel. Aufgrund der großen Nachfrage stammt ein großer Teil der verzehrten Tiere nicht mehr aus Wildfang, stattdessen werden sie massenhaft in Aquakulturen gezüchtet. Dies gilt insbesondere für Garnelen, deren Produktion sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt hat. Doch Verbesserungspotenzial gibt es bei der Nachhaltigkeit und beim Tierschutz. Das Dilemma: Es ist noch zu wenig über das Empfindungsvermögen und die Stressreaktion von diesen Zehnfußkrebsen bekannt, die nicht zu den Wirbeltieren gehören und daher im Tierschutzgesetz und anderen Normen einen anderen Stellenwert haben.
 
© kengkreingkrai, pixabayDeshalb entwickeln Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und des Alfred-Wegener-Instituts im neuen Projekt CrustaWohl ein Bewertungssystem zur Verbesserung des Tierwohls und der Tiergesundheit in der Garnelenzucht, finanziert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Zu diesem Thema haben sie gerade den aktuellen Wissensstand zusammengetragen und dazu einen Übersichtsartikel veröffentlicht. Im Interview erklärt Studienleiter Dr. Sven Würtz, warum sich die Aquakulturpraxis dringend mit diesem Thema auseinandersetzen sollte.
 
Herr Würtz, was sind eigentlich Krebstiere und welche Rolle spielen sie für unsere Ernährung?
Für den menschlichen Verzehr bezeichnet man umgangssprachlich Tiere als Krebse, die zur biologischen Gattung der Zehnfußkrebse zählen. Dazu gehören also Garnelen ebenso wie Hummer, Langusten, Flusskrebse oder Krabben. Garnelen sind eine der am häufigsten verzehrten Aquakulturarten in Deutschland: Etwa 1,1 Kilogramm pro Kopf im Jahr. Der größte Teil wird in anderen Ländern in offenen Teichanlagen produziert, vor allem in Südostasien. Weltweit liegt der Gesamtertrag bei rund 5 Millionen Tonnen pro Jahr.
 
Verbraucherinnen und Verbraucher geben in Umfragen an, vermehrt auf Transparenz, Umweltschutz und Tierwohl zu achten. Gibt es denn diesbezüglich eine positive Entwicklung in der Garnelenzucht?
Tatsächlich gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem von Konsument*innen zunehmend geäußerten Bedürfnis nach Tierwohl und dem Wissensstand bezüglich Tierwohl in der Produktion. Wir züchten immer mehr Garnelen, ohne zu wissen, wie es den Tieren dabei geht – hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Während für Transparenz und Umweltfreundlichkeit in den letzten Jahren Bewertungssysteme und Standards entstanden sind, gibt es das für Tierwohl und Tiergesundheit in der Krebstierzucht bisher nicht. 

Das ist ein grundlegendes Problem in der Aquakultur und liegt unter anderem an der großen Vielfalt: Über 400 verschiedene aquatische Organismen werden in Aquakultur gezüchtet. Spezifische Informationen zum Wohlbefinden für die jeweiligen Arten gibt es kaum, obwohl sich die Tiere in ihren Bedürfnissen grundlegend unterscheiden können. So gibt es für fast zwei Drittel dieser Arten in Aquakultur keine wissenschaftlichen Publikationen zum Tierschutz. Der Informationsbedarf der Verbraucher*innen kann also kaum befriedigt werden. Und auch die Züchter*innen, die mehr Tierwohl umsetzen können, haben wenig Orientierung.
 
Aber für andere Nutztiere gibt es festgelegte Standards, wie zum Beispiel einen Mindestplatzbedarf. Warum werden Krebstiere anders behandelt?
Die Europäische Kommission hat im Rahmen ihrer Tierschutzstrategie messbare Tierschutzindikatoren gefordert, um die gute Tierhaltung auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu stärken, aber wirbellose Tiere sind davon bislang ausgenommen. Das EU-Parlament hat die Resolution "Vom Bauernhof bis auf den Tisch – Farm to Fork" verabschiedet, in der die Kommission auch aufgefordert wird, die Entwicklung höherer Tierschutzstandards für wirbellose Meerestiere wie Zehnfußkrebse zu unterstützen und zu fördern. In Großbritannien werden Zehnfußkrebse als „empfindungsfähig" anerkannt und dahingehende Gesetzesänderungen werden kommen.
 
Empfinden Krebstiere wirklich anders als Wirbeltiere?
Ob Zehnfußkrebse Schmerzen empfinden können oder nicht, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Krebstiere verfügen über Reflexe, um schädliche Reize zu vermeiden. Es besteht jedoch ein grundlegender Unterschied zwischen der Aufnahme eines schädlichen Reizes – der sogenannten Nozizeption – und dem Schmerz: Erstere hat eine rein physiologische Dimension, während die zweite zusätzlich noch eine emotionale Komponente hat. Laut Definition ist für Schmerz nämlich eine Verarbeitung des schädlichen Reizes im Gehirn essenziell. Wenn der Reiz also im Gehirn verarbeitet und mit einer negativen Erfahrung verknüpft wird, wird das Tier auch in Zukunft versuchen, den Reiz zu vermeiden. Das geht dann über eine reflexartige Reaktion hinaus. Dieses Vermeidungslernen ist ein klares Kriterium der Schmerzempfindung – zumindest so, wie wir Menschen sie kennen.
 
Die Frage, ob Tiere Schmerz und Leiden empfinden kann man nämlich nur über Analogien zum Menschen einschätzen. Damit lässt sich diese Frage zwangsläufig nicht abschließend klären. Die Diskussion über potenziellen Schmerz oder Leiden bei Zehnfußkrebsen ist daher auch sehr kontrovers. Aber meiner Meinung nach ist es auch nicht entscheidend, dass der endgültige Beweis fehlt. Denn es geht darum, eine optimale Haltung zu gewährleisten und dafür Bewertungskriterien zu identifizieren. Diese möchten wir in dem Projekt CrustaWohl als Standard entwickeln.
 
Welche Bewertungskriterien sind denn sinnvoll für die Aquakultur von Krustentieren?
Sven Würtz forscht zum Wohlbefinden von Krebstieren in der Aquakultur. © David Ausserhofer
Auch die Stressreaktion steht in direktem Zusammenhang mit dem Wohlbefinden. Stress lässt sich wesentlich objektiver beurteilen als Schmerz. Stress ist aus biologischer Sicht zunächst nichts Negatives, sondern zeigt nur auf, dass der Organismus nach Stresseinwirkung versucht, einen neuen Gleichgewichtszustand zu erreichen, sich an eine neue Situation anzupassen. Hält Stress jedoch länger an, gehen die verschiedenen Anpassungsreaktionen auf Kosten der Gesundheit und anderer wichtiger Körperfunktionen. So können beispielsweise Immunabwehr, Wachstum oder Fortpflanzung gestört sein. Das wird dann als „Distress" bezeichnet.
 
Will man das Wohlbefinden von Tieren beurteilen, kann man also auch Stressparameter analysieren. Bei Krustentieren gibt es zwar nicht das gleiche Hormonsystem wie bei Wirbeltieren, aber die Auswirkungen von Distress sind bei ihnen sehr ähnlich. Der Stoffwechsel verändert sich, messen lässt sich das zum Beispiel über die Konzentrationen von Glucose, Laktat und Glykogen. Dies sind Anzeichen dafür, dass die Energiereserven mobilisiert werden. Nach längerer Wirkung des Stressfaktors erkennt man dann Veränderungen in der Leistung des Tieres, zum Beispiel vermindertes Wachstum, abnehmende Krankheitsresistenz oder Verhaltensänderungen. Dafür gut messbare physiologische Bewertungskriterien und -methoden zu identifizieren, ist eine Aufgabe in CrustaWohl.
 
Außerdem sehen wir großes Potenzial bei der Beurteilung des Verhaltens. Denn mittlerweile gibt es stark automatisierte Tracking-Methoden, mit denen man Verhaltensabweichungen von Tieren erkennen kann. Aber der beste Stress ist natürlich der, den es gar nicht gibt – deshalb fokussieren wir auch auf das Vorsorgeprinzip und erarbeiten Haltungsempfehlungen.
 
Also von vorneherein Stress vermeiden?
Genau! Das geht natürlich durch allgemeine Maßnahmen wie optimale Wasserqualität, gutes Futter, angemessene Besatzdichte. Um aber weitere Stellschrauben zu identifizieren, muss man die Bereiche Nachzucht, Aufwachsen, Ernte, Transport, Betäubung und artgerechte Schlachtung gesondert betrachten. Bei der Zucht gibt es beispielsweise eine Methode namens „eyestalk ablation". Dabei werden die Augenstiele der weiblichen Shrimps entfernt, um die Eireifung und Fortpflanzungstrieb zu beschleunigen. Ob das mit Tierwohlzielen vereinbar ist, muss man natürlich stark hinterfragen – es gibt auch schon Aquakulturen, die darauf verzichten.

Ein anderes Beispiel ist der „Stresstest" für die Jungtiere in der Phase des Aufwachsens. Dabei werden einige Tiere einer Brutcharge großem Stress durch Salz, Temperatur oder Chemikalien ausgesetzt und anschließend die Anzahl der überlebenden Tiere bestimmt. Das macht man, um die Eignung der Bruttiere zu evaluieren. Eine derart rabiate Methode ist überholt und dieser Test sollte in Zukunft durch Verhaltenstests oder durch das Anwenden physiologischer Marker ersetzt werden.

Die Ernte ist definitiv eine der stressvollsten Momente für die Tiere. Daher sollte man einen stärkeren Fokus auf eine angemessene Betäubung setzen. Die starke Herabsetzung der Temperatur ist eine prinzipiell gut geeignete Methode, weil sie nicht die Nozizeptoren bei Krebstieren aktiviert.
 
Ganz konkret gefragt: Kann man Ihrer Meinung nach guten Gewissens Krebstiere essen?
Die weltweite Nachfrage ist da und die Tiere werden sowieso auf jeden Fall produziert. Das ist die gesellschaftliche Realität. Wir versuchen unseren Beitrag zu leisten, indem wir erforschen, wie man das Tierwohl bestmöglich gewährleisten kann. Wenn man sich dafür entscheidet, Krebstiere zu konsumieren, sollte man auf ein Biosiegel achten. So kann man den Schutz von Mangroven und eine artgerechtere Haltung unterstützen.
 
Publikation (Open Access)"Welfare of Decapod Crustaceans with Special Emphasis on Stress Physiology", https://doi.org/10.1155/2023/1307684

Kontakt: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Dr. Sven Würtz | sven.wuertz@igb-berlin.de | www.igb-berlin.de


Umwelt | Naturschutz, 01.08.2023

     
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