Technik | Green IT, 21.12.2022
Intelligentes Produktdesign verhindert Elektroschrott, oder?
Ein Gastbeitrag von Emanuel Lippmann, Global Program Manager ESG bei Dell Technologies
Jeden Tag kommen in Deutschland ein paar Tausend Tonnen Elektroschrott zusammen. Bei einem Defekt werden Smartphones, Computer oder Haushaltsgeräte wie Waschmaschine oder Kühlschrank meist nicht mehr repariert, sondern einfach durch ein neues Modell ersetzt. So wächst der Berg an ausrangierten Elektrogeräten unaufhörlich an: Wurde die globale Menge 2010 noch auf 34 Millionen Tonnen beziffert, hat sich dieser Wert 2019 bereits auf 54 Millionen Tonnen erhöht. Bis 2030 rechnen die Experten der Vereinten Nationen in dem Global E-Waste Monitor sogar mit einem Rekordwert von 74 Millionen Tonnen.
Das Problem ist allerdings nicht nur die Masse, sondern auch der Umgang mit den nicht mehr gebrauchten Artikeln. Weltweit wurden laut aktuellen Erhebungen gerade einmal 17 Prozent des produzierten Elektroschrotts eingesammelt und recycelt. Diese Quote liegt in Deutschland zwar bei rund 44 Prozent und damit deutlich über dem Durchschnitt – das in der EU seit 2019 vorgeschriebene Sammelkontingent von 65 Prozent wird trotzdem verfehlt. Das bedeutet: Statt dem Zerlegen und der Wiederverwertung von einzelnen Teilen landen viele Geräte schlichtweg auf der Deponie. Kostbare Rohstoffe wie Gold, Silber, Kupfer oder Platin gehen damit verloren, und gleichzeitig gelangen Gefahrenstoffe wie Quecksilber in die Umwelt. Gerade kleine Elektroaltgeräte werfen die Verbraucher hierzulande oftmals in die Restmülltonne, ohne sich Gedanken über die Folgen zu machen. Die Rückgewinnung wertvoller Stoffe sollte immer erst an letzter Stelle aller Nachhaltigkeitsmaßnahmen stehen.
Nun darf man bei aller Begeisterung für das Recycling eine Tatsache nicht vergessen: Die Rückgewinnung wertvoller Stoffe sollte immer erst an letzter Stelle aller Nachhaltigkeitsmaßnahmen stehen. Denn einerseits beschränkt sich das Recycling von Elektroaltgeräten vor allem auf Massenmetalle wie Eisen, Kupfer und Aluminium sowie leicht rückgewinnbare Edelmetalle. Kostspielige Materialien wie seltene Erden, Tantal, Indium oder Gallium dagegen lassen sich nur aufwendig und damit teuer separieren. Andererseits erschwert das sogenannte „Downcycling" die Wiederverwendung, denn recycelte Stoffe haben fast immer eine schlechtere Qualität als das Ausgangsmaterial. Eine umso größere Rolle nimmt deshalb die Kreislaufwirtschaft ein: Bei diesem Modell geht Wirtschaftswachstum nicht mit der Ausbeutung und dem Verbrauch von natürlichen, nicht-regenerativen Rohstoffen einher. Vielmehr werden Ressourcen möglichst lange im Wirtschaftskreislauf gehalten. Wird dieses Prinzip auf die IT umgelegt, bedeutet es, Geräte zu reparieren, sie aufbereitet wiederzuverwenden und erst dann, wenn die Lebensdauer maximal ausgereizt ist, die Komponenten, Materialien und Rohstoffe fachgerecht zu recyceln. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft ist damit immer auch Klimaschutz, denn bei der Herstellung elektronischer Geräte wird viel CO2 freigesetzt. Je länger man diese also nutzt, desto besser fällt die Klimabilanz aus.
Nachhaltigkeit beginnt nicht erst am Ende des Lebenszyklus eines Geräts, sondern bereits an dessen Anfang.
Was heißt das nun für die IT-Industrie? Eine einfache Demontage, ein minimaler Einsatz von Klebstoff und Schrauben sowie die Vermeidung unnötiger Lackierungen sind zunächst einmal Voraussetzung, um die Arbeit der Wiederverwerter zu erleichtern. Komponenten sollten mit handelsüblichen Werkzeugen zugänglich sein. Zudem müssen Anwender einen einfacheren Zugang zu Ersatzteilen erhalten, damit wieder mehr repariert und weniger ausgetauscht wird. Unternehmen, die angesichts ihrer geschäftlichen Anforderungen stets auf eine leistungsstarke IT-Infrastruktur angewiesen sind, sollten bereits beim Kauf eine mögliche Weiterverwendung im Blick haben. Das heißt, passt nach ein paar Jahren die Performance der Hardware nicht mehr, können die Geräte refurbished werden und so ein zweites Leben in weniger anspruchsvollen Umgebungen wie einem Trainingsraum finden. Und auch danach muss die IT keineswegs im Abfall landen: Schulen mit schlechter Ausrüstung oder Wohltätigkeitsvereine freuen sich über eine Spende. Natürlich beginnt Nachhaltigkeit nicht erst am Ende des Lebenszyklus eines Geräts, sondern bereits an dessen Anfang. Hier hat sich in den vergangenen Jahren gerade bei Alternativen zu den bislang verwendeten Materialien viel getan: So werden beispielsweise recycelte Kohlefasern aus der Luft- und Raumfahrtindustrie als Polycarbonat-Basis für die Herstellung von Laptops verwendet. Eine andere Alternative sind Gehäuse aus Bio-Kunststoffen, die aus Baumabfällen bei der Papierherstellung gewonnen werden.
Zurück zu meiner Frage am Anfang: Ich bin davon überzeugt, dass ein intelligentes Produktdesign wie auch eine funktionierende Kreislaufwirtschaft die Menge an Elektroschrott deutlich reduzieren können. Damit verringern wir nicht nur die Gesundheits- und Umweltgefahren – werden ausrangierte Geräte im Kreislauf gehalten, bringen sie auch ein bis dahin ungenutztes Wertschöpfungspotenzial. Um das Ziel zu erreichen, braucht es ein gutes Zusammenspiel der Politik, die eine Menge anschieben kann, der Wirtschaft, die es zügig umsetzen muss, und ein bewusstes Verbraucherverhalten.
Frau Reiche – es reicht!
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