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Erdgas – das pure Gift

Der aktuelle Kommentar von Axel Berg, Vorsitzender der deutschen Sektion von Eurosolar

Deutschland ist Weltmeister unter den Gasimporteuren. Fast 100 Prozent wird über Pipelines aus Russland, Norwegen und den Niederlanden importiert. Die Niederländer steigen wegen zu vieler Erdbeben bei den Bohrungen bis 2030 aus der Produktion aus.
 
Erdgas fungiert als Wärmelieferant für Häuser und die Industrie, zur Stromerzeugung und als Treibstoff. Es besteht fast vollständig aus Methan, einem der bedeutendsten Klimagase. Bis zu 12 Prozent der geförderten Gesamtmenge entweicht im Laufe der kompletten Bereitstellungskette unkontrolliert durch Leckagen in die Atmosphäre.
 
Die Förderung von Erdgas ist klimaschädlich und unwirtschaftlich, sagt Axel Berg. © jpenrose, pixabay.comIn der Umgebung von Förderanlagen sind Umweltzerstörungen und erhöhte Krebsraten zu beobachten. Bei den auffallend wenigen Feldversuchen wurden auch Löcher in den Leitungen mit riesigen Gasverlusten festgestellt. Allein in der Nordsee entweichen aus stillgelegten Förderbohrungen jährlich bis zu 17.000 Tonnen Methan. Methan-Emissionen übertreffen die negative Klimawirkung von Kohle und Erdöl deutlich. Eine die Methan-Emissionen belastende Schadstoffsteuer gibt es nicht. So profitiert die Gaswirtschaft von den steigenden CO2-Belastungen für Kohle und Öl.
 
Der klimaschädlichste Brennstoff
Der klimaschädlichste Brennstoff schlechterdings ist gefracktes Flüssigerdgas (LNG) aus den USA, das in Europa verstromt wird. Ein Viertel der enthaltenen Energie wird allein für die Verflüssigung aufgebraucht. Die Treibhausgasemissionen aus einem Erdgaskraftwerk mit LNG sind bis zu 30 Prozent höher als die aus einem Kohlekraftwerk. 2022 gibt es 37 LNG-Terminals in Europa, die zu rund 40 Prozent ausgelastet sind, 27 weitere sollen gebaut werden. Trotzdem plant die Bundesregierung, die Kosten für den Bau der ersten zwei deutschen Anlandestationen zu übernehmen, was die deutsche Industrie für nicht wirtschaftlich hält und deren Inbetriebnahme nicht vor 2025 erwartet wird.
 
Verschärfung der Energiepreiskrise
LNG soll aus den USA und Katar importiert werden. Bisher wird deren Flüssiggas vor allem nach Asien verschifft. Wenn die USA oder Katar weniger nach Asien liefern sollen, um damit russisches Erdgas in Deutschland zu ersetzen, muss Deutschland absehbar höhere Preise zahlen, was wiederum die Energiepreiskrise verschärfen wird. Katar gilt als Land, das den islamistischen Terrorismus finanziert.
 
Der Ausbau geht weiter
Eine Überschätzung des Bedarfs an neuer Erdgas-Infrastruktur führt entweder dazu, dass viel zu lange klimaschädliches Erdgas verbrannt wird, oder es führt zu vielen sich nicht amortisierenden Anlagen. Nord Stream 2 ist eine private Investition in Höhe von fast 10 Milliarden Euro, die seit Beginn der Russlandsanktionen als Stranded Investment abgeschrieben werden kann. Weniger umstritten sind viele andere Erdgasprojekte: Der Southern Gas Corridor ist ein Vorzeige-Energieprojekt der EU. Die Trans-Adria-Pipeline (TAP) soll dabei aserbaidschanisches Gas über Griechenland und Albanien durch das Adriatische Meer nach Italien bringen; die Trans-Anatolian-Pipeline (TANAP) soll die Türkei versorgen. Die Poseidon soll von Israel über Zypern in 3000 Meter Wassertiefe bis zur Peloponnes führen. Weitere Pipelines sind in Planung; Southstream und Nabucco (die an der Ukraine vorbei durch Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich führen soll, von Joschka Fischer promoted und seit Jahren eingefroren) gehören zu den bekanntesten. Die Regierung Merkel wollte sogar neue Gasfelder in Russland für Europa erschließen.
 
Nicht wettbewerbsfähig im Vergleich zu den Erneuerbaren
Seit 2010 ist die Gaspreisentwicklung einigermaßen konstant, steigt aber durch die wirtschaftliche Abkopplung Russlands stark an. Die Kosten für erneuerbare Energien hingegen sind seit 2010 kontinuierlich gefallen. Solarmodule sind um fast 90 Prozent günstiger, Windenergie verbilligte sich zu 55 Prozent, Lithium-Ionen-Batterien um 85 Prozent.
 
Die erneuerbaren Energien-Alternativen zu Gas benötigen keine internationalen Pipelines und keine neuen Frachtschiffe. Sie können in Monaten genehmigt und installiert werden anstatt jahrelange Planungsverfahren zu durchlaufen. Für Angreifer sind dezentrale und autonome EE-Anlagen als Ziel uninteressant. Die bestehende Gasnetz-Infrastruktur mit ihren unter ganz Deutschland gezogenen Rohren kann für den späteren Betrieb mit regenerativem Gas dauerhaft Speicherfunktionen übernehmen. Erdgas kann durch PtX (Power-to-X, also Wind-Gas, EE-Gas) ersetzt werden. Wie in der Landwirtschaft kann man auch mit erneuerbaren Energien im Sommer Überschüsse produzieren, die dann im Winter verbraucht werden.
 
Dezentrale erneuerbare Energien als Sicherheitsfaktor
Axel Berg. © robertosimoni.comFür die Regierung Scholz liegen inzwischen nicht nur LNG, sondern auch die erneuerbaren Energien grundsätzlich im überragenden öffentlichen Interesse und der öffentlichen Sicherheit. Kleine Wasserkraftwerke sollen hiervon ausgenommen werden. Dabei liefert gerade die heimische Wasserkraft genau dann Strom, wenn teure und umweltschädliche Gaskraftwerke mit Erdgas aus Russland, USA oder Katar einspringen sollen, um winterliche Angebotsflauten auszugleichen. Bohrungen in Deutschland nach Gas und Öl oder Fracking sind ebenso wie Neuinvestition in Erdgas  – ob in Netzanschlüsse, Gaskraftwerke oder LNG-Terminals – ein Klotz am Bein der Energiewende, weil sie das dringend notwendige Investment in dezentrale erneuerbare Energien schmälern.
 
Weitere Maßnahmen für eine ultimative Beschleunigung für heimische erneuerbare Friedens- und Freiheitsenergien siehe EUROSOLAR-Sofortprogramm vom März 2022.
 
Axel Berg, Rechtsanwalt und Politologe, war von 1998 bis 2009 Mitglied des Bundestages (SPD) und war Co-Autor des Erneuerbare Energie Gesetzes (EEG) und Initiator der Exportinitiative für Erneuerbare Energien. Seit November 2009 ist Axel Berg Vorsitzender der Eurosolar-Sektion Deutschland und berät Unternehmen, Verbände und Kommunen. Er ist Mitglied des Kuratoriums von forum Nachhaltig Wirtschaften.

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Umwelt | Ressourcen, 29.04.2022

     
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