Der lange Weg von „normal“ zu „natürlich“

Der aktuelle Kommentar von Peter Zettel

Was ist normal? Eine Definition ist schwierig. Eines scheint jedenfalls sicher: Normal ist etwas anderes als natürlich. Hanna Arendt schreibt in „Eichmann in Jerusalem", dass „das Beunruhigende an der Person Eichmann doch gerade war, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren."

Dem Nazi in mir entrinnen
Einen eigenen Standpunkt in der Masse einzunehmen ist nicht einfach. © pixel2013, pixabay.comEin Nazi-Mörder – und ganz normal? Ich kenne einen persönlich, ein ganz normaler Mann, allseits beliebt – und ein Nazi-Mörder: Mein Vater. Daraus habe ich eines gelernt, nämlich dass es vor allem um mich geht, denn er ist schon tot. Mich interessiert nicht, wie die Zeit damals war, denn seine Opfer entlastet das nicht. Ihr Leiden wird ihnen durch seine (oder die anderer) Rechtfertigungen nicht berührt. Es bleibt wie es ist. Grausam, brutal. Was mich bewegt, ist die Frage, wonach ich mich heute ausrichten muss – und weiß mittlerweile: „normal" ist dabei kein Kriterium.

Unter diesem Aspekt interessiert es mich, mit welcher Denkstruktur mein Vater gedacht haben muss, dass er zu solchen Taten fähig war. Das aus dem ganz einfachen Grund, weil ich ja meine Denkstrukturen von ihm gelernt und übernommen habe. Sind mir die jedoch bewusst, kann ich ihnen auf den Grund gehen und sie notfalls ändern. (Was übrigens nicht so einfach ist, das braucht eine Menge Disziplin.) Sind sie mir jedoch nicht bewusst, denke ich nach dem gleichen Muster wie er und merke nicht, in welche gedankliche Falle ich damit womöglich gerate.

Denken gegen den Strom
Entscheidend ist nicht, wie die Zeiten sind, sondern wie ich auf sie reagiere – mache ich mit, lasse ich mich verführen, ziehe ich lieber den Kopf ein und bin still oder habe ich gelernt, eigenständig zu denken und stehe ich zu meiner Meinung und bin deswegen nicht oder wenigstens nicht ohne weiteres verführbar? Was nicht bedeutet, keine Fehler zu machen! Aber es bedeutet, mich konsequent in intellektueller Redlichkeit zu üben und nicht dem Mainstream hinterherzuhecheln.

Nur nützt das alles nichts, wenn da kein Ziel ist, das sich anzusteuern lohnt. Sonst geht es mir wie dem Kapitän, der trotz bester Schiffs-, Gezeiten- und Seekenntnisse nie den sicheren Hafen verlässt. Was also muss ich tun, damit ich nicht normal, sondern natürlich lebe?

Der Weg zum Natürlichen
Es ist die Aufgabe meiner Selbstbezogenheit. Lange Zeit erschien mir dieses Ziel zu hoch. Denn dies ist ja nichts, was man so einfach abstellen kann. Selbstbezogenheit steckt in uns sozusagen wie ein Virus. Den kann ich auch nicht willentlich an- oder abstellen. Doch ich kann ihn loswerden, durch eindeutiges und konsequentes Verhalten. Und so ist es auch mit der Selbstbezogenheit. Aber es muss noch etwas hinzukommen, eine innere Haltung. Und die finde ich zunehmend – lachen Sie nicht! – in der Quantenphysik. Albert Einstein hat es, wie ich finde sehr treffend, mit diesen Gedanken zum Ausdruck gebracht:

»Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen. Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.«

Peter Zettel, © privatDie Selbstbezogenheit aufzugeben bedeutet also, mich nach den Gesetzmäßigkeiten des Kosmos auszurichten. Und diese sind es ja, welche die Welt und die Menschen bewegen, es sind nicht meine persönlichen Gesetzmäßigkeiten oder die eines anderen. Ich bin ein Teil des Kosmos und so muss ich auch meine vermeintlich „normalen", ichzentrierten Vorstellungen von der Wirklichkeit aufgeben. Wenn mir dies gelingt, dann komme ich nicht nur in der Wirklichkeit an, sondern auch bei mir selbst –  „suchst du dich selbst, so suche draußen in der Welt", heißt nicht umsonst ein weiser Spruch. Mit diesem Ankommen bei mir selbst ist denn auch der Grundstein gelegt: für das eigenständige Denken, das sich nicht vom Strom der anderen mitreißen lässt, für das Denken und Fühlen, das ich bei meinem Vater vermisst habe.

Peter Zettel
ist pensionierter Anwalt. Seit fünf Jahren ist er begeisterter Motorradfahrer – sein persönlicher Weg der Selbsterkenntnis. Er interessiere sich für das, was die Welt bewegt und schreibe darüber in seinem Blog zettel.biz

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