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Was sagt der Caravaning-Boom über unsere Gesellschaft?

Christoph Quarch plädiert dafür, den Zauber des klassischen Reisens und seiner unerwarteten Begegnungen wiederzuentdecken.

Wenn am Wochenende der Düsseldorfer Caravan-Salon beginnt, wird sich eine Branche feiern, die wie kaum ein andere boomt. Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich derzeit fast 20 Millionen Menschen in Deutschland mit dem Thema Caravaning beschäftigen und entweder bereits Besitzer eines Wohnmobils bzw. Wohnwagens sind oder eine Anschaffung in Erwägung ziehen. Nach diversen Zulassungsrekorden steht zu erwarten, dass noch in diesem Jahr die Zahl von 100.000 Erstzulassungen pro Jahr geknackt wird. Was sagt der Caravaning-Boom über unsere Gesellschaft? Über diese Frage reden wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch?

© jeroenb93, pixabay.com Herr Quarch, warum träumt neuerdings jeder vierte erwachsene Deutsche vom Campingurlaub?
In meinen Augen spiegelt der Caravaning-Boom eins zu eins die mentale Verfassung unserer Gesellschaft. Im Hintergrund vermute ich zwei Grundsehnsüchte, die vom Caravaning – scheinbar – bedient werden: Einerseits wünschen sich die Menschen ein Höchstmaß an subjektiver Freiheit, was sie sich von maximaler Mobilität versprechen. Andererseits sehnen sie sich nach persönlicher Sicherheit und erhoffen sich diese davon, möglichst viel Zeit in der Komfortzone der eigenen vier Wände zuzubringen. Das Wohnmobil verbindet beides und kommt deshalb der Bedürftigkeit vieler Zeitgenossen entgegen. 

Folgt man der erwähnten Umfrage, geht es den Caravaning-Fans vor allem um zweierlei: Spaß und Abenteuer. 
Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass viele Menschen beim Caravaning Spaß und Abenteuer erleben. Das sind subjektive Empfindungen. Mir jedoch erschließt sich der Spaßfaktor von Chemie-Toiletten, vollen Parkplätzen und Campingstühlen nicht. Und wenn ich die dicht gedrängten Camper in Italien und Griechenland sehe, kann ich ehrlich gesagt keinen Abenteuer-Faktor dabei erkennen. Aus dieser Wahrnehmung speist sich mein Eindruck, dass die Caravaning-Enthusiasten einem großen Schwindel aufsitzen – einem Versprechen, das Wohnmobile und Wohnwagen nicht halten können. Denn wer nicht den Mut aufbringt, die Komfortzone zu verlassen und sich auf das Andere und Fremde einzulassen, weiß nicht, was ein echtes Abenteuer ist.

Aber wenn die Leute doch damit zufrieden sind. Sie werden ihnen ihren Spaß doch nicht nehmen wollen.
Ich fürchte, wenn sich alle 20 Millionen Caravaning-Fans ihre Träume erfüllt haben, wird uns gar nichts anderes übrig bleiben. Denn über eines sollten wir uns klar sein: Wer mit Wohnmobil oder Wohnwagen unterwegs ist, hat Spaß und Abenteuer unausweichlich zu Lasten der Allgemeinheit. Dabei denke ich jetzt nicht an langsame Wohnmobile auf Bergstraßen, sondern an die hohe Umweltbelastung und an den enormen Flächenbedarf von Campern jedweder Art. Immerhin stehen die Teile größtenteils unbewegt im öffentlichen Raum. Sie ersetzen ja nicht den PKW. Und wenn ich daran denke, dass diese Kästen alle irgendwann entsorgt werden müssen, wird mir ganz anders.

Das klingt nun doch beinahe so, als ob Sie nach dem Gesetzgeber rufen und fordern, dem Caravaning-Boom Grenzen zu setzen.
Wenn es nach mir ginge, müsste der Gesetzgeber tatsächlich aktiv werden. Nicht durch Verbote aber durch deutliche höhere Steuern für Freizeitfahrzeuge dieser Art. Aber vermutlich wird das wenig ausrichten, denn schon jetzt ist die Anschaffung eines Wohnmobils ökonomisch höchst fragwürdig. Nein, ich glaube, der Caravaning-Wahn wird so lange weitergehen, bis die Menschen den Zauber des klassischen Reisens wiederentdecken: der Zauber, der darin liegt, sich wirklich auf Andere und Anderes einzulassen – und wenn es nur ein unbekanntes Hotelzimmer oder die Mitreisenden im Zugabteil sind. Die Magie einer Reise liegt in genau den unerwarteten Begegnungen, die einem im eigenen Camper nie zuteilwerden. Natürlich kann man sich damit zufrieden geben, die Welt nur noch durch die Windschutzscheibe zu erkunden. Aber denen, die das tun, möchte ich mit Nietzsche zurufen: Eure sicherheitsverwahrte Genügsamkeit schreit zum Himmel!
 
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

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