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Den Fußabdruck minimieren

Unternehmen kauft der Industrie die CO2-Rechte weg. Ein Interview mit Ruth von Heusinger.

Ende 2019 gründete Ruth von Heusinger das gemeinnützige Start-up ForTomorrow. Mit Klima-Abos bietet das Unternehmen Einzelpersonen und Familien die Möglichkeit, den eigenen CO2-Fußabdruck zu kompensieren. forum fragte nach, wie das funktioniert. 

Ruth von Heusinger - Gründerin von ForTomorrow. ©Ruth von HeusingerFrau von Heusinger, wie funktioniert das Konzept Ihres Unternehmens?
ForTomorrow ermöglicht Einzelpersonen und Familien, auf einfache Art und Weise klimaneutral zu leben. Der Ausgleich funktioniert über zweierlei Maßnahmen: Einerseits pflanzen wir Bäume in Deutschland, die das ausgestoßene CO2 wieder aus der Luft holen. Und andererseits nutzen wir den europäischen Emissionshandel und kaufen den großen Emittenten in Europa, beispielsweise Kohlekraftwerken, Emissionsrechte weg. So werden sie gezwungen, entsprechend weniger CO2 auszustoßen. Das bedeutet, sie müssen umrüsten oder abschalten. Damit macht ForTomorrow den EU-Emissionshandel für private Personen zugänglich– und das ohne Profitorientierung.

Wie geht das, einem Kohlekraftwerk Emissionsrechte wegzukaufen?
Wir können nur allgemein sagen, dass wir durch das Kaufen eines Emissionsrechts den CO2-Ausstoß innerhalb der EU um eine Tonne reduzieren. Einen Einfluss darauf, in welcher Anlage diese Tonne eingespart wird, beziehungsweise welches Kohlekraftwerk abgeschaltet oder umgerüstet wird, haben wir nicht. Über das marktwirtschaftliche System wird entschieden, wo die Tonne CO2 eingespart wird. Jedoch kann man im Markt bereits beobachten, wenn Emissionsrechte knapper und damit teurer werden, werden zuerst die europäischen Kohlekraftwerke abgeschaltet oder auf Gas umgerüstet.

Wie viel kostet es, zum Beispiel einem Kohlekraftwerk die Emissionsrechte für umgerechnet eine Stunde zu entziehen?
Im Moment kostet es 1250 Euro, um so viele Emissionsrechte zu kaufen, dass zum Beispiel ein kleines Steinkohlekraftwerk für eine Stunde abschalten muss.

Was war Ihr größter Erfolg bislang?
Bisher leben mit ForTomorrow 210 Personen klimaneutral. Seit der Gründung haben wir mit den Klima-Abos und Einzelspenden viel für unser Klima tun können. Da die Emissionsrechte frei gehandelt werden, können wir nur wissen, dass wir den CO2-Ausstoß in der EU bereits um408 Tonnen reduziert haben. Das entspricht der Abschaltung eines Kohlekraftwerks für 8 Stunden und 49 Minuten. Zusätzlich pflanzten wir 1640 Bäume in Deutschland, um auch CO2 aus der Luft zu holen.

Bei der CO2-Kompensation wird immer wieder kritisiert, dass es eine Art Freikaufen des eigenen Lebensstils ist. Wie sehen Sie das?
Die freiwillige CO2-Kompensation ist enorm wichtig. Wir können noch so CO2-arm leben und einsparen – aber irgendwann wird jeder von uns an eine Grenze stoßen. Wenn es noch keine klimafreundlichere Alternative gibt, beispielsweise weit entfernte Ziele zu erreichen, um Verwandte zu treffen. Auch bei Produkten wie einem Laptop gibt es noch keine klimafreundlichen Optionen. Außerdem gibt es Bereiche, auf die man keinen direkten Einfluss hat, wie den Brennstoff der Zentralheizung in der Mietwohnung. Unsere Abonnenten sehen das übrigens genauso. Sie sind sich sehr bewusst, dass es nur ein erster Schritt ist.

Was kostet es, den eigenen CO2-Ausstoß zu kompensieren?
Wir haben verschiedene Abo-Modelle: Mit 20 Euro pro Monat kompensiert man sich als Durchschnittsdeutscher. Ab 30 Euro pro Monat kompensiert man gleich die Familie mit, basierend auf dem durchschnittlichen CO2-Ausstoß von Erwachsenen und Kindern in Deutschland. Und ab 2 Euro pro Monat kann man auch einen Betrag frei wählen. Wenn man den eigenen CO2-Ausstoß bereits genau berechnet hat, kann man genau diesen kompensieren.

Was tun Sie selbst für ein klimaschonendes Leben?
Als Familie haben wir bereits viel umgestellt. Beispielsweise haben wir in unserem Haus eine Photovoltaikanlage installiert, sind auf Ökogas umgestiegen, fahren mit dem Zug in den Urlaub und versuchen, mehr vegan zu leben. Was mich überrascht, ist, wie sehr man von der Gesellschaft in eine klimaschädliche Richtung gedrängt wird. Zum Beispiel haben wir kein Auto und bekommen immer wieder die Frage, ob wir mit zwei kleinen Kindern nicht ein Auto brauchen und wann wir endlich eines kaufen. Und auch das Neubauhaus, das wir gekauft haben, hat standardmäßig einen Carport. Ich hoffe, dass sich diese gesellschaftliche Denkweise, dass jeder ein Auto haben muss, bald ändert.

Ruth von Heusinger ist Diplom Physikerin. Sie arbeitete erst im Bereich erneuerbare Energien und im Emissionshandel bei Statkraft und anschließend im Markt der freiwilligen CO2-Kompensation bei atmosfair. 2019 gründete sie die gemeinnützige GmbH ForTomorrow.


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