66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen

Kleine Wasserkraftwerke schaden mehr als sie nützen

Beispiel Rumänien zeigt Zielkonflikte und Fehlentwicklungen europäischer Umwelt- und Energiepolitik

Wasserkraft ist zwar erneuerbar, aber meist nicht umweltfreundlich. Eine Studie unter Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zeigt am Beispiel Rumäniens, wie der Ausbau der Wasserkraft den Zielen der EU-Umweltpolitik zuwiderläuft. Die Wasserkraft kollidiert mit den Anforderungen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (Natura 2000) und der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL): Rund die Hälfte der Wasserkraftwerke in Rumänien liegt in Naturschutzgebieten. Dies sind überwiegend kleine Anlagen, die nur 3 Prozent zur Stromerzeugung Rumäniens beitragen, die biologische Vielfalt jedoch stark bedrohen. Deshalb müsse die europäische Energiepolitik dringend mit den Zielen der EU-Biodiversitätsstrategie abgestimmt werden, mahnen die Forschenden. Andernfalls drohen erhebliche Verluste der Artenvielfalt in Gewässern, und die Ziele des EU Green Deals wären nicht erreichbar. 
 
Das im Bau befindliche Wasserkraftwerk Dumitra im Nationalpark 'Schlucht des Jiu-Flusses' an einem der letzten unverbauten Flüsse der Südkarpaten. © Foto: Calin DejeuRumänien hat im europäischen Vergleich noch viele natürliche und naturnahe Gewässer, die Hotspots der Biodiversität sind. Doch bisher wurden mindestens 545 Wasserkraftwerke errichtet, und der Bau weiterer Anlagen soll subventioniert werden. Die Forschenden zeigen in ihrem Überblick über die geografische Verteilung, dass 49 Prozent der Kraftwerke in Flora-Fauna-Habitat-Gebieten oder anderen Schutzgebieten liegen; 17 Prozent der Wasserkraftwerke wurden in naturnahen oder naturbelassenen Flussabschnitten gebaut, die sich zuvor in einem "guten" oder "sehr guten" ökologischen Zustand gemäß der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie befanden und daher nicht beeinträchtigt werden sollten.
 
"Zwar gibt ein europäischer Leitfaden grundsätzlich vor, welche Anforderungen Wasserkraftwerke erfüllen müssen, die in Flora-Fauna-Habitat-Gebieten liegen. Mit der Umsetzung dieser Vorgaben hapert es aber leider, denn kleine Wasserkraftwerke werden oft unwirtschaftlich, wenn sie zur Erfüllung der Umweltauflagen beispielsweise mit funktionierenden Fischpässen ausgestattet werden. Außerdem blenden Umweltverträglichkeitsprüfungen oft die großräumigen und langfristigen Auswirkungen von Stauanlagen aus", erläutert Martin Pusch, Co-Autor vom IGB, die grundsätzliche Problematik.
 
Fische wie Bachforelle und Groppe stark betroffen
Die untersuchten Wasserkraftwerke beeinträchtigen die Fischpopulationen sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts des Staudamms erheblich, beispielsweise durch die Wasserableitung aus dem Hauptlauf, als Wanderhindernis und durch Flussbegradigung. Das Forschungsteam verglich die aktuellen Vorkommen von Bachforelle und der in der EU geschützten Groppe an 32 Monitoring-Stellen in Karpatenbächen im Vergleich zu Referenzdaten, die vor dem Kraftwerksbau erhoben wurden. "62 Prozent der Ober- und Unterläufe der Bäche haben eine oder beide Fischarten im Vergleich zum Referenzzeitraum verloren. In 38 Prozent der Ober- und 19 Prozent der Unterläufe fehlt nun eine Fischart, und in 24 Prozent der Oberläufe und 43 Prozent der Unterläufe fehlen beide Fischarten. Das ist eine erschreckend negative Bilanz", unterstreicht Gabriela Costea, die Erstautorin der Studie und ehemalige IGB-Forscherin.
 
Insbesondere die Masse an kleinen Wasserkraftanlagen ist problematisch
Der Wasserkraft-Boom in Rumänien ist vor allem auf die Umsetzung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie zurückzuführen, die mit Subventionen für den Bau und Betrieb von Wasserkraftwerken unterstützt wird. So entstanden viele kleine Wasserkraftwerke mit bis zu 10 MW Leistung, die kaum zur Energiegewinnung beitragen - nur drei Prozent der gesamten Energiegewinnung stammt aus diesen über 500 kleinen Anlagen. Umweltstandards wurden beim Bau häufig nicht ausreichend berücksichtigt: "Bei sehr großen Wasserkraft-Projekten in Rumänien werden zwar Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt, bei kleineren jedoch nur sehr selten", erklärt Martin Pusch.
 
Aktuell sind zahlreiche weitere Wasserkraftwerke in Planung beziehungsweise im Bau. Besonders umstritten ist der Bau des Wasserkraftwerks Dumitra im Nationalpark "Schlucht des Jiu-Flusses" an einem der letzten unverbauten Flüsse der Südkarpaten. Die Baugenehmigung für dieses Wasserkraftwerk wurde vom Berufungsgericht in Bukarest aufgehoben, weil eine Beeinträchtigung der geschützten Lebensräume und Tierarten in diesem Flora-Fauna-Habitat-Gebiet zu erwarten ist. Allerdings missachtet die nationale Umweltschutzbehörde dieses rechtskräftige Urteil und möchte eine erneute Umweltprüfung durchführen, um doch eine Baugenehmigungen zu erhalten.
 
"Das Problem betrifft aber nicht nur Rumänien oder Südosteuropa, sondern bedarf der grundsätzlichen Klärung. Die EU sollte dringend die eigene Umwelt- und Energiepolitik kohärent gestalten, um die schweren Zielkonflikte zu lösen. Die Ziele des EU Green Deals werden sich mit den aktuellen Regelungen sonst kaum erreichen lassen. Erfreulicherweise besteht die Möglichkeit, auf erneuerbare Energieversorgung umzusteigen UND die meisten der Bäche und kleinen Flüsse in Europa naturnah zu erhalten oder zu renaturieren - weil deren geringe Wasserkraft für das Gelingen der Energiewende vernachlässigbar ist", resümiert Martin Pusch.
 
Über das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB):
Die Arbeiten des IGB verbinden Grundlagen- mit Vorsorgeforschung als Basis für die nachhaltige Bewirtschaftung der Gewässer. Das IGB untersucht dabei die Struktur und Funktion von aquatischen Ökosystemen unter naturnahen Bedingungen und unter der Wirkung multipler Stressoren. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Langzeitentwicklung von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten bei sich rasch ändernden Umweltbedingungen, die Entwicklung gekoppelter ökologischer und sozioökonomischer Modelle, die Renaturierung von Ökosystemen und die Biodiversität aquatischer Lebensräume. 
 
Kontakt: Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischei (IGB) | pr@igb-berlin.dewww.igb-berlin.de


     
        
Cover des aktuellen Hefts

forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy

forum 01/2026

  • Zukunft bauen
  • Frieden kultivieren
  • Moor rockt!
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
04
FEB
2026
Solarenergie, Großspeicher und Netzausbau – aber keine Gaskraftwerke!
Im Rahmen unserer Serie "Klima-Strategien"
80336 München und online
10
FEB
2026
E-world energy & water
Der Branchentreffpunkt der europäischen Energiewirtschaft
45131 Essen
11
FEB
2026
BootCamp Impact Business Design
Professional Training zum Update Ihrer Transformationsskills
81371 München
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Pioniere & Visionen

Großzügigkeit und Wohlwollen
Christoph Quarch wünscht sich einen Relaunch des Nikolaus-Festes
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Krankheit und Gesundheit

Aufrüsten für den Frieden?

Tu Du's auf 17 Ziele.de

Rat für Nachhaltige Entwicklung neu berufen

Sperrmüll vs. Entrümpelungsfirma: Wann lohnt sich professionelle Hilfe?

Das große Aufwachen nach Davos

BAUExpo 2026 vom 20. bis 22. Februar in Gießen

Lichtblicke für die Landwirtschaft: Nachhaltige LED-Technologien im Einsatz

  • Global Nature Fund (GNF)
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Engagement Global gGmbH
  • WWF Deutschland
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • NOW Partners Foundation
  • TÜV SÜD Akademie
  • circulee GmbH
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • toom Baumarkt GmbH
  • SUSTAYNR GmbH