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Von einem der auszog, das Radfahren neu zu erfinden

Die Geschichte des Dienstfahrrads

Noch nie war Radfahren so modern wie heute. Nicht erst durch Corona haben viele Menschen das Fahrrad für sich (wieder-)entdeckt. Das umweltfreundliche, praktische und gesunde Verkehrsmittel erlebte in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom. Zu den Wegbereitern dieser Entwicklung gehört auch der Dienstfahrrad-Pionier Ulrich Prediger. Prediger ist ein echter Ecopreneur, der aus einer Idee eine Vision und aus dieser Vision ein Erfolgsmodell gemacht hat. Seine Geschichte liest sich wie eine klassische Heldenreise.
 
Ulrich Prediger, der Erfinder des Dienstfahrrad-­Leasings. © JobRad
Wir schreiben das Jahr 2007. Dienstwagen gelten als Statussymbol und von einem „Dienstfahrrad" hat noch niemand gehört. Ulrich Prediger arbeitet in leitender Position im Vertrieb und Marketing einer Freiburger Medizintechnikfirma. Auch er hat einen Dienstwagen, der aber die meiste Zeit zu Hause herumsteht. Den Weg zur Arbeit quer durch Freiburg legt er lieber mit dem Fahrrad zurück: Das ist schneller, gesünder und umweltfreundlicher. Da er sich über den ungenutzten und ungeliebten Dienstwagen ärgert, fragt Prediger seinen Chef, ob er stattdessen nicht einfach ein Dienstfahrrad bekommen könne. Doch der lehnt ab: „Geht nicht!" ist die Antwort. Prediger kommt ins Grübeln und fragt sich, ob ein Dienstfahrrad wirklich nicht geht. Und damit ist die Idee geboren, die ihn nicht mehr loslässt. Er kündigt und gründet 2008 die LeaseRad GmbH mit der Marke JobRad.
 
Visionär mit Biss
Die ersten Jahre als Unternehmer sind sehr schwierig. Prediger steht mehrmals kurz vor der Pleite. Doch er bleibt hartnäckig, denn Aufgeben ist keine Option. In den nächsten Jahren setzt er alles daran, seine Vision des Dienstfahrrads als gleichwertige Alternative zum Dienstwagen zu etablieren und das Dienstwagenprivileg (1-Prozent-Regel) auf Fahrräder zu übertragen. Vier Jahre lang kämpft Prediger gemeinsam mit befreundeten Fahrradverbänden wie VCD und ADFC und mit dem 2011 als weiterer Geschäftsführer in das Unternehmen eingetretenen Holger Tumat für seine Vision. Im Herbst 2012 ist es endlich soweit: Die obersten Finanzbehörden beschließen, den Steuervorteil von Dienstwagen auf Fahrräder, Pedelecs und E-Bikes auszuweiten. Damit sind die steuerlichen Voraussetzungen für eine umfangreiche Nutzung von Dienstfahrrädern und -E-Bikes geschaffen.
 
Durch die erkämpfte Gesetzesänderung wächst die LeaseRad GmbH in der Folgezeit rasant. Das Unternehmen baut das Produkt JobRad kontinuierlich aus und bietet seither das Modell Dienstradleasing an. Das Produkt wird am Markt sehr gut angenommen. Kein Wunder, denn Predigers Idee des Dienstradleasings ist so einfach wie genial: Angestellte suchen sich ihr Wunschrad beim Fachhändler oder online aus – der Arbeitgeber least das Dienstrad und überlässt es der oder dem Mitarbeitenden zur beruflichen und privaten Nutzung. Im Jubiläumsjahr 2018 beteiligen sich bereits mehr als 10.000 Arbeitgeber und bieten ihren Angestellten Dienstfahrräder über JobRad an. Da die Marke JobRad in der Zwischenzeit den Firmennamen an Bekanntheit überholt hat, wird die LeaseRad GmbH 2019 in JobRad GmbH umfirmiert – ein für das Unternehmen logischer und strategisch wichtiger Schritt.
 
Seit 2018 verlagert Ulrich Prediger seinen Tätigkeitsschwerpunkt zunehmend auf sein Herzensthema, das politische Wirken. 2019 kann er weitere Erfolge verzeichnen: Zum Jahreswechsel wird das steuerfreie, arbeitgeberfinanzierte Dienstrad möglich, und im März folgt die 0,5-Prozent-Regel für das Dienstrad per Gehaltsumwandlung. Knapp ein Jahr später fördern die obersten Finanzbehörden der Länder Leasing-Diensträder im Fall einer Gehaltsumwandlung steuerlich noch stärker. Die neue 0,25-Prozent-Regel tritt in Kraft und macht das Dienstradleasing für Arbeitnehmer:innen noch attraktiver. Wer das Fahrrad oder E-Bike per Gehaltsumwandlung bezieht, profitiert von der steuerlichen Förderung und spart gegenüber einem herkömmlichen Kauf bis zu 40 Prozent. Ein arbeitgeberfinanziertes Dienstrad ist für Mitarbeitende sogar kosten- und steuerfrei.
 
Dienstrad als Element des Mobilitäts­ oder Gesundheits­managements
Auch auf Arbeitgeber entfaltet das Konzept mittlerweile eine regelrechte Sogwirkung. Sie nutzen Dienstfahrradleasing als Teil ihres Mobilitäts- oder Gesundheitsmanagements, werben damit aber auch immer häufiger in ihren Stellenanzeigen um Nachwuchskräfte. Arbeitgeber, die Diensträder anbieten, haben eine Vorbildfunktion für andere Firmen: Sie schützen die Umwelt, sparen wertvollen Parkraum und engagieren sich zudem für die Gesundheit der Mitarbeitenden. Erste Studien zeigen: Wer ein Dienstrad nutzt, ist etwa zwei Tage im Jahr weniger krank als die Kolleginnen und Kollegen.
 
Wer vom Auto auf das Fahrrad oder E­Bike umsteigt, spart pro Personenkilometer etwa 138 Gramm CO2 ein. © JobRad
Der Bundesverband Zukunft Fahrrad (BVZF) schätzt, dass deutschlandweit bereits über 500.000 Leasing-Diensträder unterwegs sind. Allein über JobRad bieten inzwischen mehr als 30.000 Unternehmen – zum Beispiel Bosch, SAP und Deutsche Bahn – ihren drei Millionen Beschäftigten Dienstfahrradleasing als nachhaltiges Mobilitätskonzept an. Zudem legen durch das Dienstfahrrad viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch in ihrer Freizeit mehr Wege mit dem Fahrrad zurück, wie eine Studie der Technischen Universität München belegt. Ein großer Nutzen für die Umwelt, denn wer vom Auto auf das Fahrrad oder E-Bike umsteigt, spart laut Umweltbundesamt pro Personenkilometer etwa 138 Gramm CO2 ein.
 
Dank Ulrich Prediger ist das Dienstfahrrad in der Mitte von Wirtschaft und Gesellschaft angekommen. Mit seiner Unternehmensgründung und seinem Engagement hat er die Grundlage dafür gelegt, dass Verkehr zunehmend vom Auto auf das Fahrrad verlagert wird. Aus einer Idee ist eine erfolgreiche Unternehmensgruppe geworden, die den Anspruch hat, jedem Beschäftigten in Deutschland den Zugang zu einem Dienstfahrrad zu ermöglichen. Predigers Vision vom Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel ist Realität geworden – eine ökologische wie ökonomische Erfolgsgeschichte, deren Potenzial längst nicht ausgeschöpft ist.
 
Sandra Wolter ist Dipl.-Geografin und arbeitet bei B.A.U.M. im Projektmanagement. Ihre Themenschwerpunkte sind Mobilität und Stadtentwicklung sowie Nachhaltigkeit im Büro.

Quelle: B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften

Technik | Mobilität & Transport, 01.03.2021
Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.
     
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