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Immer noch unterschätzt: Die Rolle des Waldes in der Armutsbekämpfung

Wälder und Bäume sind besonders für die ärmsten Menschen in ländlichen Regionen überlebenswichtig.

  • Inmitten der Covid-19-Pandemie und der wachsenden Bedrohung durch den Klimawandel sind Wälder und Bäume überlebenswichtig für arme und armutsgefährdete Menschen in den ländlichen Regionen der Welt. 
  • Allerdings sind arme Menschen nur selten die HauptnutznießerInnen der Güter, die der Wald bietet. 
  • Ein neuer globaler Wissenschaftsbericht zeigt, wie Wälder und Bäume noch besser zu einer gerechten und nachhaltigen Armutsbekämpfung beitragen können. 
Brennholz ist für diese Frauen in Malawi ein lebenswichtiger Rohstoff © Jennifer Zavaleta CheekDer Kampf gegen die Armut ist eine der größten Herausforderungen für die Menschheit. Weltweit lebt jede/r Zehnte in extremer Armut, muss also laut Weltbankdefinition mit weniger als 1,60 EUR pro Tag auskommen. Viele dieser Menschen leben in ländlichen Regionen, wo die Armutsquote bei 17,2 Prozent liegt – das ist mehr als dreimal so viel wie in städtischen Räumen. Und wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt, so wird die Zahl der Menschen, die Hunger leiden, bis 2030 laut Welternährungsprogramm auf 840 Millionen oder ein Neuntel der Weltbevölkerung ansteigen.  

Deshalb findet sich Armutsbekämpfung auch an oberster Stelle der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. "Armut in allen ihren Formen und überall beenden" lautet das erste Ziel der Agenda, zu deren Umsetzung sich alle 193 UN Mitgliedsstaaten verpflichtet haben. Die internationale Gemeinschaft muss ihre Bemühungen zur Erreichung dieses Ziels noch weiter verstärken, auch weil die Covid-19-Pandemie die weltweite Armutssituation verschärft hat. Die Tatsache, dass es sich bei Covid-19 um ein von Tieren auf Menschen übertragenes Virus handelt, verdeutlicht zusätzlich die Dringlichkeit, den von Menschen ausgeübten Druck auf die Natur zu verringern.  
 
Eine Chance, dies zu tun und Armut zu lindern, besteht darin, den wichtigen Beitrag der Wälder und Bäume als Verbündete im Kampf gegen Armut anzuerkennen und besser zu nutzen. Verlieren wir den Wald, dann verlieren wir langfristig auch diesen Kampf. Das ist die zentrale Aussage eines neuen globalen Wissenschaftsberichts mit dem Titel "Forests, Trees and the Eradication of Poverty: Potential and Limitations” (Wälder, Bäume und die Beseitigung der Armut: Potential und Grenzen). 
 
Bei der Ernte von Acai-Beeren (Euterpe oleracea) im brasilianischen Bundesstaat Amapá © Reem HajjarDer Bericht wurde am Donnerstag, dem 15. Oktober 2020 online vorgestellt, zwei Tage vor dem Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut, einen Tag vor dem Welternährungstag und direkt am Internationalen Tag der Frau in ländlichen Gebieten. All diese Aktionstage machen auf den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam. 
 
Die Studie bietet eine Analyse der vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die umfangreichen Beiträge, die Wälder und Bäume außerhalb von Wäldern zur Armutssenkung leisten. Sie gibt auch einen Überblick über die Wirksamkeit unterschiedlicher Instrumente, Programme, Technologien und Strategien der Waldbewirtschaftung. Dabei definiert sie Armut nicht nur anhand von Einkommen, sondern auch als ein Hindernis für Menschen, einen bestimmten Grad an Wohlstand zu erreichen und in vollem Umfang an der Gesellschaft teilhaben zu können.  
 
„Diese globale Studie kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Immer extremere Wetterereignisse als Folge des Klimawandels, eine wachsende soziale Ungleichheit und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten sind einige der Faktoren, die die ohnehin schon unsichere Lage für Menschen, die von Armut betroffen sind, noch verschärfen. Daher ist es entscheidend, die Rolle der Wälder in Bezug auf nachhaltige Entwicklung im Allgemeinen und auf die Beseitigung von Armut im Besonderen zu überprüfen”, sagt Hiroto Mitsugi, stellvertretender Generaldirektor der FAO und Vorsitzender der UN-basierten Collaborative Partnership on Forests (CPF). 
 
Ein Kernteam von 21 international anerkannten Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Teilen der Welt und verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereichen hat knapp zwei Jahre im Rahmen des Global Forest Expert Panel (GFEP) on Forests and Poverty zusammengearbeitet. Das Panel, unter dem Vorsitz von Professor Daniel C. Miller von der University of Illinois in Urbana-Champaign, USA, und unter der Führung der International Union of Forest Research Organizations (IUFRO) mit Sitz in Wien, ist eine Initiative der von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) geleiteten Collaborative Partnership on Forests. 
 
Professor Miller betont: ”Wälder und Bäume liefern Produkte und Leistungen, die für das Leben vieler von Armut betroffener Menschen auf der Welt von entscheidender Bedeutung sind und vor allem in Krisensituationen Risiken abfedern helfen. Um diese wichtigen Funktionen sicherzustellen und zu verbessern, müssen wir die Wälder angemessen schützen, bewirtschaften und wiederherstellen. Außerdem müssen wir Wälder und Bäume stärker ins Zentrum unserer politischen Entscheidungsprozesse rücken.” 
 
"Unser globaler Bericht untersucht eine Reihe von unterschiedlichen Politik- und Managementinstrumenten von Regierungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Privatwirtschaft auf ihr Potential und die Grenzen ihrer Möglichkeiten in der Armutsbekämpfung. Es gibt zwar keine universellen Lösungen, aber dennoch gibt es klare Hinweise dafür, dass Instrumente wie Agroforstsysteme, gemeinschaftliche Waldbewirtschaftung oder Ökotourismus sehr erfolgversprechend sind", ergänzt Professor Miller. 
 
Allerdings sind Nutzen und Kosten von Wäldern und Bäumen für das Wohlergehen von Menschen ungleich verteilt. In vielen Ländern Afrikas zum Beispiel, die reich an Wald und Wildtieren sind, tragen die Holz- und Tourismuswirtschaft erheblich zum nationalen Einkommen bei. Nicht selten sind die Menschen vor Ort aber nicht die eigentlichen NutznießerInnen dieser Aktivitäten, und, schlimmer noch, die ländlichen Gemeinden müssen oft die Kosten für die von der Holznutzung verursachten Umweltschäden oder für Zugangsbeschränkungen zu Schutzgebieten tragen. 
 
Mehrere Studien zeigen, dass Schutzgebiete Armut reduzieren helfen, vor allem wenn sich Möglichkeiten für Ökotourismus bieten (z.B. in Costa Rica und Thailand) und wenn Menschen vor Ort als Partner eingebunden werden. Meist ist es jedoch so, dass Menschen mit bereits höherem Wohlstand die Profiteure sind, wodurch sich die lokale Einkommensschere noch weiter öffnet.  
 
Viele Untersuchungen bestätigen auch die deutlichen Vorteile, die von Armut betroffene Menschen aus Systemen der gemeinschaftlichen Waldbewirtschaftung (community forestry management - CFM) ziehen, obwohl das Potential in vielen Ländern bei weitem nicht ausgeschöpft wird. Nepal ist hier eine Ausnahme; das CFM-Programm des Landes gilt als eines der erfolgreichsten seiner Art weltweit. Aber auch hier zeigt sich, dass die Erträge nicht gleichmäßig unter den Haushalten aufgeteilt werden, dass also Haushalte armer Menschen und Menschen aus niedrigeren Kasten viel weniger profitieren als wohlhabendere Haushalte. 
 
Erzeugerorganisationen sind ein weiteres relativ erfolgreiches Instrument, das ErzeugerInnen von Waldprodukten dabei hilft, Hindernisse, wie einen erschwerten Zugang zu Märkten, zu überwinden. In Burkina Faso z.B., wo hauptsächlich Frauen an der Sheanuss-Wertschöfpungskette beteiligt sind, bestätigten 76% der befragten Frauen Einkommensverbesserungen als Ergebnis ihrer Beteiligung an Shea-Produktionsgemeinschaften. Die Gemeinschaft half den Mitgliedern dabei, ihr soziales Kapital und den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Trotzdem beeinträchtigen gesellschaftliche Unterschiede aufgrund von Geschlecht, Alter oder Ethnie immer noch die Prozesse der Inklusion und Exklusion entlang dieser wichtigen Waldprodukt-Wertschöpfungskette.  
 
Die Vanilleproduktion in Madagaskar ist ein Beispiel dafür, wie Agroforstwirtschaft Wege aus der Armut bieten kann. Ungefähr 80% der weltweiten Vanilleproduktion erfolgen in Madagaskar, und zwar vor allem in der nordöstlichen Region Sava. Die auf die Vanilleerzeugung konzentrierten Agroforstsysteme stellen dort mittlerweile die Haupteinnahmequelle vieler Bäuerinnen und Bauern dar. Allerdings basiert der Nutzen im Allgemeinen auf Verträgen mit VanilleexporteurInnen oder –sammlerInnen und kommt daher vor allem jenen KleinbäuerInnen zugute, die solche Verträge abschließen können. Aufgrund der starken sozialen Benachteiligung haben Frauen, die Haushalten vorstehen, jedoch viel geringere Chancen, solche Verträge abzuschließen.  
 
Eine Kernbotschaft des globalen Wissenschaftsberichts ist somit, dass die Armen selten die HauptnutznießerInnen der Güter, die Wälder und Bäume bieten, sind, auch wenn diese für den Erhalt ihrer Lebensgrundlage unverzichtbar sind. Zudem hat die Covid-19-Pandemie tausende Menschen zur Rückkehr in ihre ländlichen Herkunftsgemeinden gezwungen; sie können ihre Familien somit nicht mehr finanziell aus der Ferne unterstützen. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Entwicklung auf Wälder und das Leben der Landbevölkerung in Zukunft auswirken wird.  
 
Die International Union of Forest Research Organizations (IUFRO) ist eine weltweite Organisation mit Sitz in Wien, die sich mit Waldforschung und verwandten Wissenschaften befasst. Ihre Mitglieder sind Forschungsinstitute und Universitäten, einzelne WissenschaftlerInnen und EntscheidungsträgerInnen sowie andere Gruppen mit einem thematischen Bezug zu Wald und Bäumen.  
 
Die von IUFRO geführte Initiative ‘Global Forest Expert Panels (GFEP)’  der ‘Collaborative Partnership on Forests’ (CPF) richtete eine ExpertInnenengruppe zum Thema "Wald und Armut” ein, um politisch Verantwortliche mit soliden wissenschaftlichen Informationen für Entscheidungen und Maßnahmen, die die Rolle des Waldes in der Armutsbekämpfung betreffen, auszustatten.  
 
Kontakt: IUFRO, Gerda Wolfrum | wolfrum(at)iufro.org | www.iufro.org

Gesellschaft | Politik, 19.10.2020
     
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