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Kann Bio die Welt ernähren?

Noch fehlen klare Transformationsstrategien. Hans Rudolf Herren im forum-Interview

Das erfolgreiche Bienen-Volksbegehren in Bayern, Bauern-Proteste, Lebensmittelskandale, Herausforderungen durch den Klimawandel: Die konventionelle Landwirtschaft befindet sich in einer Sackgasse und die Dringlichkeit einer Transformation hin zu einer nachhaltigen, ökologischen Landwirtschaft ist kein Nischenthema mehr. forum fragte Hans Rudolf Herren nach seinen Vorschlägen für eine zukunftsgerechte Nahrungsmittelproduktion.
 
Wir wollen mit Ihnen über eine Frage reden, die viele Gemüter beschäftigt: Kann Bio die Welt ernähren??
Dr. Hans Rudolf Herren ist einer der weltweit führenden Experten in der biologischen Schädlingsbekämpfung. © Peter Lüthi, BiovisionEine sehr zeitgemäße Frage, die in Diskussionen über den dringend notwendigen Kurswechsel in der Landwirtschaft immer wieder auftaucht. Im Weltagrarbericht 2009 („Agriculture at a Crossroads”), der von der Weltbank und der UNO in Auftrag gegeben wurde, wird eine Transformation der Landwirtschaft gefordert („Business as usual is not an option”). In dem Bericht tragen über 400 Experten aus verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen, zivil-gesellschaftlichen Organisationen, dem Privatsektor und verschiedenen Entwicklungspartnern ihr Wissen zusammen und machen konkrete Vorschläge, wie eine solche Transformation möglich ist. Man wusste schon damals, dass wir genügend gesunde Nahrung produzieren können, ohne Chemie, ohne Landraub, ohne Landzerstörung und ohne Biodiversitätsverluste! 
 
Studien hierzu kommen oftmals zu gegensätzlichen Ergebnissen. Das ist verwirrend.
Es gibt neue Studien, zum Beispiel für Europa (IDDRI, 2019). Die Studie macht deutlich, dass sich Europa sehr gut mit agrarökologischen Prinzipien ernähren kann, allerdings unter der Voraussetzung, dass auch weniger Fleisch konsumiert wird. Das ist ja auch gesünder und trotzdem muss niemand ganz auf Fleisch verzichten.
 
Zu gegensätzlichen Einschätzungen kommen aber vor allem Studien, die von der Agrarchemie in Auftrag gegeben wurden. In einer vom Industrieverband Agrar (IVA) initiierten Studie aus dem Jahr 2016 zum Beispiel findet man die Aussage, dass im ökologischen Landbau in Deutschland 51 Prozent geringere Erträge erzielt werden als in der konventionellen Bewirtschaftung. Die deutlich geringeren Erträge im Ökolandbau werden von der Agrarchemie immer wieder als Argument gegen eine Agrarwende angeführt, insbesondere vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung. Das wird gebetsmühlenartig wiederholt, bis es die Leute glauben... 

Tatsache ist, dass man immer aufpassen muss, was man vergleicht. Die industrielle Landwirtschaft produziert Güter (Commodities), nicht Nahrung. Von den Biobauern bekommen die Konsumenten qualitativ hochwertige Produkte, die nur wenig oder keine Umweltschäden und Gesundheitsprobleme hervorrufen. Neuere Studien (IPES-Food 2016) zeigen, dass die Ertragseinbuße im Durchschnitt nur 8 Prozent beträgt. Berücksichtigt man, dass derzeit ca. 40 Prozent der Nahrungsmittel im Müll landen, was größtenteils vermeidbar wäre, wird schnell deutlich, dass man selbst bei 100 Prozent Bio noch mehr als genug hätte. Für die Bauern wäre ein solch radikaler Kurswechsel vollkommen unproblematisch, weil für Bioprodukte höhere Preise gezahlt werden. 

Für die Konsumenten liegen die Vorteile auch klar auf der Hand, weil sie schlussendlich weniger für ihre Gesundheit ausgeben müssen, weniger Steuern zahlen, da es dann weniger Umweltschäden gibt usw. Natürlich sind diese Vorteile teilweise nicht sofort spürbar. Es gilt aber heute als erwiesen, dass etliche Gesundheitsschäden auf Nahrung mit Pestizidrückständen zurückzuführen sind. 
 
Sie sagten in einem Interview: „Biobauern produzieren pro Hektar mehr Kilogramm Nahrungsmittel als industrielle Bauern: in Brasilien, in den USA, in der Schweiz – überall auf der Welt." Wenn das stimmt, wäre das eine spektakuläre Neuigkeit. 
Dies stimmt auch, wenn man eingesehen hat, dass man nicht nur die Masse in Kilogramm berücksichtigen darf, sondern sich zusätzlich die Nährwerte anschauen muss, z.B. die Mineralien, Vitamine und andere essentielle Nährstoffe. Dazu gibt es überzeugende wissenschaftliche Literatur, die zeigt, dass die hochgezüchteten Sorten im Verhältnis mehr Stärke und oft auch mehr Wasser aufweisen. Wozu brauchen wir Tonnen von solchen Gütern, wenn wir heute schon doppelt so viel produzieren, wie wir brauchen? 

Hinzu kommt, dass diese Güter nur „scheinbar" billig sind, weil für die Produktion dieser kalorienreichen und nährstoffarmen, die Umwelt und Gesundheit schädigenden Produkte sehr viel fossile Energie benötigt wird, in Form von Dünger, synthetischen Pestiziden und Diesel. Das sind Kosten, von denen sich ein großer Teil nicht in den Preisen niederschlägt, weil diese Kosten externalisiert sind. Diese Landwirtschaft und das dazu passende Nahrungssystem zerstören sich selbst, zum Beispiel über den Klimawandel, an dessen Beschleunigung sie mit etwa 50 Prozent der totalen Emissionen beteiligt ist. Im Gegensatz dazu hat der Biolandbau das Potenzial, einen positiven Effekt auf den Klimawandel zu entfalten, da er bedeutende Mengen Kohlenstoff im Boden binden kann.
 
Wenn man den Output verschiedener Agrarsysteme vergleichen will, sollte man das im erweiterten Sinne der Agrarökologie tun, die das Nahrungssystem ganzheitlich betrachtet und sehr viele wichtige Faktoren berücksichtigt. Dann fällt der Vergleich eindeutig zugunsten des Ökolandbaus aus! 

Würden Sie dieser Aussage von Jan-Gisbert Schultze, dem Begründer von Soil Alliance zustimmen??
Ja, absolut. Und dies aus verschiedenen Gründen, von unserer Gesundheit bis zur Lösung des Klimawandel-Problems und dem Erhalt des Planeten Erde für die nächsten Generationen.
 
Mit Produkten aus der Agrochemie werden Milliarden verdient. Wundert es Sie, dass Monsanto Listen mit den Namen von Kritikern des Unternehmens und seiner Produkte erstellt hat? 
Eigentlich nicht, ich bin ja sicher auch auf einer solchen Liste, da ich ein Mitbegründer des Monsanto Tribunal war. Es ist mir auch klar geworden, dass der Vormarsch der Agrarökologie, des Biolandbaus und regenerativer Landwirtschaft weltweit eine Gefahr für die Agrochemie darstellt und jetzt ein starker „push-back" zu spüren ist. 

Eine Studie der Universität Bremen im Auftrag des BABU zeigt die immer noch zunehmende Verflechtung von Agrarpolitik, Agrarwirtschaft und Bauernverbänden in Deutschland auf. Wo soll man ansetzen, um eine Trendwende hinzubekommen??
Wir brauchen eine viel bessere Aufklärung der Konsumenten und Mitgestalter. Dies muss schon im Kindergarten anfangen, und bis zur Universität bzw. Lehre gehen. Alle diese Institutionen sollten nur Bio-Produkte oder Produkte aus der nachhaltigen Landwirtschaft servieren und über deren Vorteile informieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Die Bauern und Wissenschaftler, die im Bereich der alternativen Landwirtschaft arbeiten, müssen in Zukunft viel besser zusammenarbeiten. Ich beobachte verschiedene Spaltungen innerhalb der Szene, zum Beispiel zwischen Bio und Permakultur, zwischen Agrarökologie und Bio oder Bio und Biodynamisch. Wir wollen ja eigentlich alle dasselbe: eine Landwirtschaft, die in Harmonie mit der Umwelt arbeitet und dem Wohl der Menschen dient. Unsere Kraft liegt in der Zusammenarbeit, das macht die Industrie schon lange so, zum Beispiel mit CropLife International, ihrer Dachorganisation. 

Die vom NABU in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass zumindest in Deutschland der Deutsche Bauernverband maßgeblich daran beteiligt ist, eine Agrarwende zu verhindern. Das kann man aber nicht den einzelnen Landwirtschaftsbetrieben anlasten. Von denen fühlen sich 50 Prozent laut der Studie schlecht vom DBV vertreten, 68 Prozent sind mit der aktuellen EU-Förderung unzufrieden, 91 Prozent wünschen sich eine tierfreundliche Viehhaltung, 83 Prozent sind für eine umweltfreundliche Produktion, aber sie wollen natürlich auch, dass man ihnen den Mehraufwand bezahlt. Andererseits gibt es auch viel Angst unter den Bauern, dass sie große Probleme bekommen werden, wenn sie auf synthetische Pestizide verzichten müssen. Was schlagen Sie vor, um den konventionell wirtschaftenden Bauern die Angst zu nehmen? 

Uns fehlen noch klare Transformationsstrategien. Die Bäuerinnen und Bauern müssen mehr Zugang zu Forschungsresultaten haben, die ihnen helfen, sowohl besser und oft auch mehr zu produzieren und gleichzeitig nachhaltiger, das heißt in Harmonie mit der Umwelt. Und wir brauchen diese Strategien schnell. Dies bedeutet, dass die Agrarforschung auf 100 Prozent Bio/Agrarökologie umstellen müsste – und dies möglichst sofort. Außerdem sollten Subventionen nur noch für Systemtransformation, nachhaltige Praktiken und Versicherungen während der Umstellung ausbezahlt werden. Die Bäuerinnen und Bauern würden schlussendlich dasselbe Geld erhalten, nur diesmal für positive, dem Gemeinwohl dienende Leistungen. 

Das klingt gut. Bisher fließt allerdings noch sehr viel Geld in die Erforschung und Entwicklung der konventionellen Landwirtschaft.?
Die Staaten, auch die Schweiz, überlassen die Forschungsfinanzierung für Landwirtschaft und Ernährung zum größeren Teil dem Privatsektor, obwohl es hier um von der UNO anerkannte Menschenrechte geht: Das Recht auf genügend und gute Nahrung. Die Forschung gehört in den „öffentlichen Sektor" und muss öffentliche Güter „produzieren”, die allen helfen und die ohne Patente auf Leben und Saatgut allen zugänglich sind. 

Wir blicken auf systemische Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft zurück, die über Jahrzehnte nicht korrigiert wurden. Sehen sie eine Änderung??
Es gibt zum Glück ein Aufwachen in der Gesellschaft, dass etwas mit unserem Ernährungssystem nicht stimmt. Die Menschen erkennen langsam den Zusammenhang von Klimawandel, Verlust unserer Biodiversität, Wasserverschmutzung, steigenden Gesundheitskosten und abnehmender Lebensqualität. Die NGOs haben die im Agrarbericht gemachten Vorschläge zur Transformation der Landwirtschaft gefördert, nicht die Regierungen. Auch nicht die UNO-Organisationen, obwohl sie den Agrarbericht in Auftrag gegeben hatten. 

Die internationalen sowie die meisten regionalen und nationalen landwirtschaftlichen Forschungsanstalten sind im Paradigma der Grünen Revolution stecken geblieben... bis heute. Das muss und wird sich ändern. Der Klimawandel ist im Vormarsch und ohne eine total ökologische Landwirtschaft ist er nicht zu bremsen. 
 
Lieber Herr Herren, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen weiterhin viel Erfolg bei Ihren Aktivitäten! 
 
Dr. Hans Rudolf Herren ist einer der weltweit führenden Experten in der biologischen Schädlingsbekämpfung. Als erster Schweizer wurde er dafür 1995 mit dem Welternährungspreis geehrt, weil durch sein Engagement 20 Mio. Menschen vor dem Hungertod gerettet wurde. 2013 wurde Herren zusammen mit Biovision, einer Schweizer Stiftung für ökologische Entwicklung, die er 1998 gegründet hat, mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet. 2017 wurde Herren in den Vorstand des Internationalen Verbands der ökologischen Landwirtschaftsbewegungen (IFOAM) gewählt.  www.bodenfruchtbarkeit.bio

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