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Ein Marshall-Plan für die nachhaltige Neuorientierung in Wirtschaft und Gesellschaft

Aktionen für den Wandel

Es ist wichtig, die Chance des Neuanfangs zu nutzen. Wirtschaft und Politik können ein Programm mit eindeutiger Zielrichtung Nachhaltigkeit entwickeln und umsetzen. 

 Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor am IASS Potsdam © IASS/ Lotte OstermannDie deutsche Gesellschaft hat in der Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis heute keine so schwerwiegende gesamtgesellschaftliche Herausforderung wie diese weltweit grassierende  Pandemie erlebt. Zwar sind die gesundheitlichen Implikationen und erst recht die wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen zum jetzigen Zeitpunkt nicht vollständig zu überschauen, aber die bisher schon durchgeführten Maßnahmen und Vorschriften sind in ihrer Strenge und ihren Auswirkungen auf das Leben aller Bürgerinnen und Bürger einzigartig in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zu den gesundheitlichen Auswirkungen, die in einer Größenordnung liegen, die Deutschland seit der Spanischen Grippe von 1918 nicht zu beobachten gewesen ist, treten nun zunehmend die wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen der bisherigen Politik der räumlichen Distanzierung und Abschottung. Wie soll es nach der Krise weitergehen? Von überall her schallt daher jetzt der Ruf, durch staatliche Unterstützung die brach liegende Wirtschaft neu zu beleben und große staatlich finanzierte Investitionsprogramme aufzulegen.  Aber wenn schon Steuergelder für diese Belebung eingesetzt werden, dann sollte der Staat als Hüter des Gemeinwohls mitbestimmen können, in welche Richtung die Wiederbelebung der Wirtschaft nach der Krise gehen soll: Es kann nicht allein um eine Wiederbelebung der Wirtschaft im alten Stil gehen. Jetzt gibt es auch die Chance, Investitions- und Aufbauprogramme auf das Ziel Nachhaltigkeit auszurichten.
 

Folgende Aktionen ermöglichen den Wandel:

Schwerpunktsetzung auf Resilienz
Die Weltwirtschaft wird überwiegend durch das Ziel der Effizienz bestimmt. Wenn eine Wirtschaft nachhaltig sein soll, muss sie mehr Ressourcen in den Aufbau resilienter Infrastrukturen investieren. Das Konzept der Resilienz beinhaltet die Notwendigkeit, robuster zu sein als vor der Krise. Um Resilienz zu einem Leitbild bei der Steuerung der Wirtschaft zu machen, müssen die Regierungen die richtigen Anreize für die Wirtschaftsakteure setzen, da die Gesellschaft als Ganzes von einer verbesserten Resilienz profitieren wird. Dazu gehören die drei Elemente Redundanz, Diversität und anpassungsfähiges Management. Die Krise hat deutlich gezeigt, dass die Blockade von internationalen Lieferketten für wichtige und kritische Ausrüstung wie Schutzkleidung und Gesichtsmasken (80% werden in China hergestellt) zu großen Engpässen führte, die massiv zur Ausbreitung der Krise beitrugen. Sich nur auf eine einzige Produktlinie oder Dienstleistung zu verlassen, kann zum Kollaps führen, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen. Und in Verwaltungsroutinen, institutionellen Silos und Verfahrensregeln gefangen zu sein, kann die Situation viel schlimmer machen als ein flexibler und systemorientierter Managementstil. Davon profitiert auch die Umwelt: Unnötige Transportwege werden vermieden und Geldströme werden auf die Dienstleistungen verlagert, die Infrastrukturen zur Daseinsvorsorge unterstützen.

Konzentration auf die zentralen Treiber
Bei Pandemien ist dies eindeutig der Flugverkehr. Alle Hotspots für die Ausbreitung des Corona-Virus befinden sich in der Nähe von Großflughäfen. Für die Zukunft ist die Schließung von Flughäfen unmittelbar nach dem Ausbruch einer Epidemie in einem Land die  beste Versicherung gegen eine weitere Ausbreitung. Man könnte einen globalen Notfallfonds für Flughafeneigentümer und Fluggesellschaften in Erwägung ziehen, der Entschädigungen vorsieht, sobald die Schließung umgesetzt werden muss. Zu dem offensichtlichen Vorteil einer gebremsten Verbreitung kann die Eingrenzung des Flugverkehrs auch weitere ökologische Vorteile mit sich bringen, wie geringere CO2 Belastung.

Kombination von Wirtschaftshilfe und Nachhaltigkeitspolitik
Die für die Belebung der Wirtschaft vorgesehenen Maßnahmen nach der Krise erfordern monetäre Anreize (Steuergelder), um resiliente und nachhaltige Praktiken zu initiieren oder zu fördern. Wenn das Geld der Steuerzahler zur Ankurbelung der Wirtschaft verwendet wird, sind klare Regelungen gefragt. Es geht um die Erhaltung und Weiterentwicklung der bisherigen Pläne und politischen Programme zur sozial-ökologischen Wende in Wirtschaft und Gesellschaft.  Eine nachhaltige Energiewirtschaft ist auf den Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien angewiesen, der Kohleausstieg Voraussetzung für einen effektiven Klimaschutz, am besten noch vor 2035.  Die Industrieproduktion muss bis spätestens 2050, besser noch früher, auf klimaneutrale Produktionsverfahren umgestellt haben und die Landwirtschaft benötigt ein ehrgeiziges Programm zur Reduktion klimaschädlicher Gase und zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Böden. Eine Agrarwende in diesem Sinne kann bereits heute beginnen und bis 2030 Stück für Stück ungesetzt werden.  Schließlich ist es auch eine Chance für die gebeutelte Tourismusindustrie, die Krise zu einer Umkehr auf mehr Ökotourismus und nachhaltige Mobilität zu nutzen. Insgesamt ergibt es wenig Sinn, die globale Krise durch das Corona-Virus durch Investitionen zu bekämpfen, die Öl ins Feuer nach wie vor bestehender globaler Krisen, wie den Klimawandel, gießen. Mit Beelzebub treibt man nicht den Teufel aus.

Grüner Marshallplan
Im Jahr 2008 halfen Regierungen den Banken, um einen drohenden Kollaps der Finanzwirtschaft zu vermeiden. Mit vielen Milliarden Steuergelder wurden damals die Finanzinstitute unterstützt und neu belebt. Angesichts der Corona-Virus-Pandemie wäre es jetzt an der Zeit, diese Hilfeleistung, die damals den Banken zuteil wurde, diesmal dem Aufbau und der Verstetigung umweltverträglicher und nachhaltiger Wirtschaftspraktiken zu widmen. Denn die Rolle des Staates beschränkt sich nicht auf die Bereitstellung von Ad-hoc-Hilfsmitteln für Krisenfälle. Die gegenwärtige Krise sollte vielmehr als Chance genommen werden, um wirtschaftlichen Akteuren finanziell zu helfen, aber auch ordnungsrechtlich zu regulieren, um Produktion und Dienstleistungen auf nachhaltige Praktiken umzustellen und die Wiederbelebung der Wirtschaft gleich nach den Kriterien einer nachhaltigen, zirkulären Wirtschaft auszurichten. Insbesondere ist es angebracht, die von der UN verabschiedeten Nachhaltigkeitsziele (SDG) als Leitlinien für die neuen Programme zur wirtschaftlichen Erholung heranzuziehen. Die Bewältigung globaler Herausforderungen erfordert Verantwortung, starke Institutionen und wirksame rechtliche Rahmenbedingungen. Das in vielen Wirtschaftskreisen beliebte (oft als neoliberal bezeichnete) Leitbild des "Minimalstaates" entspricht nicht den Bedürfnissen an kollektiver Führung in einer modernen Risikogesellschaft (Ulrich Beck). Wir brauchen einen gezielten grünen Marshallplan zur einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaftsstruktur.

Neue Lebensstile
Sich mehr in der eigenen Wohnung aufzuhalten und im Homeoffice arbeiten zu müssen, kann auch als experimenteller Test für die Veränderung von Lebensstilen angesehen werden. Weniger Konsum, weniger Verkehr, mehr Abhängigkeit von virtueller Kommunikation, mehr Zeit mit Familie und Verwandten kann zu einer Neubesinnung des eigenen Lebensstils führen. Routinen im täglichen Verhalten sind in der Regel sehr stabil im Zeitablauf. Aber wenn sich Routinen aus zwingenden Gründen verändern, können sich neue Routinen ausbilden, die sich dann nach und nach durchsetzen. Vor allem, wenn die Krise länger andauert, ist mit einer Neubesinnung auf das, was einem selber guttut, zu rechnen. Dann ergibt sich die Gelegenheit für alle Bürgerinnen und Bürger, das eigene Konsum- und Mobilitätsverhalten auf den Prüfstand zu stellen. Ging es einem oder einer wirklich schlechter, als man weniger reisen und weniger konsumieren konnte? Gleichzeitig ist wiederum der Staat aufgerufen, Anreize für einen weniger konsumbetonten Lebensstil zu setzen.  Darunter fallen bessere, in Wohnnähe befindliche Freizeitangebote oder die Erweiterung virtueller Möglichkeiten für soziale Kontakte, Hobbies und gesellschaftlichen Austausch.

Ausblick
Neben all den Belastungen und negativen Konsequenzen der Corona-Krise hat sich aber auch die positive Erkenntnis herausgeschält, dass fast alle Länder dieser Welt in der Abwägung zwischen Schutz des Lebens, vor allem der älteren Bevölkerung, und wirtschaftlichem Wohlergehen eindeutig Priorität auf Humanität gelegt haben. Angefangen bei der Rettung von Leben, der Aufrechterhaltung kritischer Infrastrukturen und dem Aufbau von gegenseitiger Hilfe und Solidarität (zumindest innerhalb der kommunalen oder regionalen Gemeinschaften) bis hin zur Unterstützung derjenigen, die durch die Krise ihren Arbeitsplatz, ihr Auskommen verloren haben, zeigt sich weltweit eine deutliche Hinwendung zu einer Ethik individueller Fürsorge.  Wirtschaftliche Werte, wie effiziente Produktion und Steigerung des Verbrauchs wurden in der Krise nur noch als sekundäre Werte angesehen, um den sozialen Bedürfnissen derjenigen zu dienen, die mit der Krankheit zu kämpfen haben. Dies könnte auch nach der Krise eine Gelegenheit sein, über die Priorität der Werte in unserer Gesellschaft nachzudenken. Die Wirtschaft sollte der Gesellschaft dienen und nicht umgekehrt. Diese Neuausrichtung der Werteprioritäten steht nicht im Gegensatz zu geschäftlichen oder wirtschaftlichen Aktivitäten, sondern könnte vielmehr als Ausgangspunkt für die Gestaltung einer nachhaltigen Wirtschaftsstruktur und die Erfüllung sozialer und kultureller Bedürfnisse nach nachhaltig hergestellten Produkten und Dienstleistungen dienen.

Neben der Ausrichtung der Wirtschaft auf nachhaltige Produkte und Dienstleistungen sind soziale Gerechtigkeit und Fairness Schlüsselwerte, denen bei der Umwandlung der heutigen Volkswirtschaften in nachhaltige Wirtschaftsformen Rechnung getragen werden muss. Dies setzt voraus,  dass alle ausreichend mit materiellen und immateriellen Ressourcen (Einkommen, Daseinsvorsorge, Bildung, etc.) ausgestattet sind, so dass sie selbstbestimmt und selbstwirksam mit natürlichen, physischen, wirtschaftlichen und sozialen Risiken umgehen können. Dass dies auch in Europa keineswegs selbstverständlich ist, hat sich in der jüngsten Covid-19-Krise recht deutlich gezeigt, als zum Beispiel Menschen mit starken Krankheitssymptomen nicht mehr in Krankenhäusern adäquat versorgt werden konnten, weil man an der dafür notwendigen Infrastruktur gespart hatte. Nach der Krise ist es eine zentrale Aufgabe in allen Ländern und Regionen, in denen die Grundbedürfnisse aufgrund von Armut, fehlender Infrastruktur oder schlechter Regierungsführung nicht gedeckt werden können, Kapazitäten für eine nachhaltige Krisenvermeidung und Krisenbewältigung aufzubauen. Diese Investition wird sich in der Zukunft auszahlen – und zwar für alle.
 
Prof. Ortwin Renn ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls „Technik- und Umweltsoziologie" an der Universität Stuttgart. 

Wirtschaft | Verantwortung jetzt!, 08.06.2020

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