Corona-Krise in Kambodscha

Überschuldung durch Mikrokredite bedroht die Ärmsten mit Landlosigkeit und Hunger

Zinssatz von 18 Prozent / Forderungen auch an KfW Förderbank und Entwicklungsministerium BMZ
 
In Kambodscha droht die vom boomenden Mikrofinanzsektor verursachte Überschuldungskrise sich durch die Covid-19-Pandemie zu einem Desaster für arme Menschen auszuweiten. 134 zivilgesellschaftliche Gruppen aus Kambodscha – darunter Gewerkschaften, Bauernverbände, Basisgemeinden und Menschenrechtsorganisationen – warnen in einer gemeinsamen Erklärung vor einer sich anbahnenden „Enteignungskrise". Über 2,5 Millionen Kambodschaner*innen sind derzeit bei Mikrofinanzinstituten (MFI) verschuldet, durchschnittlich mit US$ 3.800. Durch den Einbruch wichtiger
Wirtschaftssektoren in Folge der Covid-19-Pandemie und den daraus resultierenden Entlassungen und Einkommenseinbußen, geraten viele Mikrokreditnehmer*innen in Zahlungsschwierigkeiten. 

Durch den Einbruch wichtiger Wirtschaftssektoren in Folge der Covid-19-Pandemie und den daraus resultierenden Entlassungen und Einkommenseinbußen, geraten viele Mikrokreditnehmer*innen in Zahlungsschwierigkeiten. © Schmid-Reportagen, pixabayEin Großteil der Klienten von Mikrofinanzdienstleistern stammt aus armen Bevölkerungsschichten, welche am härtesten vom Einbruch der Wirtschaft betroffen sind. 75 % sind Frauen, darunter viele Textilarbeiterinnen. Allein in der Bekleidungsindustrie sind mehrere hunderttausend Arbeiter*innen vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedroht. Viele sind kaum in der Lage, die MFI-Kredite samt Zinsen und Gebühren – bei einem Jahreszinssatz von derzeit 18 % – zurückzuzahlen. Sie könnten dadurch gezwungen werden, ihr Land zu verkaufen. Da in Kambodscha, anders als in vielen anderen Ländern, ein Großteil der Mikrokredite durch Landtitel besichert ist, verfügen die MFI über ein erhebliches Druckmittel. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise könnte so zu mehr Landlosigkeit und zu weitreichenden Verletzungen des Menschenrechts auf Nahrung führen.

FIAN-Referent Mathias Pfeifer: „Um die nun drohende massive Verschärfung der finanziellen Notlagen zu mildern und eine Welle von Landverlusten zu verhindern, müssen unverzüglich Maßnahmen zum Schutz der betroffenen Haushalte ergriffen werden. Dabei stehen auch europäische und deutsche Entwicklungsbanken sowie das Entwicklungsministerium BMZ in der Verantwortung, die seit vielen Jahren wichtige Unterstützer marktführender MFI sind." Die KfW Förderbank beispielsweise ist an der Finanzierung von rund 15 MFI in Kambodscha beteiligt, zumeist über große Mikrokredit-Fonds, wie der Microfinance Enhancement Facility (MEF) oder der Microfinance Initiative for Asia (MIFA). Darüber hinaus ist die KfW an dem viertgrößten kambodschanischen MFI, Amret, beteiligt (über die in Luxemburg ansässige Mikrofinanz-Investmentfirma Advans SA SICAR). Das deutsche Entwicklungsministerium BMZ ist ebenfalls am MEF beteiligt.

FIAN fordert die KfW und deren Tochtergesellschaft DEG sowie die anderen europäischen Entwicklungsbanken, die den Mikrofinanzsektor in Kambodscha finanziell unterstützen auf, umgehende Maßnahmen zur Schuldenentlastung zu fördern. © Schmid-Reportagen, pixabayProbleme wie ausufernde Überschuldung und aggressives Vorgehen der MFI sind keine neuen Phänomene in dem südostasiatischen Land. Im vergangenen Jahr zeigte eine Studie der lokalen Menschenrechtsorganisationen LICADHO und STT auf, wie die mangelnde Regulierung des Sektors schwerwiegende und systematische Menschenrechtsverletzungen begünstigt, darunter erzwungene Landverkäufe, Kinderarbeit, Schuldknechtschaft und Menschenhandel. Bei Feldbesuchen im Februar 2020 traf FIAN verschuldete Kleinbäuerinnen, die berichteten, wie sie in die Schuldenfalle gerieten und nun ebenfalls von Landverlust bedroht sind. „Mikrokredite helfen uns nicht aus der Armut, sie steigern unsere Armut" erläuterte eine Frau, deren zum Teil minderjährige Kinder ins benachbarte Thailand auswandern mussten, um dort Geld für die Rückzahlung ihres Kredits zu verdienen. 

FIAN fordert die KfW und deren Tochtergesellschaft DEG sowie die anderen europäischen Entwicklungsbanken, die den Mikrofinanzsektor in Kambodscha finanziell unterstützen (etwa die Europäische Investitionsbank EIB, die niederländische FMO und die Österreichische Entwicklungsbank) auf, umgehende Maßnahmen zur Schuldenentlastung zu fördern. „Solange die kambodschanische Regierung nicht die von der Zivilgesellschaft geforderte zeitweise Aussetzung aller Zins- und Tilgungszahlungen sowie die Rückgabe der Landtitel an Kreditnehmer*innen umgesetzt hat, sollten die Entwicklungsbanken die von ihnen finanzierten MFI drängen, diese Maßnahmen zunächst unilateral umzusetzen. Auch sollten die Entwicklungsbanken zusätzliche Mittel bereitstellen, um die von Insolvenz betroffenen Haushalte zu unterstützen und gegebenenfalls Schuldenerlasse zu ermöglichen", so Pfeifer weiter. Mittelfristig müssten die Entwicklungsbanken bisherige Versäumnisse nachholen und frühzeitige menschenrechtliche Folgenabschätzungen durchführen. Die notwendige Umgestaltung und Regulierung des Mikrofinanzsektors in Kambodscha sollte von den europäischen Finanzierern eingefordert und unterstützt werden. 
 
Weitere Informationen: 
Kontakt: Mathias Pfeifer, FIAN | m.pfeifer@fian.de | www.fian.de


     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
20
MAI
2026
Bayerischer Batteriekongress 2026
Einblicke, Strategien, Innovationen
81671 München
21
MAI
2026
Munich Impact Night
Dieser Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Megatrends

Überlegen ist, wer Neues wagt
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Virgin Islands Climate Change Trust Fund launched at Global Sustainable Islands Summit in Gran Canaria, marking new era in climate finance innovation for islands

Kreislaufwirtschaft am Bau & Energie für die Zukunft

Gastfreundschaftslektionen aus Südtirol

Städte weltweit fordern eine Beschleunigung des Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien

Koalition von Ländern treibt beschleunigte Abkehr von fossilen Energien während Energiekrise voran

Deutsche Umwelthilfe widerlegt Mythos angeblich hoher Systemkosten Erneuerbarer Energien

Die Energiewende ist kein Kostenblock – sie ist ein Gewinnmodell für die Regionen

Aufbruch in Santa Marta

  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • circulee GmbH
  • Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • NOW Partners Foundation
  • WWF Deutschland
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • SUSTAYNR GmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • 66 seconds for the future
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • TÜV SÜD Akademie
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • ZamWirken e.V.