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Initiativen für ein nachhaltiges Finanzsystem

Banken und Investoren wachen auf

Das Finanzsystem ist Dreh- und Angelpunkt für eine nachhaltige Entwicklung und die zukunftsfähige ­Veränderung unseres Wirtschaftssystems. Entschlossene Akteure wollen deshalb den Finanzmarkt reformieren. Kann das gelingen?

So sieht die Zukunft aus: das Finanzsystem muss eine ökologisch und sozial nachhaltige und gerechte Welt ermöglichen. ©PixabayUnvorstellbare 23 Billionen US-Dollar sind weltweit nachhaltig investiert. Das jedenfalls behauptete die Global Sustainable Investment Alliance (GSIA), eine Dachorganisation zu nachhaltigem Investieren im März 2017. Doch wenn das tatsächlich so wäre, müssten dann die enormen sozialen und ökologischen Probleme wie Hunger,
 
Menschenrechtsverletzungen, Trinkwassernot oder Umweltzerstörung nicht wesentlich geringer sein? Die erfreulich hohe Summe relativiert sich dadurch, dass größtenteils lediglich geächtete Waffensysteme wie Streubomben und Landminen ausgeschlossen sind. Das ist ethisch, hat aber nichts mit einer durchweg an öko-sozialen Kriterien ausgerichteten Kapitalanlage zu tun.

Environment, Sustainability, Governance – ESG
Zwar beachten immer mehr institutionelle Investoren Kriterien zu Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung (ESG), doch es bestehen große Unterschiede bei der Bandbreite der genutzten Kriterien und der Tiefe ihrer Anwendung. Manche Institute kaufen lediglich Daten ein und kümmern sich nicht darum, ob die Portfoliomanager diese berücksichtigen oder ignorieren. Andere Kapitaleigner machen dagegen klare Vorgaben. In einem sind sich jedoch alle Akteure einig: ESG-Integration und aktives Aktionärstum sind ein Hebel, um die Wirtschaft nachhaltiger zu machen.

Das jedoch ändert nichts an der Tatsache, dass aus der verheerenden Finanzkrise von 2008/2009 kaum etwas gelernt wurde. Das meiste Geld im globalen 300-Billionen-Markt wird nach wie vor konventionell gemacht, mit undurchschaubaren Konstruktionen, virtuellen Werten und Luftbuchungen. Das ist weit ab von der Realwirtschaft und noch weiter entfernt von ökologischen und sozialen Normen. „Das Finanzsystem ist nicht nachhaltig!", konstatierte folgerichtig die globale UN-Initiative Principles for Responsible Investment (PRI) zum Auftakt ihrer Jahreskonferenz am 25. September 2017 in Berlin. Sie forderte: „Wir müssen über eine ESG-Integration hinausgehen!" So sehen das auch andere Akteure, hierzulande und international. Dennoch wird der Relevanz des Finanzmarkts noch immer zu wenig Bedeutung beigemessen. So verabschiedeten die Vereinten Nationen 17 globale Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG), aber keines für ein nachhaltiges Finanzsystem!

Inzwischen begreifen viele Akteure: So kann das nicht bleiben, das Finanzsystem muss eine ökologisch und sozial nachhaltige und gerechte Welt ermöglichen. Bisher sind die Institutionellen weit davon entfernt, entsprechende Wirkungen für Gesellschaft und Realwirtschaft zu erzielen. Darum hat die PRI-Geschäftsführung 2017 das Programm Sustainable Financial System (SFS) gestartet. Es soll ein Rahmenwerk entwickeln, das dazu beiträgt, global ein nachhaltiges Finanzsystem zu schaffen. „Trotz Fortschritten sehen wir viele Blockaden im Finanzsystem", bemängelt Nathan Fabian, PRI-Direktor für Politik und Research. „Aber Nachhaltigkeit ist fundamental für die künftige Wirtschaft und die Investmentwerte. Sie ist wichtig für das gesamte Finanzsystem." Seine Organisation will deshalb in den nächsten Jahren alles daran setzen, kurzfristiges Denken, Lobbying, falsche Anreizsysteme und vorrangiges Renditestreben zu beseitigen. Man will abklopfen, worin genau die Hürden bestehen, und beraten, was konkret getan werde kann, um sie zu beseitigen. Doch das kann dauern …

EU: Nachhaltigkeit in geltende Regulierung einbauen
Unterdessen drückt die EU-Kommission aufs Tempo. Sie ernannte im November 2016 eine „hochrangige Expertengruppe für nachhaltige Finanzen" (High-Level Expert Group on Sustainable Finance, HLEG). Diese soll bis Ende 2017 die Dimensionen der Herausforderungen sowie die Chancen nachhaltiger Finanzen darstellen und ein Reformprogramm für den finanzpolitischen Rahmen der EU empfehlen. Gegen Ende des 1. Quartals 2018 will die EU-Kommission dann neue Rechtsetzungen und/oder politische Initiativen vorschlagen.

„Finanziert das System die Realwirtschaft wie es soll?" fragte Christian Thimann, der Leiter der HLEG, auf der PRI-Konferenz. Seine klare Antwort lautet „Nein." Doch er erwartet in den nächsten zwei Jahren signifikante Fortschritte: „Wir kommen schneller voran als je zuvor." Anfang Juli legte die HLEG bereits einen Zwischenbericht vor, unmittelbar danach folgte ein Austausch mit Anspruchsgruppen in Brüssel, bis September kommentierten mehr als hundert Akteure die dort erarbeiteten Vorschläge für den Schlussbericht. Darin riefen die 20 Experten zu „dringendem und transformierendem" Vorgehen auf, um zu einer emissionsarmen, nachhaltigen Wirtschaft zu gelangen. Es seien Prozesse, Anreizsysteme und Kulturen im Investment- und Kreditwesen anzupassen, langfristige Nachhaltigkeitsrisiken zu entschärfen und strukturelle Hindernisse anzugehen. Dann, so die Erwartung, würden mehr Kapitalströme in eine nachhaltige Realwirtschaft und ökosoziale Projekte fließen und Arbeitsplätze schaffen.

Nationale und internationale Initiativen wollen die Finanzwirtschaft anders aufstellen. Denn sie haben erkannt: Nur ein nachhaltiges Finanzsystem ermöglicht zukunftsfähige Ökonomien.

„Aber man muss gar nicht die gesamte Finanz-Regulierung erneuern", betont Thimann. In viele Vorgaben könne man Nachhaltigkeit einbauen. So seien beim EU-Rechtsrahmen für Versicherungen Solvency II die Klimarisiken nicht erwähnt, das sei anzupassen. Die HLEG empfiehlt „Nachhaltigkeits­tests" für die EU-Finanzgesetzgebung. Darüber hinaus seien die europäischen Finanzaufsichtsbehörden stärker bei der ESG-Risikobewertung einzubinden. Klimarisiken seien offen­zulegen und eine Infrastruktur zu schaffen, um Geld in nachhaltige Projekte zu lenken.

Geht es ohne eine umfassende Änderung des Systems?
Angestrebt wird demnach, vorhandene Regulierung zu novellieren und Nachhaltigkeit in existierende Gesetzgebung, Programme und Politik zu integrieren. Eine echte System­änderung, wie von zivilgesellschaftlichen Organisationen gefordert, ist sichtlich nicht angestrebt. Neu aber wäre zumindest – sofern die EU-Kommission dem Rat der HLEG folgen würde – die Klarstellung, dass es zur treuhänderischen Pflicht gehört, ESG zu beachten. Doch selbst dagegen dürften sich Großanleger mit traditioneller Denke wehren. Eine treuhänderische Verantwortung ist jedoch fundamental, weil sie den langfristigen Rahmen setzt. Die PRI und die UN-Unterorganisation UNEP Inquiry befürworten diese umfassende Sicht. UNEP Inquiry widmet sich seit 2014 dem Design eines nachhaltigen Finanzsystems und plädiert für robustere Regulierungen sowie Standards, um eine Transformation anzustoßen.

Falsche Anreizsysteme und Mechanismen beseitigen
Was die Transformation konkret fördern kann, formulierten im April 2017 der Deutsche Naturschutzring (DNR) und das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) in ihrer Initiative nachhaltige Finanzreform: Umweltschädliche Subventionen und Fehlanreize müssten abgebaut werden sowie ein ehrlicher CO2-Preis her. Ein Steuersystem solle besteuern, was vermieden werden müsse: nicht Arbeitskraft, sondern Emissionen.

Ein neues Bündnis schmiedeten der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) der Bundesregierung und die Deutsche Börse im Sommer 2017. Sie wollen ihre Aktivitäten zu einem nachhaltigen Finanzsystem in einem „Hub for Sustainable Finance" (H4SF) koordinieren und dabei nationale und internationale Akteure einbeziehen. Für den Steuerungskreis wollten sie all die Akteure zusammenbringen, die im ersten Halbjahr Initiativen zum Thema starteten. Folglich sind die PRI und die HLEG dabei. Hinzu kamen das hessische Wirtschaftsministerium wegen seiner diesbezüglichen Initiative Green Finance für den Finanzplatz Frankfurt sowie die an der Teilnahme sehr interessierte KfW Bankengruppe.

Fehlen wichtige Player im Hub?
Bis Redaktionsschluss fehlten hingegen Vereinigungen, die sich seit Jahren für Nachhaltigkeit in der Finanzwelt einsetzen: das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), der Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten (VfU) und die Investorenvereinigung CRIC. Bei ihnen herrscht darüber Unverständnis bis Verärgerung, zumal sie im ersten Halbjahr eine „Taskforce Sustainable Finance" anregten, respektive von Bundesfinanzminister Schäuble sowie Bundesbankpräsident Weidmann eine internationale Strategie für einen Nachhaltigen Finanzmarkt im Sinne der Sustainable Development Goals (SDG) einforderten. Vielleicht hätten die Organisationen dem RNE stärker signalisieren sollen, dass sie das Steuer mit in der Hand halten wollen.

Bereits Tage nach der Bundestagswahl Ende September 2017 gab der Steuerungskreis an die künftige Bundesregierung gerichtet zehn Empfehlungen zur Entwicklung und Stärkung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft und lud ein zu einer Konferenz mit der Frage, an deren Beantwortung die nächsten Jahre zu arbeiten ist: Wie kann ein nachhaltiges Finanzsystem in Deutschland Realität werden? 

Susanne Bergius ist selbstständige Journalistin und Moderatorin für nachhaltiges Wirtschaften und  Investieren. 

Lifestyle | Geld & Investment, 01.12.2017
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2017 - Jetzt die SDG umsetzen erschienen.
     
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