„Whatsalp“ - ein modernes Herkulesprojekt!

forum wandert für seine Leser von Wien nach Nizza und entdeckt die besonderen Herausforderungen des Alpenraums.

Herkules, der antike Halbgott brauchte nur einen Stall ausmisten und elf weitere Einzeltaten zu vollbringen, bevor er sein Werk getan hatte. Das Vorhaben des Whatsalp-Teams ist indes wesentlich komplexer: Genau 25 Jahre nach ihrer ersten großen Tour, der TransALPedes, wandert 2017 erneut eine Gruppe von Alpenspezialisten vier Monate lang von Wien nach Nizza. Ziel der diesjährigen Whatsalp ist es, auf die aktuellen Herausforderungen der faszinierenden Bergwelt aufmerksam zu machen und direkt vor Ort Szenarien für die Zukunft der Alpen zu diskutieren: Folgen des Klimawandels, Veränderungen der Landschaft, wachsende Mobilität, zeitgemäße Energiegewinnung, infrastrukturelle Eingriffe, touristische Erschließungen, Verlust der Artenvielfalt, moderne Landwirtschaft, demographischer, gesellschaftlicher und kultureller Wandel.

Ein Alpenklassiker: Auf Du und Du mit der Kuh. © Anke BiedenkappPhänomene, die in unserer globalisierten Welt auch andernorts zu beobachten, aber im besonders sensiblen Alpenraum besonders prägnant sind. Es stellt sich die Frage nach zukunftsfähigen Lösungen etwa für den sichtbaren Rückgang der Gletscher, die steigende Lawinengefahr, den Nutzungsdruck auf die Natur-(schutz)gebiete, den Umgang mit Staats-, Sprach- und Religionsgrenzen oder das Nebeneinander von Flussläufen, Gleisen, Straßen, Rad- und Fussgängerwegen in engen Tälern. Die intensive Nutzung der Kulturlandschaft zieht eine starke Dezimierung der Biodiversität nach sich; einheimische Tiere und Pflanzen sind immer seltener in der Natur anzutreffen. Indes nimmt z.B. die Spezies der RadfahrerInnen immer neue Erscheinungsformen an: Sie gliedert sich im Wesentlichen in zwei Gruppen, solche mit signalfarbenen Trendsportanzügen und jene mit creme-brauner Tarnbekleidung. Letztere sind v.a. auf Rad- und Feldwegen anzutreffen und verfügen zunehmend über „elektrische Unterstützung", während erstere meist auf dünnrädrigen Rennmaschinen Auto- und Passstraßen frequentieren oder als MountainbikerInnen bevorzugt (und verbotswidrig) auf engen Pfaden in Wald, Berg und Wiese anzutreffen sind.

Biodiversität aus Chemie
Mit Blick auf die langlebigen Produkte der Chemieindustrie scheinen der alpinen Vielfalt keine Grenzen gesetzt: Zwar verlieren Plastiktragetaschen europaweit an Akzeptanz und Plastikpartikel im Meer, am Strand sowie in Speisefischen und Kosmetika sorgen für eine gewisse gesellschaftliche Unruhe. Aber (noch) scheinen in der alpinen Praxis Mikrofaserkleidung sowie schützende Planen bzw. Netze aus Kunststoffen unersetzlich, PET-Flaschen als Werbeträger wertgeschätzt und Nylon-Teebeutel (für Biokräuter!) das ästhetische Non-plus-ultra.

Whatsalp entdeckt die Pioniere
Getrocknete Blüten haben gute Chancen, später als Mitbringsel in Form von Tee im Reisegepäck der Gäste zu landen – oder als (Salat-)Dekoration auf den Tischen. © Anke BiedenkappDoch „die Moderne" bringt auch Impulse in die Täler und Berge, die um mehr Einklang mit lokaler Natur, Kultur und Ökonomie bemüht sind. Eine ganz besondere Rolle nimmt dabei die Kulinarik ein, der genießerische Umgang mit Essen und Trinken: In Poschiavo werden aufgelassene Terrassen zu einem Panoramaweg umgewandelt – der zugleich als „Naschpfad" konzipiert ist. Auf öffentlichen Plätzen und in Hotelgärten finden sich zunehmend Nutzpflanzen, die in der jeweiligen Küche verarbeitet werden. Der Buchweizenanbau wird wieder ausgeweitet, weil das daraus bereitete Nudelgericht, Pizzoccheri, sich ebenso wachsender Beliebtheit bei den Gästen erfreut, wie die leckeren Weine, Käsesorten und Gewürze aus der Region – die jeweils auch gut als Mitbringsel dienen können. Die Gastronomie greift dabei auf Arbeitskräfte aus Rumänien, Moldavien oder Äthiopien zurück, um den BesucherInnen die lokalen Spezialitäten servieren zu können. Andere begegnen der Abwanderung in städtische Zentren mit Gelassenheit bzw. kreativen Initiativen: Während ein Südtiroler Kuhhirte sich weder aus der Ruhe noch aus seinem Tal bringen lässt, versucht z.B. das Bio-Kräuter-Schlössl sich im Etschtal mit schützenden Plastikfolien gegen die pestizidgetränkte Apfelbaum-Monokultur zu behaupten.

Tue Gutes und rede darüber
Dass sich das Whatsalp-Kern-Team (allen voran die Geographen Dominik Siegrist und Harry Spieß) seit langen Jahren hauptberuflich mit diesen – und vielen anderen – Themen beschäftigt hat, wird nicht zuletzt durch die wohlüberlegte Streckenführung der aktuellen Whatsalp-Tour (be-)greifbar. Und nicht nur das, sie haben vor Ort auch viele Veranstaltungen und Treffen organisiert. Im Schnitt bietet sich alle zwei bis drei Tage die Gelegenheit, jeweils mit einheimischen AkteurInnen ins Gespräch zu kommen und mit lokalen Besonderheiten vertraut gemacht zu werden.

Das zu planen, vorzubereiten und von unterwegs zu koordinieren ist alleine schon eine Meisterleistung. Gemäß dem Motto „Tue Gutes und rede darüber" kommt noch das Management der Öffentlichkeitsarbeit dazu: Ergebnis der guten Vorarbeit ist, dass sich immer wieder unterwegs oder zu den einzelnen „Events" MedienvertreterInnen einfinden, um O-Töne einzufangen, Interviews zu führen oder die Wandernden „filmisch festzuhalten". Die Liste der Veröffentlichungen und Ausstrahlungen wächst täglich. Und damit nichts Wichtiges verloren geht, füllen die beiden Professoren ihren eigenen Blog regelmäßig mit den spannendsten Infos und Filmszenen.

Kontakte und Kommunikation
Kommunikation ist auch das zentrale Thema der Whatsalp-TeilnehmerInnen untereinander - und eine Menge Spaß! © Anke BiedenkappKommunikation ist auch das zentrale Thema der Whatsalp-TeilnehmerInnen untereinander. Denn außer dem aus Dominik und Harry bestehenden „Kern-Kernteam" ist die Zusammensetzung der Gruppe einer stetigen Veränderung unterworfen. Anlässe für Gespräche und stetiger Informationsbedarf sind somit vorprogrammiert: Herzliche Begrüßungen, noch herzlichere Abschiede, fachliche Inputs, informeller Austausch der unterschiedlichen Erfahrungen und Kenntnisse, sich verändernde Perspektiven, Wetterprognosen, jeweilige Tagesplanungen oder vorübergehende Unpässlichkeiten. Dem tragen die beiden Cheforganisatoren mit einer unerschütterlichen Mischung von Freundlichkeit und Gelassenheit Rechnung. Und schließlich ist – trotz des anspruchsvollen (Wander-)Programms - auch Raum für individuelle Eindrücke und Erlebnisse sowie „Klassiker" entlang der abwechslungsreichen Route:

  • Kloster- und Museumsbesuche, zum Eintauchen in die Kulturgeschichte,
  • ein ständig wechselndes, aber durchgängig faszinierendes Bergpanorama mit farbenfreudigen Blumen und Alpenglühen, das die Kamera nicht zur Ruhe kommen lässt,
  • Bäche, Seen und Brunnen, die zur erfrischenden Abkühlung einladen,
  • pfeifende Murmeltiere in der Ferne – und in der Nähe: Auf Du und Du mit der Kuh!

Alles in allem eine gelungene Kombination zwischen Sommerurlaub und „Sensibilisierung für ein nachhaltiges Leben im Alpenraum". Zu letzterem können wir alle beitragen: durch unseren Lebensstil im Alltag und im Urlaub sowie durch eine Spende zum Whatsalp-Crowdfunding. Und wer will kann sich bis zum 30.9.2017 noch einklinken. Dann endet die Tour in der französischen Küstenstadt Nizza.

Info: www.whatsalp.org

Anke Biedenkapp, die internationale Reiseexpertin und Gründerin des Reisepavillons nahm für forum Nachhaltig Wirtschaften an der Whatsalp teil.


Lifestyle | Sport & Freizeit, Reisen, 30.08.2017
     
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