Liste von Reserveantibiotika veröffentlicht

Ärzte und Umweltorganisationen drängen auf Ende des Antibiotikamissbrauchs in der Massentierhaltung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat kurz vor dem G20-Gipfel in Hamburg eine Liste der für Menschen allerwichtigsten Reserveantibiotika veröffentlicht, die in der Humanmedizin benötigt werden, weil viele andere Antibiotika bereits versagen. Die WHO warnte zugleich davor, dass deren Einsatz in der Tierhaltung Resistenzen gegen diese Reserveantibiotika hervorrufen könne, die über die Lebensmittelkette und die Umwelt auch bis zum Menschen gelangten.
 
Der steigende Einsatz der Reserveantibiotika und der globale Fleischhandel erhöhen das Resistenzrisiko. ©tpsdave, pixabayÄrzte- und Umweltorganisationen sehen die Bundesregierung in der Pflicht, sich beim G20-Gipfel in Hamburg dafür stark zu machen, Reserveantibiotika aus Tierfabriken zu verbannen. Die bisherigen G20-Beschlüsse reichten nicht aus, um diese Antibiotikawirkstoffe für die menschliche Gesundheit zu sichern und ihre Wirksamkeit zu erhalten.
 
Bislang beschlossen die G20-Agrarminister nur das Ende antibiotischer Wachstumsförderer in der Tierhaltung, wie es in der EU schon seit über zehn Jahren gilt, und eine Verschreibungspflicht für Human- und Tier-Antibiotika.
 
„Antibiotikaresistenzen sind eine ernstzunehmende Gefahr für Menschen, Tiere und die Umwelt. Es ist dringend erforderlich, dass die G20-Staaten ergänzend beschließen, Reserveantibiotika aus der Intensivtierhaltung zu verbannen, sowie alle Ziele mit Zeit- und Finanzplänen zu konkretisieren", fordert Susan Haffmans vom Pestizid Aktions-Netzwerk, PAN Germany.

"Aus Gesundheitssicht wäre der G20-Gipfel nicht mehr als ein Placebo, wenn die G20-Regierungen versäumen, Reserveantibiotika künftig ausschließlich der Humanmedizin vorzubehalten, wie von der Weltgesundheitsorganisation gefordert", mahnt Reinhild Benning von Germanwatch. "Weltweit droht der Antibiotikaeinsatz in Tierhaltungen um fast 70 Prozent zu steigen, wenn es keine wirksamen Beschlüsse und Maßnahmen dagegen gibt." In Tierfabriken in Deutschland und Europa würden immer mehr von denjenigen Antibiotika eingesetzt, die laut der WHO-Liste zu den letzten noch wirksamen Mitteln gehören, wenn es um lebensbedrohliche Infektionen bei Menschen geht. Der steigende Einsatz der Reserveantibiotika und der globale Fleischhandel erhöhten das Resistenzrisiko. Benning: "Lassen Regierungen die Ausbreitung resistenter Keime zu, dann tragen sie Mitverantwortung dafür, dass sich der Werkzeugkasten der Medizin zusehends leert."

"Auf der WHO-Liste stehen u.a. die auch in der Tierhaltung tonnenweise eingesetzten Cephalosporine der 3. und 4. Generation, Chinolone und Colistin. Für die Tierhalter ist es am besten, wenn alle G20-Regierungen gleichzeitig das Ende der Reserveantibiotika im Stall bis 2020 beschließen", sagt Dr. Peter Sauer, Sprecher der Ärzte gegen Massentierhaltung. Ein Großteil der Antibiotika im Tierstall komme nur zur Anwendung, weil die Zucht auf Höchstleistungen die Tiere krankheitsanfällig mache und damit schlechte Haltungsbedingungen kompensiert würden oder aus Gründen der Arbeitskraftersparnis in großen Tierhaltungen. „Leidtragende dieser Entwicklung sind die Tiere und der Mensch", so Dr. Sauer.

"In Regionen mit hoher Viehdichte sind nicht nur die Menschen stärker mit resistenten Keimen aus der Tierhaltung belastet, sondern auch die Umwelt. Die G20 muss unter Beweis stellen, dass sie dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung und nicht nur der Pharma- und Fleischindustrie dient. Nur ein Ende der Reserveantibiotika in Tierhaltungen dient dem Gesundheitsschutz", sagt Jens Wegener, von der Coordination gegen BAYER-Gefahren.

„Den Antibiotikaeinsatz in der industriellen Tiermast zu reduzieren und auf Reserveantibiotika ganz zu verzichten wird nur gelingen, wenn Politik und Lebensmittelbranche endlich einsehen, dass die extremen Mengen an billigem Fleisch bei derzeitigen Zuchtzielen und Haltungsbedingungen ohne Medikamenteneinsatz nicht erzeugt werden können" mahnt Dr. Claudia Preuß-Ueberschär vom Verein Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft. „Es kann aber nicht sein, dass Antibiotika als wichtigste Waffe gegen Infektionskrankheiten bei Mensch und Tier und damit die menschliche und tierliche Gesundheit aufs Spiel gesetzt werden, dass Tiere gequält, Tierschutz-Gesetze missachtet werden und die Kosten für die verursachten Umweltschäden der Allgemeinheit aufgedrückt werden" so Dr. Preuß-Ueberschär weiter.

Zur Umsetzung ambitionierter Ziele bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen hierzulande fordern die Organisationen von der Bundesregierung, bei der Novelle des deutschen Arzneimittelgesetzes und der anstehenden EU-Tierarzneimittelnovelle dafür Sorge zu tragen, dass die Reserveantibiotika der WHO-Liste ab 2020 nicht mehr in Intensivtierhaltungen eingesetzt werden dürfen. Weitere Forderungen finden sich in einem gemeinsamen offenen Brief an Landwirtschaftsminister Schmidt vom September 2016.

Weitere Informationen
PAN Germany (2017): Antibiotika in der Tierhaltung. Wie lassen sich Umweltbelastungen reduzieren und Resistenzen vermeiden?
 
Kontakt: Reinhild Benning, Germanwatch | benning@germanwatch.org | www.germanwatch.org

Lifestyle | Gesundheit & Wellness, 05.07.2017
     
Cover des aktuellen Hefts

SOS – Rettet unsere Böden!

forum 01/2021 ist erschienen

  • Eine Frau, die es wissen will
  • Eine neue Vision für den Tourismus
  • Jetzt oder nie
  • Models for Future
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
19
MÄR
2021
#NoMoreEmptyPromises
Globaler Klimastreik
weltweit
26
MÄR
2021
DVD-Start „Unser Boden, unser Erbe“
Wie wollen wir in Zukunft leben?
deutschlandweit
22
APR
2021
Green Deal im Unternehmen
So gelingt strategischer Klimaschutz!
online
Alle Veranstaltungen...
Marketing For Future Award 2021. Marketing zwischen Macht und macht nichts.

Gemeinsam ist es Klimaschutz

natureOffice nimmt Sie mit auf die Reise durch den Klimakosmos - gleich YouTube-Kanal abonnieren und Baum pflanzen!

Politik

Countdown für Planet B - Leila Dreggers Plädoyer für einen Aufbruch ins utopische Denken
2 - Spirituelle Basisdemokratie: Die Kraft des Ewigen in der Politik
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

LEED-Gold-Medaille für "DIE MACHEREI"

1 Million Euro für grüne Gründer

German Design Award für Claire von Reposa

Evologic Technologies: 2,5 Millionen Euro durch neue Finanzierungsrunde

UnternehmensGrün schreibt Erfolgsgeschichte fort und wird zum Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft

Klimaschutzstiftung Baden-Württemberg: Julia Kovar-Mühlhausen übernimmt Leitung

Basischemikalie mit verringertem CO2-Fußabdruck: Vinnolit bietet „grüne“ Natronlauge an

IT-Remarketing spart 300 Mio. Liter Wasser ein:

  • TourCert gGmbH
  • Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V. (B.A.U.M.)
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • PEFC Deutschland e. V.
  • SÜDWIND e.V. - Institut für Ökonomie und Ökumene
  • VDMA Nachhaltigkeitsinitiative Blue Competence
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Telefónica Germany GmbH & Co. OHG
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen