Für ein neues Zeitalter von Unternehmertum?! - Wege in ein Resonanz-Unternehmertum. 11. bis 13. Juni 2024

Klimaneutral - wie bitte?

Michael Heitzer im Interview

Immer häufiger hört man von klimaneutralen Produkten oder gar klimaneutralen Unternehmen. Ein mittelständisches Unternehmen im Allgäu will hier ganz vorne sein und ist bereit, seine Erfahrungen weiterzugeben. forum fragt nach bei Michael Hetzer.

Was hat Sie bewogen, Ihr Unternehmen klimaneutral zu stellen?
Michael Hetzer, der geschäftsführende Inhaber, startete 2009 'elobau goes green' und führte das Unternehmen 2010 in die Klimaneutralität. 2014 gewann elobau den 'Umweltpreis für Unternehmen Baden Württemberg'. // Foto: © elobauUnseren blauen Planeten gibt es nur einmal. Die menschliche Spezies hat die Erde mit all ihren Ressourcen bereits so stark beansprucht, dass wir heute die Folgen deutlich spüren, z.B. in Form des Klimawandels. Daher bin ich der Auffassung, dass jeder das in seiner Macht Stehende dafür tun sollte, diese Entwicklung zu stoppen. Ein Unternehmen verfügt naturgemäß über einen weitaus größeren Hebel als eine Einzelperson und sollte diesen auch nutzen – obwohl natürlich der Beitrag eines jeden wichtig ist und nicht unterschätzt werden sollte. Setzt jedoch ein Unternehmen konsequent entsprechende Maßnahmen um, wird dadurch ein sichtbares Ergebnis erzielt.

Wie genau funktioniert das?
Wir erstellen eine Klimabilanz, auch ­„Carbon Footprint" genannt. Dort gibt es nach inter­nationalem Standard drei „Scopes", frei zu übersetzen als Verantwortungsstufen. Wir bilanzieren auch die sogenannten Scope-3-­Emissionen, darunter fallen zum Beispiel unsere Zulieferteile und diejenigen Emissionen, die durch die An- und Abreise unserer Mit­arbeiterinnen und Mitarbeiter zum Arbeitsplatz anfallen. Das sind die größten Posten unserer Bilanz.

Zuerst gilt es nun, die Klimabilanz durch Maßnahmen zu verbessern. Das tun wir beispielsweise, indem wir für alle Standorte Ökostrom beziehen und selbst Strom aus erneuerbaren Energien mittels Photovoltaik und Mikrogasturbinen erzeugen. Oder indem wir ein grünes Flottenmanagement installieren und unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Alternativen zur Anreise mit dem PKW schaffen. Oder indem wir unser Beschaffungswesen auf Nachhaltigkeit trimmen. Am Ende blieben bei uns im vergangenen Jahr aber immer noch grob 5.000 Tonnen Treibhausgasemissionen unter dem Strich stehen. In dieser Höhe kauften wir dann Klimazertifikate nach dem anerkannten Gold-Standard. Auf diese Weise wird die gleiche Menge an Emissionen an anderer Stelle der Welt eingespart.

Wer kontrolliert das?
Die letzten Jahre haben wir uns nach dem Stop-Climate-Change-Standard zertifizieren lassen. 2015 haben wir unsere Klimabilanz mit Hilfe eines externen Partners gemäß dem Greenhouse-Gas-Protocol überarbeitet. Die erwähnten Klimaschutzzertifikate entstammen dem Projekt VisionsWald in Costa Rica. Sie wurden nach langer Vorarbeit nach Gold-Standard eingestuft. Der ­Gold-Standard ist der höchste Standard im freiwilligen Klima­schutz.
forum berichtete bereits in der Ausgabe 1/2015 über das Projekt VisionsWald.

Wo hört der Ablasshandel auf und wo beginnt echtes Klimaengagement?
Der Begriff der Klimaneutralität ist umstritten und wir haben letztes Jahr selbst gesehen, wie leichtfertig andere Firmen damit werben. Nämlich auch Firmen, die ihre Scope-3-Emissionen gar nicht unter die Lupe nehmen. Ablasshandel ist da, wo Klimaschutz hauptsächlich über Ausgleich durch Zertifikate und nicht durch Managementmaßnahmen stattfindet.

Was machen Sie noch in Ihrem Unternehmen?
Unser Kerngeschäft besteht in der Entwicklung, der Produktion und dem Vertrieb von Sensorik für den Maschinenbau und für die Nutzfahrzeugindustrie. Unsere mehr als 10.000 Sensorikprodukte zeichnen sich durch eine hohe Fertigungstiefe aus und werden klimaneutral in Deutschland gefertigt. Was uns so besonders macht, ist, dass wir ein Industrieunternehmen sind, das ausschließlich im B2B tätig ist und sich dennoch konsequent nach ökologischen Kriterien ausrichtet.

Welche Zertifizierungs- und Reportinginstrumente würden Sie aus Ihrer Erfahrung empfehlen?
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beobachten die Entwicklungstendenzen im Berichtswesen sehr genau und kennen die gängigen, aber auch die progressiven Standards. Wir berichten seit vorletztem Jahr nach dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex, schauen aber auch Standards wie die Gemeinwohl-Bilanz näher an. Viele Aspekte, die dort angesprochen sind, machen wir intuitiv schon seit Jahren.

Wie reagieren Ihre Kunden darauf?
Bislang war es leider so, dass das Thema Nachhaltigkeit bei unseren Kunden noch keine große Rolle gespielt hat. Hier muss man wissen, dass wir oftmals von großen Konzernen mit Sitz außerhalb Europas sprechen. Deshalb haben wir für unsere Schlüsselbranchen eine Untersuchung gestartet, um das Thema Nachhaltigkeit bei unseren Kunden konkretisieren zu können. Wir fragen beispielsweise nach, was der Kunde überhaupt unter Nachhaltigkeit versteht. Wir fragen nach zentralen Ansprechpartnern zu diesem Thema und nach den Erwartungen im Hinblick auf ihre Produkte in den nächsten Jahren. Das Ergebnis steht noch aus, aber wir vermuten, dass auch in unseren Branchen das Thema an Bedeutung gewinnt.

Werden Ihre Produkte dadurch teurer? Um wie viel?
Nein, da die Kosten für die Zertifizierung nicht so groß sind, dass es eine Auswirkung auf den Produktpreis hat. Auch die Umstellung auf Grünstrom und der Abschied von fossilen Energieträgern war weniger kostenintensiv als erwartet. Unsere Investitionen in Energie-Plus-Gebäude werden sich langfristig gesehen ebenfalls lohnen. Hier ist es sicher von Vorteil, dass elobau ein mittelständisches Familienunternehmen ist, in dem nicht in Quartalen gedacht werden muss.

Was ist Ihr nächstes unternehmerisches und privates Ziel?
Unsere Vision zum Thema Nachhaltigkeit und damit auch unser nächstes größeres Ziel ist, den Autarkiegrad des Strombezugs zu erhöhen, das heißt, dass wir idealer­weise nicht nur bilanziell so viel Strom erzeugen, wie wir verbrauchen, sondern auch in Echtzeit.

Privat bin ich nahezu ausschließlich im Elektroauto unterwegs, wir nutzen ebenfalls Grünstrom und die Ölheizung haben wir durch eine Wärmepumpe ersetzt.

Herr Hetzer, wir bedanken uns für das Gespräch und Ihr Engagement. Wir wünschen viel Erfolg bei der Stiftungsgründung.


Umwelt | Klima, 01.11.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2016 - Klima, Krieg und gute Taten erschienen.
     
Cover des aktuellen Hefts

Jede Menge gute Nachrichten

forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2024 mit dem Schwerpunkt "Der Weg zum Mehrweg – Transport und Logistik"

  • Circular Cities
  • Kllimagerecht bauen
  • Kreislaufwirtschaft für Batterien
  • ToGo-Mehrwegverpackungen
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
30
MAI
2024
Klimacamp München
Mach mit!
80333 München, Königsplatz
06
JUN
2024
Change Makers Dialogues #2 an der KLU in Hamburg
Nachhaltigkeit messen, zählen, wiegen.
20457 Hamburg
13
JUN
2024
Kommunale Wärmeplanung München – Stand und Ausblick
In der Reihe "Klima - neue Heizung?"
81379 München und online
Alle Veranstaltungen...
The VinylPlus Sustainability Forum 2024. Together towards higher ambitions

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Politik

Aufstand der Demokraten
Für Christoph Quarch ist ein "Aufstand der Anständigen" ohne Zivilcourage wertlos
B.A.U.M. Insights

Jetzt auf forum:

Musik. Kunst. Kulinarisches. Diskurs. Inspiration.

Rechenzentrum hilft beim Heizen

"The Sustainable Quest" auf der re:publica

Neven Subotic erhält Preis des Bundesentwicklungsministeriums

FarmInsect schmiedet strategische Partnerschaft mit AGRAVIS

Sparda-Bank München setzt sich für Inklusion und Diversität am Arbeitsplatz ein

Inspiration, Klarheit und Empowerment

Accelerating Integrated Energy Solutions

  • Engagement Global gGmbH
  • Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • circulee GmbH
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Kärnten Standortmarketing
  • Global Nature Fund (GNF)
  • ECOFLOW EUROPE S.R.O.
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG