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zen@work

Vom langsamen Bewusstseinswandel in der Wirtschaft

Während des Kongresses der Akademie Heiligenfeld im sonnigen Bad Kissingen zum Thema "Die Kunst des Wirtschaftens", vom 10. bis 13. Juni 2010, hatte forum Redakteur Alistair Langer die Gelegenheit, mit Paul Kohtes über den Bewusstseinswandel in der Wirtschaft zu sprechen.

Alistair Langer: Wann fingen Sie an, das Thema Bewusstseinswandel als Ihre Leidenschaft und Ihr Wirkungsfeld zu entdecken?

Paul Kohtes: Ich habe vor mehr als 25 Jahren die Praxis des Zen für mich entdeckt und vor 15 Jahren dann begonnen, meine Erfahrungen und Erkenntnisse auch offen in meiner Arbeit einzubringen. Zu der Zeit war das eine wirkliche Provokation und es hat Jahre gedauert, bis das Thema auch öffentlich eine gewisse Akzeptanz erreicht hat. In dem Moment, als das Handelsblatt zum ersten Mal das Wort "Meditation" erwähnte, vor etwa acht bis zehn Jahren, war dann das Tabu gebrochen. Es ist zwar noch immer ein schwieriges Thema, aber inzwischen hat sich auch bei Spitzenmanagern ein latentes Bewusstsein dafür entwickelt.
Das Dilemma ist, dass dieses Bewusstsein zwar wächst, aber die Bereitschaft, wirklich einen Übungsweg einzuschlagen, dennoch extrem gering ist. Und wenn die Menschen einen Weg nach Innen gehen, dann beschränkt sich das zumeist auf den privaten Bereich. Diese Praxis ist eben noch fast nirgends institutionalisiert. Es gibt zwar da und dort Räume der Stille, wie beispielsweise die private Initiative zur Zen-Praxis in der Deutschen Bank, aber bezogen auf die Gesamtheit der Wirtschaft sind das alles noch Einzelfälle.
In den meisten Fällen werden solche Initiativen auch nicht aktiv vom Management unterstützt, sondern bestenfalls toleriert. Bis auf wenige Ausnahmen, wie beispielsweise in den Oberbergkliniken, wo es in jeder Klinik Räume der Stille gibt. Hier ist das Thema "Achtsamkeit" sogar erklärter Bestandteil der Unternehmenskultur und auch der Therapie. Das sind aber - gemessen an der gesamten deutschen Wirtschaft - bisher immer noch Einzelphänomene mit Pionieren, die vorangehen. Das ist jedoch ganz typisch für diese Phase des Paradigmenwechsels.

Wie könnte man dennoch für mehr Akzeptanz und Interesse an ganzheitlichen Themen in der Wirtschaft werben?

Ich sehe hier nach meiner Einschätzung zwei Lager. Da sind zum einen diejenigen, die das Thema aktiv vorantreiben, Kongresse veranstalten, Vorträge halten, das Thema also quasi marketingmäßig vorantreiben und so gezielt in die Welt tragen. Das andere Lager, zu dem ich mich eher zähle, ist zwar auch der Ansicht, dass ein gewisses öffentliches Engagement nötig ist, aber eigentlich muss "es" sich von selbst ergeben. Denn es ist eine grundlegende Erkenntnis: Je mehr man versucht, etwas zu pushen, desto stärker schürt man auch die Widerstände. Da hört man dann Äußerungen wie: "Der Paul Kohtes engagiert sich ja mittlerweile für Zen und Spiritualität in der Wirtschaft. Das ist zwar für jeden Einzelnen bestimmt wichtig und sehr interessant, aber damit können wir uns im Moment leider noch nicht als Unternehmen befassen."
Weil das so ist, bin ich dafür, dass wir das Thema vor allem über die persönliche Entwicklung des Einzelnen auf den Weg bringen, über Publikationen, die Teilnahme an Kursen, Kongressen und Seminaren, und nicht zu sehr versuchen, gleich das ganze System verändern zu wollen, sondern eher die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das System sich von innen her verändern kann. Das halte ich für die derzeit angemessene Strategie.
Vor allem muss ich auch hier noch einmal betonen, der spirituelle Weg ist ein Weg der Praxis. Da helfen irgendwann auch Kongresse und das ewige Lesen alleine nicht mehr weiter. Jeder muss diese innere Veränderung selbst spüren und erfahren. Diese persönliche veränderte Wahrnehmung wird sich dann "wie von selbst" in seinem jeweiligen Wirkungsfeld und in der Organisationen entfalten.

Ich spüre in mir oft eine gewisse Ungeduld, dass sich die Dinge so langsam ändern. Wo sehen Sie die Beharrensmomente eher, in der jeweils individuellen Person oder in den Systemen, in denen sich die Personen aufhalten?

Ich teile Ihre Ungeduld. Wir müssen nüchtern sehen, dass unser wirtschaftliches System, das auf der einen Seite so unglaublich marode ist, auf der anderen Seite unglaublich erfolgreich ist. Es ist ja nicht so, dass wir sagen können: Meditiere und dann wirst du erfolgreich. Sondern bislang ist es ja eher so, dass jemand, der sich nicht so sehr mit der eigenen Achtsamkeit beschäftigt, in unserem System zunächst einmal als der Erfolgreichere erscheint. Erst langfristig kehrt sich das um. Dann zeigt sich, dass Achtsamkeit und persönliche Sensibilität zu dauerhaftem Erfolg und zu einer tieferen Lebensqualität führen.

Herr Kohtes, ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch.


Das Wirtschaftsmagazin CAPITAL würdigte ihn als "Doyen der deutschen PR-Szene", die Süddeutsche Zeitung bezeichnete ihn als "zurückhaltenden Primus". Paul J. Kohtes (* 1945) ist beides. Gegensätze zu verbinden, ist für ihn ein Lebensthema. Paul J. Kohtes gilt als einer der führenden Berater für Unternehmenskommunikation in Deutschland. 2006 wurde er als erster Deutscher in die "Hall of Fame" des Internationalen PR-Agenturen-Verbandes aufgenommen. Paul J. Kohtes leitet Seminare in Zen-Meditation und hat sich spezialisiert auf das Coachen von Führungskräften. 1998 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Margret Kohtes die Identity Foundation, eine gemeinnützige Stiftung für Philosophie. Paul Kohtes ist Autor zahlreicher Bücher für Führungskräfte, darunter "Dein Job ist es, frei zu sein - Zen und die Kunst des Managements", "Hören Sie auf zu rennen - Was Manager von Hase & Igel lernen können" und "Jesus für Manager - Frei sein im Job und im Leben" (alle erschienen bei J.Kamphausen, Bielefeld).

www.identity-foundation.de
www.zenforleadership.com

Quelle:
Wirtschaft | CSR & Strategie, 16.06.2010

     
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