Umwelt | Klima, 08.08.2026
Net Zero braucht CDR
Strategische Leitplanken für wirksame CO2-Entnahme
Konsequente Emissionsreduktion bleibt der wichtigste Hebel auf dem Weg zu Net Zero. Doch unvermeidbare Restemissionen machen zusätzlich die dauerhafte Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre erforderlich. WWF-Experte Benjamin Kottmeyer erklärt, welche Rolle Unternehmen beim Aufbau wirksamer Carbon Dioxide Removal (CDR)-Lösungen spielen, und welche Leitplanken zu wirksamem und glaubwürdigem Klimaschutz führen.

Herr Kottmeyer, der Weltklimarat (IPCC) macht deutlich: Die langfristige Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze lässt sich nur mit Emissionsreduktion und CO2-Entnahme erreichen. Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Die 1,5-Grad-Grenze ist und bleibt der entscheidende Orientierungsrahmen für wissenschaftsbasierte Klimatransitionspläne in Unternehmen. Die Emissionsreduktion bildet dabei die Grundlage und das etablierte Fundament der Zielerreichung. Wissenschaftliche Reduktionspfade geben vor, wie stark die Emissionen sinken müssen, damit wir die globalen Klimaziele einhalten.
Selbst bei maximaler Emissionsreduktion verbleibt jedoch ein unvermeidbarer Rest an Emissionen, die sogenannten Residualemissionen. Diese entstehen dort, wo eine vollständige Reduktion technisch – etwa bei industriellen Prozessemissionen oder in Teilen der Landwirtschaft – oder unter Berücksichtigung sozialer Aspekte nicht möglich ist. Die aktive Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre und die dauerhafte Speicherung (Carbon Dioxide Removal, CDR) ist erforderlich, um diese Residualemissionen dauerhaft zu entfernen, ihre Klimawirkung physikalisch zu neutralisieren und so Net Zero auch wirklich zu erreichen.
Während die Emissionsreduktionen demnach weiterhin den größten und wichtigsten Beitrag zum Klimaschutz leisten, sind Unternehmen aufgefordert, bereits heute die Weichen zu stellen, um CDR als komplementäre Säule in ihre Klimastrategie zu integrieren.
CDR wird auch im neuen Corporate-Net-Zero-Standard 2.0 der SBTi verankert. Was verändert das für Unternehmen?
Corporate Net-Zero Standards wie die der Science Based Targets Initiative (SBTi) übersetzen die wissenschaftlichen Anforderungen in eine Zielarchitektur für Unternehmen. Sie geben klare Orientierung über die strategische Verankerung und die Rollen, die CDR in ihrer Transitionsplanung erfüllen kann. Unternehmen, die sich frühzeitig mit den Standards befassen, schaffen damit die Voraussetzungen für eine zielgerichtete und verantwortungsvolle Integration von CDR in ihre Klimastrategie – wissenschaftsbasiert und im Einklang mit Natur und Gesellschaft.
Unternehmen stehen jedoch vor der Herausforderung, dass viele CDR-Technologien heute noch nicht in dem Umfang verfügbar sind, den die Unternehmen voraussichtlich bis zu ihrem Net-Zero-Ziel benötigen werden. Um den erforderlichen Bedarf bis zur Jahrhundertmitte decken zu können, müssen die Technologien und der dazugehörige Markt entwickelt und skaliert werden. Der heutige Aufbau von CDR-Kapazitäten beeinflusst daher maßgeblich, ob sie zukünftig in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen.
Vor diesem Hintergrund wird die strategische Rolle von Unternehmen deutlich: Als Emittenten tragen sie eine direkte Verantwortung für ihre verbleibenden Residualemissionen. Gleichzeitig kommt ihnen eine Schlüsselrolle als Innovationstreiber und Kapitalgeber in der Marktentwicklung zu.
CDR umfasst sehr unterschiedliche Technologien. Worauf sollten Unternehmen besonders achten, wenn sie entscheiden, welche Ansätze für sie geeignet sind?
CDR ist ein Sammelbegriff für verschiedene Technologien. Diese variieren stark hinsichtlich verschiedener Merkmale, etwa ihrer Speicherdauer, ihres Ressourcenbedarfs, ihres technologischen Reifegrads oder ihren ökologischen und sozialen Chancen und Risiken. Je nach strategischer Rolle im Transitionsplan ergeben sich zudem unterschiedliche Anforderungsprofile. Damit Unternehmen fundierte Entscheidungen über den Einsatz bestimmter CDR-Technologien treffen können, müssen sie diese in ihren spezifischen Eigenschaften verstehen und mit ihrer Strategie in Einklang bringen. Nur so werden ihre Potenziale und Grenzen deutlich und nur so lassen sich wirksame CDR-Portfolios gestalten.
Besteht die Gefahr, dass Unternehmen CDR als Abkürzung nutzen, statt ihre Geschäftsmodelle wirklich zu transformieren?
Ohne klare Leitplanken können CDR-Strategien auf Kosten anderer Nachhaltigkeitsziele wirken oder ihre Klimawirkung verfehlen. Unser neuer CDR-Kompass schafft Orientierung für Unternehmen, um die strategische Verankerung und Entwicklung eines Portfolios im Sinne eines wirksamen und verantwortungsvollen Klimaschutzes auszurichten. Dafür sind vor allem drei zentrale Elemente entscheidend:
Strategische Verankerung: CDR darf kein Ersatz für verfehlte Reduktionsziele sein. Emissionsreduktion und CO2-Entnahme müssen streng getrennt bleiben. CDR sollte daher ausschließlich für Residualemissionen genutzt werden, deren Höhe aus wissenschaftsbasierten Reduktionspfaden abgeleitet werden. Unternehmen, die CDR strategisch als Ersatz für verfehlte Reduktionsziele verstehen, verlieren Glaubwürdigkeit. Beide Elemente dürfen weder gegeneinander ausgespielt noch direkt miteinander verrechnet werden.
Technologischer Fit: Die Technologieauswahl sollte an die spezifischen Anforderungen der jeweiligen strategischen Rollen in der Klimastrategie angepasst sein. Für die Neutralisierung ist beispielsweise die Speicherdauer ein entscheidendes Kriterium. Da Lösungen mit höher Speicherdauer derzeit teurer sind als solche mit geringer Speicherdauer - wie etwa die Aufforstung -, besteht hier ein Fehlanreiz für weniger dauerhafte Optionen und ein Risiko für die tatsächliche Klimawirkung.
Integrität der Projekte: Die Qualität der Projekte entscheidet am Ende über den echten Klimanutzen. Viele CDR-Technologien basieren auf endlichen Ressourcen wie Biomasse, Flächen oder erneuerbaren Energien und bergen daher in der großflächigen Anwendung Zielkonflikte und Risiken. Um die Integrität zu gewährleisten und ökologische und soziale Risiken zu minimieren, müssen klare Schutzmaßnahmen und Leitplanken gelten. Zudem sollten Unternehmen offenlegen, welche Technologien, Anbieter und Qualitätsstandards sie nutzen.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Vorstände, Investor:innen und politische Entscheider:innen?
Eine erfolgreiche Klimastrategie erkennt an, dass nachhaltige CO2-Entnahmen eine knappe Ressource bleiben. Die Integration in eine zukunftsfeste Transitionsplanung minimiert daher die Abhängigkeit von CDR durch tiefgreifende und wissenschaftsbasierte Emissionsreduktion. Nur so bleiben Integrität und die begrenzten Kapazitäten für die tatsächlich unvermeidbaren Residualemissionen gewahrt. Durch diese konsequente Priorisierung der Reduktion wird CDR für Unternehmen zu einem glaubwürdigen und wirksamen Instrument auf dem Weg zu Net Zero. Der CDR-Kompass des WWF schafft dabei Orientierung und befähigt Unternehmen, CDR strategisch in ihre Transitionsplanung zu integrieren und umzusetzen.
Benjamin Kottmeyer ist Experte für unternehmerische Klimastrategien beim WWF Deutschland und Leitautor des CDR-Kompasses des WWF. Durch seinen Hintergrund des Studiums der Nachhaltigkeitswissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg verbindet er fundierte Expertise mit den Perspektiven von Zivilgesellschaft und Unternehmen.
Naturbasierte vs. technische Verfahren - was ist besser geeignet für CDR?
CDR-Technologien lassen sich u. a. nach der Dauer der Speicherung unterscheiden.
Naturbasierte Verfahren wie die (Wieder-)Aufforstung, die Wiedervernässung von Mooren oder die Kohlenstoffanreicherung in landwirtschaftlichen Böden sind aufgrund ihrer begrenzten Dauerhaftigkeit nicht geeignet, um unvermeidbare Residualemissionen permanent zu neutralisieren. Waldbrände, Schädlingsbefall oder veränderte Landnutzung können das gespeicherte CO2 schnell wieder in die Atmosphäre freisetzen. Diese Verfahren sind aber heute bereits verfügbar, vergleichsweise kostengünstig und bieten wertvolle Synergien für den Erhalt der biologischen Vielfalt, den Wasserhaushalt oder die Klimaanpassung und damit den Erhalt unserer Lebensgrundlage.
Für eine Speicherung über mehrere Jahrhunderte bis Jahrtausende rücken technische Verfahren wie die direkte CO2-Abscheidung aus der Luft mit geologischer Speicherung (DACCS) oder die Gewinnung von Bioenergie mit CO2-Abscheidung und geologischer Speicherung (BECCS) in den Fokus. Sie lagern das CO2 in tiefen geologischen Schichten ein, wo es weniger störungsanfällig ist. Da sich diese Technologien jedoch noch in der Entwicklung befinden, sind sie aktuell nicht flächendeckend verfügbar. Einer Skalierung stehen bislang ungelöste Infrastrukturfragen, hohe Kosten und ein enormer Ressourcenbedarf (z. B. an nachhaltiger Biomasse und erneuerbaren Energien) im Weg.
Unternehmen können beide Ansätze gezielt miteinander verbinden, immer in Abhängigkeit von der strategischen Rolle, die die CO2-Entnahme in ihren Transitionsplänen spielt. Naturbasierte Lösungen liefern wichtige ökologische Zusatznutzen und lassen sich u. a. in landbasierten Wertschöpfungsketten auf separate FLAG-Klimaziele (Forestry, Land and Agriculture) anrechnen. Dauerhafte technische Verfahren wiederum sind unverzichtbar, um die langfristige Neutralisierung unvermeidbarer Residualemissionen im Rahmen des Net-Zero-Ziels zu sichern und benötigen heute Förderung, um Skalierungshürden abzubauen.
Quelle: WWF Deutschland
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