Johanna Schwarz
Wirtschaft | CSR & Strategie, 01.09.2025
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Im Gespräch mit Prof. Dr. Martin Schmidt über aktuelle EU-weite CSR-Entwicklungen
Die EU rudert zurück – zumindest was zentrale Regulierungen zur Nachhaltigkeit betrifft. Ziel sei der Bürokratieabbau. Doch die grundlegenden Probleme bleiben ungelöst.
Sowohl die Budapest-Erklärung als auch das Omnibus-Paket signalisieren eine deutliche Kursänderung: weniger Berichtspflichten, weniger Unternehmen im Anwendungsbereich der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Die dahinterliegenden Probleme werden durch die Aufschiebung jedoch nicht gelöst. Warum also diese politische Kehrtwende? Und wie sollten Unternehmen damit umgehen? Dazu haben wir mit Prof. Dr. Martin Schmidt, Professor für Internationale Rechnungslegung an der ESCP Business School Berlin, gesprochen.
Herr Schmidt, wie bewerten Sie die Auswirkungen der Budapest-Erklärung und des EU-Omnibus-Pakets auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung in Europa?
Das Ziel des Bürokratieabbaus ist sinnvoll – gerade angesichts wachsender regulatorischer Anforderungen. Allerdings ist es bemerkenswert, dass man ausgerechnet bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung ansetzt. Hier wurden die Vorgaben – insbesondere durch die CSRD – erst vor Kurzem eingeführt. Viele Unternehmen haben die neuen Regeln noch gar nicht erstmalig anwenden müssen. Wenn jetzt der Anwendungsbereich der CSRD, wie vom EU-Rat im Juni beschlossen, um mehr als 75 Prozent reduziert wird, ist das ein gewaltiger Einschnitt. Diese Zahl nennt etwa der europäische Wirtschaftsprüferverband Accountancy Europe. Damit würden weniger Unternehmen zur Berichterstattung verpflichtet sein als noch vor Einführung der CSRD – ein deutlicher Rückschritt.
Gleichzeitig will die EU formal am Ziel einer nachhaltigen Wirtschaft festhalten. Das passt aber nicht zusammen: Der Green Deal, die EU-Taxonomie und die Sustainable-Finance-Strategie setzen alle auf das Prinzip, dass Kapital gezielt in nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten gelenkt werden soll. Dafür braucht es aber valide und vergleichbare Informationen, welche Unternehmen und welche Aktivitäten wie nachhaltig sind. Wenn diese fehlen, fehlt auch der zentrale Hebel, um die Wirtschaft auf Nachhaltigkeit umzusteuern.
Sind die gesetzlichen Änderungen nicht auch eine notwendige Entlastung für Unternehmen?
Kurzfristig, ja – langfristig, nein. Die Kritik an zu viel Bürokratie ist in Teilen berechtigt – aber es gäbe andere Möglichkeiten, Unternehmen zu entlasten, ohne gleich die Berichtspflichten pauschal zurückzuschrauben. Man könnte z.B.
- die verschiedenen Regelungen besser aufeinander abstimmen,
- Detailanforderungen für große Unternehmen reduzieren und
- passende, einfachere Standards für kleinere Unternehmen entwickeln.
Die Berichterstattung verursacht zwar Kosten – zum Teil erhebliche –, aber man darf dabei nicht nur aus Sicht des einzelnen Unternehmens denken. Es geht um gesamtgesellschaftliche Ziele: Klimaschutz, Biodiversität, faire Arbeitsbedingungen. Der Nutzen einer nachhaltigen Wirtschaft liegt im Interesse künftiger Generationen – und ist auch heute schon relevant, wenn z.B. externe Umweltkosten vermieden werden.
„Externe Umweltkosten verschwinden nicht, nur weil Unternehmen darüber nicht berichten müssen. Ohne Transparenz werden sie bloß unsichtbar gemacht – nicht gelöst.”
Was meinen Sie mit externen Kosten in diesem Zusammenhang?
Das sind Folgekosten, die nicht das Unternehmen selbst, sondern die Gesellschaft trägt. Denken Sie an die Landwirtschaft: Wenn durch Pestizide Insekten sterben, beeinflusst das die Bestäubung von Pflanzen – das kann Lebensmittel teurer machen. Oder wenn Nitrat durch Düngung ins Grundwasser gelangt, steigen die Kosten für die Trinkwasseraufbereitung. Diese Effekte verschwinden ja nicht, nur weil Unternehmen darüber nicht berichten müssen. Ohne Transparenz werden sie bloß unsichtbar gemacht – nicht gelöst. Eine gute Berichterstattung kann hier einen Beitrag leisten, weil sie solche Wirkungen sichtbar und damit diskutierbar macht.
Viele Unternehmen haben viel in die Nachhaltigkeitsberichterstattung investiert. Wie sollen sie jetzt mit der Unsicherheit umgehen?
Das ist für viele Unternehmen in der Tat bitter. Sie haben in den letzten Jahren Kapazitäten aufgebaut, neue Prozesse eingeführt, Softwarelösungen angeschafft – und jetzt wird signalisiert: Vielleicht brauchen wir das alles doch nicht. Ich kann den Frust gut verstehen. Trotzdem rate ich Unternehmen, den eingeschlagenen Weg nicht sofort zu verlassen. Die weltweite Entwicklung spricht klar für resiliente, CO2-arme und ressourceneffiziente Geschäftsmodelle. Auch Kunden und Mitarbeitende erwarten zunehmend Nachhaltigkeit. Und Banken – etwa unter dem Einfluss der EBA-Leitlinien – benötigen ebenfalls entsprechende Informationen über ihre Kreditnehmer.
Wird freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung an Bedeutung gewinnen?
Davon gehe ich aus. Viele Unternehmen haben längst erkannt, dass Transparenz kein Selbstzweck ist. Wer glaubwürdig und nachvollziehbar über seine Nachhaltigkeitsstrategie berichtet, schafft Vertrauen – bei Kunden, Partnern, Mitarbeitenden und Investoren.
Und auch aus rein wirtschaftlicher Sicht kann freiwillige Berichterstattung sinnvoll sein: Investoren brauchen Informationen, um Risiken einzuschätzen – etwa CO2-Preise oder Lieferkettenprobleme. Wenn bestimmte Rohstoffe knapp werden, weil sie umweltschädlich oder sozial bedenklich gefördert werden, ist das ein Risiko für die Produktion – und damit für die Kapitalanlage.
Steigt dadurch auch die Gefahr von Greenwashing?
Greenwashing war schon immer ein Problem – und das Risiko steigt, wenn verpflichtende Standards wegfallen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Unternehmen sich an etablierte Rahmenwerke halten – und idealerweise eine externe Prüfung durchführen lassen, auch bei freiwilliger Berichterstattung.
Wenn ein Unternehmen ein international anerkanntes Rahmenwerk konsequent anwendet und prüfen lässt, signalisiert es Ernsthaftigkeit. Es wird also noch mehr darauf ankommen, wie genau Stakeholder hinsehen – sei es bei Banken, Investoren, Mitarbeitenden oder der Öffentlichkeit.
„Mittelständische Unternehmen sollten flexibel bleiben und pragmatisch priorisieren. Wer heute über Nachhaltigkeit nachdenkt, handelt zukunftsorientiert – ganz unabhängig davon, ob gerade eine Berichtspflicht gilt.”
Was raten Sie Unternehmen strategisch – gerade angesichts der unsicheren regulatorischen Entwicklung?
Erstens: Entwicklungen auf europäischer Ebene aufmerksam verfolgen – und sich möglichst aktiv einbringen.
Zweitens: den Austausch mit den eigenen Stakeholdern pflegen. Die zentrale Frage bleibt: Welche Informationen werden von Banken, Investoren, Kunden oder Mitarbeitenden erwartet?
Und drittens: strategisch am Ball bleiben. Auch wenn sich die politische Großwetterlage gerade dreht – das kann sich auch wieder ändern. Die Geschwindigkeit, mit der sich die EU-Kommission unter Frau von der Leyen von ihrer ursprünglichen Nachhaltigkeitsagenda entfernt hat, war bemerkenswert. Aber politische Mehrheiten sind nicht statisch. Das Pendel kann zurückschwingen – gerade, wenn die Folgen des Klimawandels für viele Menschen im Alltag spürbar und finanziell belastend werden.
Was empfehlen Sie mittelständischen Unternehmen, die gerade erst mit CSRD und ESRS starten?
Einerseits: durchhalten. Mittelständler sind oft näher an ihren Kunden, Lieferanten und Beschäftigten dran. Sie können gut abschätzen, was wirklich gefordert wird – auch ohne regulatorischen Zwang.
Andererseits: flexibel bleiben und pragmatisch priorisieren. Wer heute über Nachhaltigkeit nachdenkt, handelt zukunftsorientiert – ganz unabhängig davon, ob gerade eine Berichtspflicht gilt.
Wird sich Ihrer Einschätzung nach Nachhaltigkeitsberichterstattung auf EU-Ebene mittelfristig stabilisieren – oder bleiben wir im Krisenmodus?
Das ist schwer vorherzusagen. Es hängt von vielen Faktoren ab: Welchen Stellenwert haben Umweltschutz, Klimawandel und Nachhaltigkeit bei konservativen Parteien? Wie stark ist der Einfluss rechter Parteien in Europa? Welche geopolitischen Prioritäten setzen China und Indien? Wer folgt nach Trump?
Und nicht zuletzt: Wie sichtbar und spürbar wird der Klimawandel für die Menschen in Europa? Wenn Extremwetterlagen häufiger und teurer werden, wenn z.B. Ernten ausfallen oder Küstenstädte überflutet werden, wird auch das politische Klima wieder kippen. Der Druck wird steigen, nachhaltiger zu wirtschaften – und wieder verbindlicher zu berichten.
Danke für das Gespräch, Herr Schmidt!
Prof. Dr. Martin Schmidt ist Professor für Internationale Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der ESCP Business School Berlin. Er leitet dort den Lehrstuhl für Internationale Rechnungslegung und beschäftigt sich insbesondere mit der Rolle von Nachhaltigkeit in der Unternehmensberichterstattung.
Johanna Schwarz ist Redakteurin bei forum; ihre inhaltlichen Schwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Kreislaufwirtschaft, ESG & Lieferketten, Bodenschutz, Gesellschaft & Politik sowie zukunftsorientierte Lösungsansätze.
Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.
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