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Bernhard Hauke

Das nachhaltigste Gebäude steht schon

Kommentar zum Thema zirkuläres Bauen von Bernhard Hauke, Herausgeber der Fachzeitschrift nbau

Wer früher einen Fahrradschlauch flickte, einen Tisch abschliff oder Kleidung reparierte, handelte selbstverständlich nach einem einfachen Prinzip: erhalten statt ersetzen. Heute entdecken wir dieses Prinzip als Zukunftsmodell wieder, insbesondere im Bausektor. Denn beim Bauen haben wir über Jahrzehnte verlernt, den Wert des Vorhandenen zu schätzen. Zu oft wird abgerissen, was weiter genutzt werden könnte. Dabei sind Gebäude weit mehr als Bauwerke aus Beton, Stahl oder Holz. Sie sind Rohstofflager, Kapitalanlagen und Teil unserer gesellschaftlichen Infrastruktur.
 
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Die Bauwirtschaft steht vor einem Paradigmenwechsel. Das traditionelle Modell bauen, nutzen, entsorgen stößt an seine ökologischen und ökonomischen Grenzen. Klimawandel, Ressourcenknappheit, steigende Rohstoffpreise und geopolitische Unsicherheiten machen deutlich: Nachhaltiges Wirtschaften beginnt mit einem verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen, die bereits vorhanden sind.

Genau hier setzt das Konzept des zirkulären Bauens an. Gebäude und Baustoffe werden nicht mehr als Verbrauchsgüter betrachtet, sondern als Werte, die möglichst lange erhalten und im Kreislauf geführt werden. Materialien sollen nach ihrer Nutzung wiederverwendet oder hochwertig recycelt werden können. Im Idealfall werden Bauwerke bereits so geplant, dass ihre Bestandteile später sortenrein zurückgebaut und erneut eingesetzt werden können. Aus Abfall wird ein Rohstoff, aus einer linearen eine zirkuläre Wertschöpfung.

Für Unternehmen eröffnet dieser Ansatz weit mehr als ökologische Vorteile. Wer Ressourcen im Kreislauf hält, reduziert die Abhängigkeit von volatilen Rohstoffmärkten und globalen Lieferketten. Zirkuläres Bauen wird damit zu einem wichtigen Baustein unternehmerischer Resilienz. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit treten nicht länger als Gegensätze auf, sondern verstärken sich gegenseitig.

Besonders deutlich wird dies beim Blick auf den Gebäudebestand. Die größte Nachhaltigkeitsreserve liegt häufig nicht im Neubau, sondern in den bereits vorhandenen Gebäuden. Jede erhaltene Konstruktion spart Rohstoffe, Energie und Emissionen. Umbauten, Umnutzungen, Aufstockungen und Sanierungen gewinnen deshalb zunehmend an Bedeutung. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Was können wir neu bauen? Sondern: Was können wir erhalten, weiterentwickeln und intelligent nutzen?

Damit verändert sich auch die Rolle aller Akteure entlang der Wertschöpfungskette. Investoren, Projektentwickler, Planer, Bauunternehmen und Gebäudebetreiber müssen Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg betrachten. Aspekte wie Langlebigkeit, Anpassungsfähigkeit, Reparierbarkeit und Rückbaubarkeit werden zu zentralen Qualitätsmerkmalen. Wer heute plant und baut, gestaltet die Rohstoffbasis von morgen.

Bernhard Hauke © Stefan Hähnel Die Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft im Bauwesen erfordert neue Kompetenzen, digitale Werkzeuge und einen Kulturwandel. Lebenszyklusdenken und datenbasierte Gebäudedokumentationen werden dabei ebenso wichtig wie innovative Geschäftsmodelle für Wiederverwendung und Rücknahme von Baustoffen.

Gleichzeitig bietet kaum eine andere Branche ein vergleichbares Potenzial, einen Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen zu leisten. Gebäude prägen unseren Ressourcenverbrauch über Jahrzehnte hinweg. Wer ihre Planung und Nutzung neu denkt, kann Emissionen reduzieren, Wertschöpfung sichern und Lebensräume nachhaltiger gestalten.

Das nachhaltigste Gebäude ist deshalb oft nicht dasjenige, das gerade geplant wird. Es ist das Gebäude, das bereits existiert und intelligent weitergenutzt werden kann. Die Zukunft des Bauens liegt nicht im Verbrauch von Ressourcen, sondern in ihrem Erhalt. Und genau darin liegt eine der größten Chancen für nachhaltiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert.
 
Hinweis der Redaktion: forum erstellt aktuell eine Sonderausgabe "Zirkuläres Bauen". Akteure aus der Bauwirtschaft sind herzlich zur Mitwirkung eingeladen!  

Prof. Dr. Bernhard Hauke ist Editorial Director beim Verlag Ernst & Sohn, Herausgeber der Fachzeitschrift nbau. Nachhaltig Bauen sowie Hochschullehrer an der IU Hamburg.


     
        
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