Jürgen Megow
Wirtschaft | Branchen & Verbände, 25.05.2026
Klimaresilient wirtschaften
Wie Normen und Standards helfen, gesetzliche Klimaanforderungen umzusetzen
Die 1,5-Grad-Marke ist überschritten – die Folgen für Wirtschaft und Infrastruktur sind massiv. Um Schäden in Billionenhöhe zu vermeiden, braucht es mehr als Klimaschutz: Unternehmen müssen jetzt klimafest werden. Normen und Standards bieten dafür konkrete Werkzeuge – und stärken die Wettbewerbsfähigkeit im Wandel.
Anfang 2025 erklärte der Klimawandeldienst Copernicus 2024 zum wärmsten Jahr seit 1850. Erstmals überschritt die globale Durchschnittstemperatur die 1,5-Grad-Marke. Hitzewellen und Regenfälle brachten weltweit Menschen in Not. Laut einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung („The economic commitment of climate change") verursachen die Folgen des Klimawandels weltweit jährlich Schäden von 38 Billionen US-Dollar. Die Zahl verdeutlicht Handlungsbedarf: Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich anpassen, um hohe Folgekosten zu vermeiden. Normung und Standardisierung spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Weichen stellen für die Zukunft
Das Klimaanpassungsgesetz (KAnG), das seit dem 1. Juli 2024 gilt, bildet die Grundlage für die Klimaanpassungsstrategie. Im Zentrum stehen klare Verpflichtungen: Die Bundesregierung muss eine umfassende Klimaanpassungsstrategie mit überprüfbaren Zielen entwickeln und regelmäßig aktualisieren. Auch die Bundesländer sind angehalten, eigenständige Pläne zu erarbeiten und umzusetzen.
Ziel ist es, kritische Infrastrukturen wie Energie- und Wassernetze so zu stärken, dass sie gegen klimatische Extremereignisse gewappnet sind – heute und in Zukunft. Wesentlich für die Umsetzung dieser Maßnahmen sind technische Mindeststandards, die in Normen und Regelwerken festgeschrieben werden. Das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) arbeitet gemeinsam mit Fachleuten daran, Klimaanpassung systematisch in die Normungsprozesse zu integrieren.
„Extremwetterereignisse nehmen zu, Klimaresilienz wird zum Muss – Normen und Standards liefern das Handwerkszeug, um Gesetze greifbar zu machen und bei der Klimaanpassung nicht im Regen zu stehen.”
So helfen Normen bei Klimaanpassungen
DIN, die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) und der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) haben ein Konzept zur Unterstützung der deutschen Anpassungsstrategie erarbeitet, das durch Pilotprojekte wie im Bereich Wasserbau erprobt wird. Normen und Standards definieren Anforderungen, zum Beispiel zur Widerstandsfähigkeit von Infrastrukturen, zu Prüfmethoden oder zur Berücksichtigung klimatischer Einflüsse. Ein Beispiel ist die „Schwammstadt", die Wasser speichert und Überschwemmungen verhindert. Damit solche Konzepte umgesetzt werden können, müssen bestehende Normen für Abwasserleitungen angepasst werden.
Auch extreme Temperaturen machen Änderungen in Normen notwendig, etwa bei DIN V 18599-10 zur energetischen Bewertung von Gebäuden oder bei Vorgaben zum Hitzeschutz. Welche Normen aktualisiert werden müssen, entscheidet sich in den Normungsgremien. DIN hat eine Klima-Toolbox entwickelt, mit der Expertinnen und Experten schnell prüfen können, ob Normen durch den Klimawandel beeinflusst werden. Die Toolbox ermöglicht zudem eine systematische Überprüfung aller Normen auf ihre Relevanz für Klimaschutz und Klimaanpassung.
Widerstandskraft als Wettbewerbsfaktor
Unternehmen, die gemäß ESRS E1 (European Sustainability Reporting Standard) berichtspflichtig sind, müssen Risiken und Chancen im Zusammenhang mit dem Klimawandel offenlegen. Normen und Standards bilden dabei die Grundlage für eine vergleichbare, zuverlässige und transparente Berichterstattung. Hier liefert die DIN EN ISO 14064-1 Anleitungen, um Treibhausgasemissionen zu ermitteln und unterstützt bei der zugehörigen Berichterstattung. Und Normen wie DIN ISO 31000 zum Thema Risikomanagement helfen Unternehmen auch bei der Analyse von Klimarisiken und Chancen. Das heißt: Normen und Standards reduzieren den Aufwand für die Entwicklung eigener Methoden, erhöhen die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung und tragen zu einer besseren Vergleichbarkeit auch auf internationaler Ebene bei.
Dr. Jörg Megow ist promovierter Physiker und beim Deutschen Institut für Normung (DIN) Projektkoordinator Climate Action. Die von ihm koordinierte DIN-Aktionsgruppe Klima hat die Aufgabe, Fachgremien in die Lage zu versetzen, Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel und zirkuläre Konzepte in ihrer Normungsarbeit zu berücksichtigen
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
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