Ungewöhnliche Architektur mit "gewöhnlichen" Baustoffen

Dieses Haus von "Herzetappe 10" lebt Ökologie in Reinkultur

Lead – Mondholz, Schafswolle und Lehm– dieses Bauprojekt unterscheidet sich so drastisch von anderen, wie der Mainstream die Nachhaltigkeit propagiert. Dieses Haus lebt Ökologie in Reinkultur.
 
Inzwischen sind die Baugerüste entfernt worden. Das Haus ist ab Frühling 2025 einzugsbereit. Es werden noch weitere Mitbewohner*innen gesucht. © Marc Wischnitzky
Nachhaltigkeit ist ein grosses Wort. Mittlerweile wird es so oft verwendet, dass die Bedeutung, die hinter diesem eigentlich so wichtigen Wort steht, erwartungsgemäss doch gerne etwas verloren geht. Nachhaltigkeit kennt viele Bereiche und Formen. Vor allem kann nicht nur nachhaltig gewirtschaftet, sondern auch nachhaltig gebaut werden. 

Ein Paradebeispiel für diese Umsetzung ist ein 250 Jahre altes, ehemaliges Zürcher Bauernhaus in einem abgelegenen Weiler mitten in der Natur im Kanton Zürich, das von der Genossenschaft "Herzetappe 10" über eine längere Bauzeit auf ökologische Weise renoviert wurde. Gut Ding will eben Weile haben. In der heutigen Baubranche ist Zeit allerdings ein Fremd- wenn nicht gar ein Unwort. Eher lautet die Devise: schnell, schneller, noch höher, noch verdichteter. Doch genau diesem Trend trotzt die «Herzetappe 10» im Bewusstsein, dafür mit vielen anderen, wichtigeren Faktoren zu punkten. Die Prämisse: von der Natur zurück zur Natur. 

Das Leitbild der Genossenschaft umfasst die Gesichtspunkte:
  • Essraum der Herzetappe 10© Marc WischnitzkyVerbindliches Gemeinwohl kultivieren
  • Mehrgenerationen wohnen – Gemeinschaft leben
  • Sinnorientiert im Einklang mit der Natur wirtschaften
  • Vorhandene Ressourcen in Gemeinwohl-Projekte lenken
  • Individualität des Menschen als Teil des Kollektivs in ihrer Entwicklung fördern
  • Lokale Vernetzung und Wege stärken
Kompostierbarer Ausbau
Nach der Vision des mittlerweile und viel zu jung verstorbenen Architekten Thomas Furter entstand ein praktisch kompostierbares Haus. Das heisst, dass die verwendeten Materialien am Ende ihrer Lebenszeit wieder vollständig in die Natur integrierbar bleiben. Durch das inzwischen abgeschlossene Projekt ist demnach ein uraltes Haus mit einer völlig neuen Oberfläche entstanden, welche mit dem Kreislauf der Natur und Zeit Schritt hält. 

© Marc WischnitzkyMöglich war diese Umsetzung vorwiegend durch entsprechend gewählte Montage- und Handwerkstechniken. So wurde für das Konstruktionsholz, Fenster, Täfer, Bolzenden, Treppe, unter Berücksichtigung des forstwirtschaftlichen Mondkalenders geschlagenes Mondholz verwendet (link). Die Innenwände wurden mit einer Schicht Holzfasern, Hanf, Schafswolle isoliert und mit Lehm verputzt. Hinzu kamen Kalk-, Öl- und Silikatfarben. Die alten Fenstergewände aus Sandstein aus dem nahegelegenen Obersee sind durch neue ersetzt, geben dem Haus einen sichtlich kraftvollen Ausdruck. 

Doch speziell das Innenleben des Hauses sollte nicht nur mittels natürlicher Baustoffe der Wohnnutzung und dem optisch angenehmen Wohngefühl dienen, sondern hatte zusätzlich einen völlig anderen Aspekt zu erfüllen.

Gesunder Kreislauf ohne Strahlung
© Marc WischnitzkyDas Haus ist so konzipiert, dass es auch für Menschen mit Elektrosensibilität bewohnbar ist. Das heisst, dass alle Kabel abgeschirmt sind und keinerlei Strahlung inklusive Mobilfunk messbar ist. Das Internet verteilt sich in alle Wohneinheiten via Kabel, so dass es keine Installation von W-Lan-Routern bedurfte.

Die Projektleitung spricht von einer elektrobiologischen Wohnsituation. Der Schwerpunkt lag auf den einzelnen Wohneinheiten der Mieter, wofür mit Hilfe eines verlegten Erdungsbandes für eine optimale Abschirmung gesorgt ist. 

Auch der Abfall bzw die graue Energie ist ein wichtiges Thema. Der Umbau verursachte nur wenig zu entsorgendes Material. Aus diesem Grund wird zurzeit auf den Einbau einer Photovoltaikanlage verzichtet.

Populäre Normabweichung
Wer solche Projekte verwirklicht, gerät gewollt oder ungewollt früher oder später ins Rampenlicht. So wurde auch das Schweizer Fernsehen (SRF) im letzten Jahr auf die "Herzetappe 10" aufmerksam und widmete ihr einen Beitrag, in dem Thomas Furter noch zu Wort kam. Darüber hinaus bezeichnete man die Genossenschaft an anderer Stelle als Ganzes sogar als "Leuchtturmprojekt". 

Mittlerweile ist durch persönliche Beziehungen nach Griechenland gar ein Wissensaustausch entstanden, der künftig seine Wellen schlagen könnte: Eine Gruppe von Architekturstudenten und deren Professor reisten eigens für eine Besichtigung des ehemaligen Doppelbauernhauses an und legten beim letzten Schliff vor Beendigung des Projekts Hand an. Geblieben sind einzigartige Ornamente, welche einzelne Innenwände des Hauses zieren. Eine grössere Tragweite als die verzierenden Elemente könnte das nach Griechenland getragene Wissen der gesamten Baukunst haben, das fortan an der Universität für Architektur vermittelt wird. 

Von Luca Da Rugna
 
 
Lesen Sie dazu auf forum auch die ausführliche Meldung

Gemeinsame Selbsthilfe
Die Genossenschaft Herzetappe 10 setzt im Zusammenhang mit Architektur auf gemeinsame Selbsthilfe, wodurch Mitwirkung entstehen soll. So werden künftige Bewohner von renovierten Gebäuden am Bauprozess beteiligt. Dabei wird mit naturbelassenen Baustoffen gearbeitet, die keine Kosten für spätere Generationen verursachen. Wer künftig in dieser Wohngemeinschaft leben möchte, kann sich als Genossenschafter unter www.herzetappe10.ch möglichst zeitnah bewerben.


     
        
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