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Wieviel sozialer Sprengstoff steckt im Thema Impfen?

Christoph Quarch fordert dazu auf, die faktischen Ungerechtigkeiten, die im Zuge der Impfpolitik entstanden sind, beim Namen zu nennen.

Ein Drittel aller Deutschen hat bisher wenigstens eine Corona-Impfung erhalten, knapp ein Zehntel genießt den vollen Impfschutz. Die dritte Welle scheint gebrochen und trotzdem kommen die Debatten rund ums Thema Impfen nicht zur Ruhe. Diese Woche meldete der Patientenschutzbund, dass immer mehr Menschen versuchen, die Impfreihenfolge zum umgehen und zunehmend aggressiv gegenüber Impfzentren auftreten. Die Sorge geht um, dass es zu Verwerfungen in der Gesellschaft kommt. Fragen wir unseren Philosophen:

© Wilfried Pohnke, pixabay.com 
Herr Quarch, wieviel sozialer Sprengstoff steckt nach Ihrem Eindruck im Thema Impfen?
Ich nehme eine gehörige Brisanz war. Bedenken Sie nur, was wir derzeit an neuen Worten lernen müssen: Impfbetrüger, Impfschummler, Impfdrängler – aber auch Impfneider, Impfgegner oder Impfverweigerer. Was mich besorgt, ist wieviel Emotionalität und moralische Wertung in diesen Worten mitschwingt. Es ist, als ob sich am Impfverhalten der Menschen entscheidet, ob sie gut oder böse sind. Ja, man hat zunehmend den Eindruck, dass Geimpfte sich gegenüber Nichtgeimpften als höherwertig betrachten. Ich höre jedenfalls seit einiger Zeit die halb vorwurfsvolle, halb mitleidige Frage: „Wie, du bist noch nicht geimpft?" Und ich höre darin den stillen Vorwurf, entweder blöd zu sein, weil ich es nicht geschafft habe, mich vorzudrängeln, oder asozial, weil ich mich womöglich gar nicht impfen lassen will. So etwas birgt sozialen Sprengstoff.

Aber das kann doch einfach nur gut gemeint sein, weil die Leute, die so etwas fragen, hoffen, dass Sie auch bald in den Genuss einer Impfung kommen?
Klar, aber gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Denn auf diese Weise, werden solche Phänomene wie Impfneid oder Impfschummeleien getriggert. Viel besser wäre es, den Tatsachen ins Auge zu sehen und die faktischen Ungerechtigkeiten, die im Zuge der Impfpolitik entstanden sind, beim Namen zu nennen. Beispiel: Ein jugendliches Paar möchte eine kleine Flucht in ein ausländisches Nicht-Risiko-Land antreten – was nicht verboten ist. Sie ist (warum auch immer) bereits geimpft, er nicht. Sie kann problemlos reisen, er braucht einen PCR-Test bei der Ausreise und einen Antigen-Test vor der Einreise. Für ihn wird die Sache deutlich teurer. Das findet er ungerecht. Er ist nicht neidisch auf sie, aber natürlich versucht auch er, durch Connections oder wie auch immer dieselben Privilegien zu bekommen. Ist er deshalb böse? Nein, er tut genau das, was alle von ihm wollen: Er versucht, so schnell wie möglich geimpft zu werden.

Verstößt aber dabei doch gegen die Regeln!
Was aber nicht gegen ihn spricht, sondern gegen die Regeln – bzw. gegen eine Politik und mediale Öffentlichkeit, die seit Monaten einerseits die Angst vor Covid schürt und andererseits die Impfung als den rettenden Ausweg anpreist; und nun auch noch Geimpfte privilegiert – aus rechtlich verständlichen Gründen, aber trotzdem politisch ungeschickt, weil auf diese Weise Impfschummelei und Impfneid zusätzlich angeheizt werden. Wobei – ich muss es nochmal sagen – durch diese Begriffe das eigentliche soziale Problem verschleiert wird: Einzelnen wird moralisches Fehlverhalten vorgeworfen, wo Politik und Medien die wahrer Verursacher einer nicht nur gefühlten, sondern auch faktischen sozialen Schieflage sind. 

Aber ist diese Schieflage nicht unvermeidbar. Man kann nun mal nicht alle gleichzeitig impfen – und die Impfpläne sind ja längst bekannt.
Ganz kann man sie nicht vermeiden, aber abschwächen könnte man sie schon. Zum Einen ganz praktisch. Ich komme noch mal auf mein Beispiel zurück. Es kann nicht sein, dass Noch-Nicht-Geimpfte nicht nur auf Privilegien verzichten müssen, sondern da, wo sie durch Covid-Tests mitziehen könnten, finanziell belastet werden. Deshalb: Wer Impfprivilegien verteilt, muss alle Testungen kostenfrei machen. Das wäre ein kleiner aber wichtiger Schritt. Das andere: Es wird Zeit, dass Regierung und Medien unmissverständlich deutlich machen, dass auch Nicht-Geimpfte vollgültige Mitglieder der Gesellschaft sind – egal, ob sie durch den Fluch der späten Geburt noch lange auf vollständigen Impfschutz warten müssen oder sich aus egal welchen Gründen nicht impfen lassen wollen. Alle Moralisierung und Emotionalisierung müssen sofort aus der Impfthematik verschwinden. Was wir endlich, endlich, endlich brauchen, sind pragmatische und effiziente Maßnahmen. Sonst hört das Impfchaos nicht mehr auf.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Kann ich? Darf ich? Soll ich?  Philosophische Antworten auf alltägliche Fragen" geht's um Fragen wie diese: Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! 
Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben. 

Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-QuarchLesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
 
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".


     
        
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