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„Bio muss unser gemeinsames Ziel werden“

Barbara Scheitz, Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Andechser Molkerei Scheitz GmbH, im forum-Interview

Weitere Einblicke in die Bio-Welt und andere Branchenpioniere finden Sie in forum Nachhaltig Wirtschaften 1/2021. Am besten gleich bestellen.
Die Andechser Molkerei – ein Pionier im Markt der ökologischen Lebensmittelerzeugung. forum Nachhaltig Wirtschaften spricht mit Geschäftsführerin Barbara Scheitz über die allgemeine Kritik am Milchkonsum, den Bio-Boom und die Zukunftspläne der größten rein ökologisch wirtschaftenden Bio-Molkerei. Außerdem haben wir erfahren, warum auch Indien, Vandana Shiva und die Kunst von Friedensreich Hundertwasser in der Produkt- und Markenentwicklung eine Rolle spielen - eine Langversion des Interviews aus der ersten Print-Ausgabe des Jahres.

Barbara Scheitz ist Gesellschafterin und Geschäftsführerin der erfolgreichen Bio-Molkerei Andechser. © Andechser Molkerei

Wie kam es, dass die Andechser Molkerei auf Bio umstellte und dies zu 100 Prozent? Gab es da einen konkreten Auslöser? 
Diese Entscheidung war eine Herzensangelegenheit, die volle Verwirklichung allerdings konnte nur im Zusammenwirken mit der steigenden Anzahl von Bio-Milchbauern und Bio-Milchkonsumenten erfolgen. Damals waren wir für die konventionelle Agrarwirtschaft eine "merkwürdige Minderheit" – heute fordern die Verbraucher durch ihre Nachfrage die Bio-Wende!

Sie haben den Betrieb von Ihrem Vater übernommen, während Ihr Bruder (natürlich Bio-) Bauer blieb. War das ursprünglich im Sinne auch Ihres Vaters?
Unsere Eltern haben offenbar unsere individuellen Interessen und Stärken ge­fördert, und das hat wohl auch dazu geführt, dass jeder von uns auf seinen Neigungsfeldern recht erfolgreich wurde. Mein Bruder beispielsweise hat durch sein Engagement beim Ausbau der Ziegenmilch bei der Andechser Molkerei dieses Marktsegment intensiv vorangetrieben.

Die Bio-Molkerei ist nicht nur in Deutschland, sondern in der EU Marktführer. Aber viele große Molkereien haben inzwischen eine Bio-Schiene. Wie sehen Sie die Zukunft für Ihr Unternehmen?
Natürlich positiv! Denn je größer der Bio-Milchmarkt wird, desto mehr Konsu­menten befördern die ökologische Landwirtschaft und desto mehr wird Bio-Top-Qualität nachgefragt – und das ist ja unsere Domäne!

Gibt es da auch globale Avancen? Etwa der chinesische bzw. asiatische Markt ?
Wir sollten uns erst einmal um unsere eigenen, regionalen Bereiche kümmern, außerdem muss uns bewusst sein, was an Umweltbelastungen mit dem globalen Handel verbunden ist. 

Der Milchkonsum wird auch durchaus kritisch betrachtet – welchen Einfluss hat das auf Ihre Wachstumspläne?
Von den etwa zwölf Millionen Rindern, die in Deutschland leben, gibt es etwa vier Millionen Milchkühe insgesamt, wovon bei uns in Bayern etwa über eine Million Milchkühe stehen... Nur vier Prozent davon sind Bio-Milchkühe. Und für die Andechser Molkerei arbeiten 550 Bio-Kuhmilchbauernhöfe mit insgesamt rund 22.500 Bio-Milchkühen. Auf den Punkt gebracht: Das Thema ist wichtig, wir müssen darüber Bescheid wissen, doch eine Problemlösung bei Bio-Milchkühen einzufordern, das sehe ich nicht.

Welche Rolle spielt die rasant wachsende Popularität von sogenannter „Ersatz"milch? Wird es den Andechser Haferdrink geben?
Nein.

Bio ist im Dauer-Boom, aber es gibt zunehmend die große Herausforderung, den Markt entsprechend zu entwickeln. So gibt es Annahmestopps bei den Molkereien, weil in der Milchpreiskrise „zu viele" Bäuerinnen und Bauern umstellen wollen. Wie sehen Sie hier die Perspektive?
Die Perspektive ist positiv! Immer mehr erkennen die Menschen, dass Konzerne und Großstrukturen sie nicht nur in anonyme Abhängigkeit ihrer eigenen existenziellen Lebensbedarfe bringen, sondern dass dadurch auch die Umwelt, ihre Region, ihre Heimat geschwächt werden können! Das hat auch die Politik erkannt: In der EU, in Deutschland werden viele Weichen in Richtung Bio-Ökonomie gestellt – und wenn wir da alle jetzt aufpassen und uns aktiv einbringen, dann können die regionalen Märkte wieder stark und widerstandsfähig werden: mit einer diversitär aufgestellten Bio-Wirtschaft mit vielen selbstständigen kleinen und mittleren Unternehmen, die sich miteinander vernetzen und somit ihre Region stabil und resilient machen!

Haben Sie Vorschläge für sinnvolle Absatzförderung? Macht zum Beispiel ein Bio-Schulmilch-Programm Sinn?
Jedes Schulprogramm, das den Kindern, ihren Lehrern und Eltern ökologische Gedanken und Projekte vermittelt, begrüße ich! Und damit natürlich auch ein Bio-Schulmilch-Programm – denn das befördert wiederum die ökologische Landwirtschaft.

Die Molkereibranche ist nach wie vor weitgehend von den Bauern bis zu den Molkereiunternehmern in Männerhand. Fühlen Sie sich da als Unternehmerin akzeptiert?
Ja – denn wenn manche Männer hinsichtlich der Thematik "Frauen als Unternehmerin" Vorurteile entwickelt hatten, war das für mich immer nur ein Teil einer Gesamtaufgabe, die ja immer gemeinsam zu bearbeiten war.

Sie haben zwei Kinder und damit Hoffnung auf Erhalt im Familienbetrieb? Immerhin engagiert sich die Tochter ja schon beim Marketing.
Wie damals in meiner Kindheit: In einem Familienunternehmen wächst man mit dem Thema auf! Natürlich haben beide im Unternehmen schon mitgearbeitet, haben Praktika geleistet, in der Schule, im Studium sich mit entsprechenden Facharbeiten beschäftigt. Wenn individuell ein Interesse aufkommt, wenn Talente dazu entwickelt werden können, dann wird man sehen.

Im indischen Bundesstaat Sikkim gibt es 100 Prozent Bio. Sie waren vor Ort. Ist das auch für uns hier in Deutschland und Europa denk- beziehungsweise machbar?
Seit einigen Jahren bin ich Mitglied des Bio-Ökonomierats Bayern, beschäftige mich also zum Thema zwischen dem Denkbaren, vielen Wunschvorstellungen und der Realität, also auch Shareholdern, die nur sich selbst verpflichtet sind. Wollen wir für uns, unsere Kinder und unsere Enkel eine lebenswerte Zukunft, dann müssen wir daran glauben und vor allem hart daran arbeiten, dass möglichst viel Bio uns aktuell nicht nur erhalten bleibt, sondern zu unserem gemeinsamen Ziel werden muss! Und zwar weltweit, zum Schutz unserer Biosphäre, unseres Klimas, unserer Tier- und Pflanzenwelt! Aufgrund der fortschreitenden Zerstörung unserer Mitwelt lautet meine Antwort auf Ihre Frage: Jeder von uns muss sich „PRO BIO" einsetzen, immer und überall in seinen eigenen Bereichen! Also auch bei seiner täglichen Kaufentscheidung für Bio-Lebensmittel! 

Sie sind besonders von Indien fasziniert und mit Vandana Shiva in Freundschaft verbunden. Was fasziniert Sie an dem Land und was an Vandana?Erfährt man fremde Kulturen mit all ihren Vielschichtigkeiten, dann lernt man vieles schätzen, was die eigene Kultur ausmacht, in der man beheimatet ist. In Indien habe ich viele Aufgabenstellungen für die dort lebenden Menschen erkannt – und deswegen auch viele meiner Verantwortlichkeiten hier in unserem Land neu gesehen. Das war für mich eine große persönliche Bereicherung – und ich hoffe, dass ich durch einige Impulse, auch fachlicher Art, in Indien Positives initiieren konnte. Kulturaustausch halte ich für sehr wichtig: Dass es heute ein "Andechser Lassi" gibt, ist ein Ertrag eines Ideenaustausches.

Vandana Shiva ist für mich eine interkulturell gebildete Kosmopolitin, die diese Fähigkeit hat, weltweit unterschiedlichste Menschen anzusprechen, sie für ökologische Ideen zu gewinnen und dann dazu auch noch zum Engagement zu vernetzen. Sie vermittelt auch die Hoffnung, dass wir die aktuelle ökologische Krise unserer Erde als menschliche Gemeinschaft – wo immer wir auf unserem Planeten auch leben – zusammen bewältigen werden!

Eine Leidenschaft ist offensichtlich auch die Kunst. Ihre Molkerei hat sehr viele architektonisch künstlerische Elemente von Friedensreich Hundertwasser. Was bedeutet Ihnen Kunst, und das nicht nur „am Bau"?
Nachdem jeder von uns sein eigenes Empfinden von Kunst hat, möchte ich den Maler Paul Klee zitieren: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar!" Alle für uns sichtbaren Dinge geben uns ja eine Information, geben an uns einen Impuls ab – und jeder weiß: Sie wirken deswegen irgendwie auf uns ein, ja, sie bestimmen dadurch auch unser Verhalten.

Unsere Andechser Molkerei signalisiert jeden Tag die Botschaft von Friedensreich Hundertwasser: "Lasst die Natur wieder zu euch kommen – in die Stadt, in eure Häuser, in eure Räume!" Glauben Sie mir: Unsere Bio-Milchprodukte, die unsere Molkerei verlassen, tragen die Botschaft "Andechser Natur" millionenfach hinaus.  

Barbara Scheitz, Jahrgang 1965, ist Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Andechser Molkerei Scheitz GmbH. Seit 18 Jahren leitet sie Europas größte rein ökologisch wirtschaftende Bio-Molkerei. Als Barbara Scheitz 2003 in einer Krisenzeit der Biobranche die Leitung des Betriebs von ihrem Vater Georg Scheitz übernahm, hatte sie ihre beruflichen Ausbildungen in Milchtechnologie und BWL mit Berufserfahrungen im In- und Ausland abgeschlossen. Der angetragenen Aufgabe stellte sie sich sofort – idealistisch engagiert für Biolandwirtschaft, Natur und Umwelt.

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