Warum kann ich beim Online-Einkauf nicht nach Nachhaltigkeit sortieren? DU KANNST! Mehr erfahren.
Christoph Quarch

Den Alltag durchkreuzen

Christoph Quarch plädiert für einen Relaunch veralteter Rituale

Einen Beitrag von Christoph Quarch zur Situation der Kulturschaffenden in der Corona-Krise lesen Sie in
Der Dezember beginnt und vor uns liegt – überraschender Weise – eine Reihe von Fest- und Feiertagen. Für viele verbinden sich damit liebgewonnene Rituale: von den Kinderschuhen vor der Tür am Nikolausabend über die das Weihnachtsshopping am verkaufsoffenen Sonntag bis zum Adventskaffee bei Kerzenschein. Dieses Jahr ist alles anders – vielleicht eine Gelegenheit, über den Sinn und Wert solcher Rituale nachzudenken – gerade in Zeiten der Pandemie.
Weihnachtsshopping ist im Pandemiewinter? Eine gute Gelegenheit, Rituale auf den Prüfstand zu stellen. © Gerd Altmann, pixabay.com 
Fragen wir doch mal unseren Philosophen: Herr Quarch, was sind eigentlich Rituale – und warum halten viele Menschen gerne daran fest?
Rituale sind der Versuch, die alltägliche Geschäftigkeit zu unterbrechen, um zur Besinnung zu kommen und sich der Sinndimension des Lebens zuzuwenden. Man kann sich das so vorstellen: Normalerweise wuseln wir mit Hochgeschwindigkeit in der Horizontalen: Wir verfolgen Ziele, befriedigen Bedürfnisse, verwirklichen Pläne – immer vorwärts, immer voran. Ein Ritual durchkreuzt diese horizontale Dynamik mit einer vertikalen Linie. Es lenkt den Blick nach oben oder unten: zu dem, was uns wirklich wichtig ist und in der Tiefe angeht – das, was man früher das Heilige oder Gott nannte. Nicht zufällig haben alle Rituale einen religiösen Ursprung.

Aber von diesem religiösen Ursprung ist nicht mehr viel übrig, wenn es heute um Weihnachtsgänse, Geschenke oder Shopping geht.
Richtig. Was in der Vorweihnachtszeit an Ritualen gepflegt wird, ist – um im Bild zu bleiben – komplett in der horizontalen Dynamik gefangen und entsprechend flach. Man trifft sich vielleicht noch mit einer Freundin zum Adventskaffee, aber man plaudert dabei über die neuesten Schnäppchen oder den Tratsch von gestern. Es geht nicht mehr darum, sich auf das zu besinnen, was einen in der Tiefe des Herzens beschäftigt. Das heißt: die meisten Rituale sind tote Rituale, die nichts mehr bedeuten und die man eigentlich abschaffen könnte – und wohl auch würde, wenn man sie nicht ökonomisch nutzbar gemacht hätte.

Aber sehen sie das nicht ein bisschen zu negativ? Es gibt ja doch auch ernste Rituale. Denken Sie nur an die Kirchen, die sich zu Weihnachten wieder füllen werden – dieses Jahr vielleicht sogar ganz besonders, wenn man doch sonst kaum noch Veranstaltungen beiwohnen darf.
Kommen Sie mir nicht mit den Kirchen. Offen gestanden erlebe ich die Rituale dort genauso leblos wie die säkularisierten Rituale der Vorweihnachtszeit. Wirklich in der Tiefe berührt davon sind die Allerwenigsten. Meine Kinder weigern sich seit der Konfirmation zur Kirche zu gehen. Sie sagen: Was die da machen, sagt mir nichts. Und genau das ist das Vernichtendste, was man über ein Ritual – egal welches – sagen kann: Es hat nichts mehr zu sagen, ist verstummt, zu einer bloßen Konvention erstarrt. Aber das ist schrecklich, weil wir ohne Rituale überhaupt nicht mehr zu Besinnung kommen und unser Leben immer mehr verflacht.

Hätten Sie eine Idee, was man da machen kann? Neue Rituale erfinden?
Neue Rituale erfinden ist schwierig. Das wirkt meistens gewollt und ist entsprechend flach. Besser ist es, erstarrte Rituale neu zu beleben, indem man ihre ursprüngliche Bedeutung zeitgemäß umsetzt. Beispiel Adventskaffee: Ursprünglich diente der Advent, um zur Ruhe zu kommen und sich auf die Geburt Christi einzustimmen. Da kann man nun sagen: Zur Ruhe kommen ist gut – aber Geburt Christi – hm, schwierig. Was soll das? Offenbar etwas, das den Christen früher wichtig war. Was ist uns wichtig? Wofür sind wir dankbar? Jetzt, da das Jahr zur Neige geht? Nehmen wir uns doch mal für diese Fragen Zeit: am Sonntag. Kerze anzünden, 20 Minuten Gespräch mit Partner, Kindern oder Freunden – analog oder per Zoom – zur Frage: Hey, wofür sind wir dankbar dieses Jahr? Und schon macht das Ritual wieder Sinn.
 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."

Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-QuarchLesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
 
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Wenn alles nach Plan verläuft, kehrt am Samstag die vierköpfige Crew der Mondmission Artemis 2 zur Erde zurück. Zehn Tage werden dann die drei Astronauten und eine Astronautin in ihrer Orion-Kapsel unterwegs gewesen sein, um Erkenntnisse und Informationen zu der für 2028 geplanten Mondlandung der Artemis 3 zu sammeln. Und das alles mit dem Fernziel einer Marsmission.


Neues "Mental Operating System" für Social Media und Ki-Systeme
Christoph Quarch plädiert für die Programmierung einer europäischen, humanistischen KI zur Erreichung digitaler Souveränität
Vor wenigen Tagen hat ein US-Gericht die Tech-Giganten Meta und Google zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gezielt die Nutzer ihrer Social-Media-Plattformen abhängig machen und Depressionskrankheiten in Kauf nehmen. Das ist nur ein Beispiel von vielen dafür, in welchem Maße US-amerikanische Tech-Unternehmen Einfluss auf Gesellschaft und Gesundheit der Menschen hierzulande nehmen.


Überlegen ist, wer Neues wagt
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen.


Re-Renaissance des europäischen Denkens
66 seconds for the future mit Dr. Christoph Quarch
Wir wissen immer mehr, aber verstehen wir noch genug? Christoph Quarch vergleicht die globalen Krisen unserer Zeit mit Fehlermeldungen eines Computers. Das Problem liegt dabei im "mentalen Betriebssystem" der Menschheit.


Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
18
APR
2026
Erneuerbare Energien verteidigen
Großdemonstrationen in mehreren Großstädten
Berlin, Hamburg, Köln, München
21
APR
2026
Sustainable Economy Summit
Rückenwind für die Wirtschaft der Zukunft
10117 Berlin
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Megatrends

Überlegen ist, wer Neues wagt
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

We choose to go to the Moon… und was das kostet

BEAM 2026 - Hospitality Gamechanger Summit

Das Ende der Deutungshoheit. Oder ihr Neuanfang.

Ressourcenleicht leben 2045

Nachhaltigkeitskriterien bei Power-to-X

pacemaker.ai wird Smart Freight Centre-Mitglied und erreicht „Book and Claim”-Zertifizierung

gr33nUP: Neues Projekt an der Universität Paderborn fördert nachhaltige Geschäftsmodelle

Weitsicht braucht Kompetenz

  • NOW Partners Foundation
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • ZamWirken e.V.
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • WWF Deutschland
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • circulee GmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • TÜV SÜD Akademie
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • 66 seconds for the future
  • SUSTAYNR GmbH