Christoph Quarch
Lifestyle | LOHAS & Ethischer Konsum, 27.11.2020
Den Alltag durchkreuzen
Christoph Quarch plädiert für einen Relaunch veralteter Rituale
Einen Beitrag von Christoph Quarch zur Situation der Kulturschaffenden in der Corona-Krise lesen Sie in forum Nachhaltig Wirtschaften 4/2020 im Brennpunkt Events. |
Der Dezember beginnt und vor uns liegt – überraschender Weise – eine Reihe von Fest- und Feiertagen. Für viele verbinden sich damit liebgewonnene Rituale: von den Kinderschuhen vor der Tür am Nikolausabend über die das Weihnachtsshopping am verkaufsoffenen Sonntag bis zum Adventskaffee bei Kerzenschein. Dieses Jahr ist alles anders – vielleicht eine Gelegenheit, über den Sinn und Wert solcher Rituale nachzudenken – gerade in Zeiten der Pandemie.
Fragen wir doch mal unseren Philosophen: Herr Quarch, was sind eigentlich Rituale – und warum halten viele Menschen gerne daran fest?
Rituale sind der Versuch, die alltägliche Geschäftigkeit zu unterbrechen, um zur Besinnung zu kommen und sich der Sinndimension des Lebens zuzuwenden. Man kann sich das so vorstellen: Normalerweise wuseln wir mit Hochgeschwindigkeit in der Horizontalen: Wir verfolgen Ziele, befriedigen Bedürfnisse, verwirklichen Pläne – immer vorwärts, immer voran. Ein Ritual durchkreuzt diese horizontale Dynamik mit einer vertikalen Linie. Es lenkt den Blick nach oben oder unten: zu dem, was uns wirklich wichtig ist und in der Tiefe angeht – das, was man früher das Heilige oder Gott nannte. Nicht zufällig haben alle Rituale einen religiösen Ursprung.
Aber von diesem religiösen Ursprung ist nicht mehr viel übrig, wenn es heute um Weihnachtsgänse, Geschenke oder Shopping geht.
Richtig. Was in der Vorweihnachtszeit an Ritualen gepflegt wird, ist – um im Bild zu bleiben – komplett in der horizontalen Dynamik gefangen und entsprechend flach. Man trifft sich vielleicht noch mit einer Freundin zum Adventskaffee, aber man plaudert dabei über die neuesten Schnäppchen oder den Tratsch von gestern. Es geht nicht mehr darum, sich auf das zu besinnen, was einen in der Tiefe des Herzens beschäftigt. Das heißt: die meisten Rituale sind tote Rituale, die nichts mehr bedeuten und die man eigentlich abschaffen könnte – und wohl auch würde, wenn man sie nicht ökonomisch nutzbar gemacht hätte.
Aber sehen sie das nicht ein bisschen zu negativ? Es gibt ja doch auch ernste Rituale. Denken Sie nur an die Kirchen, die sich zu Weihnachten wieder füllen werden – dieses Jahr vielleicht sogar ganz besonders, wenn man doch sonst kaum noch Veranstaltungen beiwohnen darf.
Kommen Sie mir nicht mit den Kirchen. Offen gestanden erlebe ich die Rituale dort genauso leblos wie die säkularisierten Rituale der Vorweihnachtszeit. Wirklich in der Tiefe berührt davon sind die Allerwenigsten. Meine Kinder weigern sich seit der Konfirmation zur Kirche zu gehen. Sie sagen: Was die da machen, sagt mir nichts. Und genau das ist das Vernichtendste, was man über ein Ritual – egal welches – sagen kann: Es hat nichts mehr zu sagen, ist verstummt, zu einer bloßen Konvention erstarrt. Aber das ist schrecklich, weil wir ohne Rituale überhaupt nicht mehr zu Besinnung kommen und unser Leben immer mehr verflacht.
Hätten Sie eine Idee, was man da machen kann? Neue Rituale erfinden?
Neue Rituale erfinden ist schwierig. Das wirkt meistens gewollt und ist entsprechend flach. Besser ist es, erstarrte Rituale neu zu beleben, indem man ihre ursprüngliche Bedeutung zeitgemäß umsetzt. Beispiel Adventskaffee: Ursprünglich diente der Advent, um zur Ruhe zu kommen und sich auf die Geburt Christi einzustimmen. Da kann man nun sagen: Zur Ruhe kommen ist gut – aber Geburt Christi – hm, schwierig. Was soll das? Offenbar etwas, das den Christen früher wichtig war. Was ist uns wichtig? Wofür sind wir dankbar? Jetzt, da das Jahr zur Neige geht? Nehmen wir uns doch mal für diese Fragen Zeit: am Sonntag. Kerze anzünden, 20 Minuten Gespräch mit Partner, Kindern oder Freunden – analog oder per Zoom – zur Frage: Hey, wofür sind wir dankbar dieses Jahr? Und schon macht das Ritual wieder Sinn.
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-Quarch. Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
"All You Need is Love"
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?
Christoph Quarch verteidigt den Valentinstag als Schutzzeit für die romantische Liebe
Am Samstag ist es wieder so weit: Rote Herzchen schwirren über unsere Monitore, rote Herzchen zieren unsere Supermärkte - ob in Form von Schokolade, Deko-Objekten oder auf besonderem St. Valentins-Geschenkpapier, rote Herzchen eingeflochten in den Blumenstrauß für die Geliebte. Warum das Ganze?
Der Mensch als Herr und Meister über die Natur?
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.
Christoph Quarch weist auf das Schöpferische und Kreative im wilden Leben hin
Was haben Biber, Wolf und Saatkrähe gemeinsam? Nein, das wird kein Witz. Das ist ein Thema im Baden-Württembergischen Wahlkampf. Denn die CDU und ihr Spitzenkandidat Martin Hagel drängen darauf, den Schutz dieser Arten aufzuweichen und die Jagd auf sie zuzulassen. Nur so könne der von ihnen verursachte Schaden für die Landwirtschaft eingedämmt werden.
Krankheit und Gesundheit
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.
Christoph Quarch empfiehlt die Stärkung der Resilienz als Weg zur Reduzierung der Krankenstände
Wenn der Winter seinen Höhepunkt erreicht, herrscht in den Arztpraxen Hochbetrieb: Grippe, Erkältung & Co füllen die Wartezimmer und treiben die Krankenstände in die Höhe. Die Politik reagiert besorgt. Nicht so sehr, weil so viele Menschen krank sind, sondern weil so viele von der Arbeit fernbleiben.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
05
MÄR
2026
MÄR
2026
10
MÄR
2026
MÄR
2026
Rechtliche Aspekte der Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft zwischen Green Deal und Praxis
kostenfreies Webinar
Kreislaufwirtschaft zwischen Green Deal und Praxis
kostenfreies Webinar
11
MÄR
2026
MÄR
2026
Circular Valley Convention 2026
Gestalten Sie mit uns die Zukunft der Kreislaufwirtschaft - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
40474 Düsseldorf
Gestalten Sie mit uns die Zukunft der Kreislaufwirtschaft - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
40474 Düsseldorf
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Politik
Zeit - Ressource oder KostenfaktorChristoph Quarchs philosophischer Blick auf Reformstau und notwendige Investitionen in Infrastruktur und Innovationen
Jetzt auf forum:
Wir sind von Kopf bis Fuß auf Kreislauf(-wirtschaft) eingestellt
Cross-Border Cooperation as a Driving Force for the Circular Economy
Neue Lotsen im Fahrwasser von Regeln, Ratings und Renditen




















