Christoph Quarch
Lifestyle | Sport & Freizeit, Reisen, 18.09.2020
Fußball als Kitt der Gesellschaft ist viel systemrelevanter, als Beamten und Behörden glauben.
Christoph Quarch fiebert dem Bundesliga-Start entgegen
Nun geht die Bundesliga-Saison wieder los – trotz Covid und mit Covid; von den einen freudig begrüßt, von den anderen mit Sorge verfolgt. Zunächst bleiben die Stadien leer, allerdings drängen die Vereine darauf, möglichst bald wieder Zuschauer bei den Spielen zuzulassen. So oder so: Es ist in diesem Jahr ein besonderer Saisonstart.
Herr Quarch, Sie waren selbst viele Jahre lang aktiver Fußballer. Freuen Sie sich auf die Bundesliga?Ich freue mich sehr. Nicht nur, weil ich früher selbst aktiv gespielt habe und schon immer Fußballfan war, sondern weil ich glaube, dass der Fußball für unsere Gesellschaft von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Wir sollten uns die einfache Tatsache vor Augen führen, dass es heutzutage nichts anderes gibt, was in einem solchen Maße Menschen aus allen sozialen Schichten, Altersklassen und Nationen zusammenbringt wie Fußball. Im Stadion oder in einer Sportsbar treffen sich alle; und in einer Zeit wie dieser ist genau das dringend notwendig – in einer Zeit, in der infolge der Corona-Pandemie die Gesellschaft beschleunigt auseinander zu fallen droht: in Corona-Gewinner und Corona-Verlierer, Betroffene und Nicht-Betroffene, Gläubige und Zweifler. Fußball als Kitt der Gesellschaft ist viel systemrelevanter, als Beamten und Behörden glauben.
Aber es ist doch nur ein Spiel.
Richtig, aber was heißt hier „nur"? Friedrich Schiller sagte mit gutem Grund: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Und seine Begründung gilt noch heute: Weil Spielen befreit. Weil Spielen und Spielen-Beiwohnen eine Erfahrung von Freiheit, Lebendigkeit und Menschlichkeit ist. Der Grund dafür ist nicht schwer zu verstehen. Spiele sind zwecklos und nutzlos. Wer spielt oder einem Spiel zuschaut, taucht für die Dauer der Spielzeit ein in eine Welt, in der die Tyrannei von Funktionalität und Zweckmäßigkeit aufgehoben ist. Wer spielt, spielt um des Spielens willen. Er muss dabei weder Profit erwirtschaften, noch moralisch integer sein. Er oder sie darf einfach nur sein. Und auch das gilt für Spieler und Zuschauer gleichermaßen. Allerdings braucht das Spiel, damit es seinen ganzen Zauber entfalten kann, auch tatsächlich beide: Spieler und Zuschauer.
Genau das aber steht zur Diskussion. Dürfen Zuschauer wieder ins Stadion? Oder ist das Risiko zu hoch?
Es ist ganz wichtig, dass Zuschauer wieder ins Stadion dürfen. Genau genommen sind die Zuschauer im Stadion gar keine Zuschauer, sondern Mitspieler. Sie gehen mit, sie zittern und fiebern mit, sie gewinnen mit und verlieren mit. Ohne Zuschauer ist das Spiel irgendwie gebremst, sein Resonanzraum fehlt. Fernsehzuschauer sind da nur ein schwacher Trost – unter ökonomischen Gesichtspunkten wichtig, aber unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Bindungskraft nur sekundär bedeutsam. Nein, mir scheint wichtig, dass die Spiele möglichst bald wieder vor möglichst viel Zuschauern stattfinden können. Es wird den Menschen und der Gesellschaft gut tun, wenn Spiele auf diese Weise wieder zu befreienden Inseln im Meer der Funktionalität werden. Das gilt übrigens für alle Spiele – auch für die Spiele in Theater, Oper oder Zirkus.
Aber wie wollen Sie das machen. Der kommende Winter wird die Auflagen eher wieder verstärken.
Ich glaube, wir müssen dringend den gegenwärtigen Panikmodus hinter uns lassen und mutiger nach Wegen und Möglichkeiten finden, mit dem Virus zu leben. Dafür müssen wir uns Gedanken machen, was uns wie wichtig ist und welche Risiken wir für den Erhalt von Lebensqualität und kollektiver Resilienz einzugehen bereit sind. Was den Fußball angeht, scheinen mir die Regierenden viel zu ängstlich. Wenn es möglich ist, mit 4000 Zuschauern in der antiken Arena di Verona Konzerte abzuhalten, muss es auch möglich sein in modernen Fußballstadien mit mindestens 30 prozentiger Füllung Fußballspiele durchzuführen. Man könnte ja auch mal großangelegte Test durchführen, um das Infektionsrisiko bei einem halbgefüllten Stadion zu ermitteln. Geld dafür müsste da sein. Und lohnend wäre es allemal, wenn man dadurch auch nur ein wenig dem drohenden Zerfall der Gesellschaft entgegenwirken könnte.
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-Quarch. Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Könnte KI die Grundlagen der Mathematik zerstören?
Christoph Quarchs Überlegungen dazu, ob ein möglicher KI-Supergau näher rückt
Mathematiker sind eher stille Menschen. Wenn sie ihre Stimme erheben, muss etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein. So am 11. September, als 24 Fields-Medaillengewinner – quasi die Nobelpreisträger der Mathematik – in einem offenen Brief davor warnten, dass KI die Grundlagen der Mathematik zerstören könnte. Hintergrund ist eine Veröffentlichung des Tech-Giganten OpenAI, der zufolge es ihrer KI gelungen ist, eines der sieben „Millennium-Probleme“ zu lösen, die im Jahr 2000 als die wichtigsten mathematischen Aufgaben der Gegenwart ausgewählt wurden. Konkret werfen die Mathe-Cracks der KI vor, gegen ihr Wissenschaftsethos zu verstoßen: Dinge zu beweisen, ohne sie zu verstehen, sei eine Gefahr für die intellektuelle Arbeit im Allgemeinen. Sägt die KI an dem Ast, auf dem diejenigen sitzen, die sie überhaupt möglich gemacht haben? Ist das ein weiteres Indiz dafür, dass ein möglicher KI-Supergau näher rückt. Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Christoph Quarchs Überlegungen dazu, ob ein möglicher KI-Supergau näher rückt
Mathematiker sind eher stille Menschen. Wenn sie ihre Stimme erheben, muss etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein. So am 11. September, als 24 Fields-Medaillengewinner – quasi die Nobelpreisträger der Mathematik – in einem offenen Brief davor warnten, dass KI die Grundlagen der Mathematik zerstören könnte. Hintergrund ist eine Veröffentlichung des Tech-Giganten OpenAI, der zufolge es ihrer KI gelungen ist, eines der sieben „Millennium-Probleme“ zu lösen, die im Jahr 2000 als die wichtigsten mathematischen Aufgaben der Gegenwart ausgewählt wurden. Konkret werfen die Mathe-Cracks der KI vor, gegen ihr Wissenschaftsethos zu verstoßen: Dinge zu beweisen, ohne sie zu verstehen, sei eine Gefahr für die intellektuelle Arbeit im Allgemeinen. Sägt die KI an dem Ast, auf dem diejenigen sitzen, die sie überhaupt möglich gemacht haben? Ist das ein weiteres Indiz dafür, dass ein möglicher KI-Supergau näher rückt. Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Macht KI dumm?
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht.
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht.
Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten.
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten.
Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.
Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.
Die Natur lebt vom Kreislauf – und wir?
forum 04/2026
- Kreislaufwirtschaft
- Biodiversität
- Bildung
- Wasserweisheiten
- Altöl im Kreislauf
Kaufen...
Abonnieren...
18
SEP
2026
SEP
2026
Parking Day 2026 in München
Parkplätze werden zu Orten für Menschen, Natur und nachhaltige Mobilität
München
Parkplätze werden zu Orten für Menschen, Natur und nachhaltige Mobilität
München
08
OKT
2026
OKT
2026
forumESGready - Fortsetzung unserer beliebten Online-Events ab 8. Oktober
Transformation im Mittelstand: Aktuelle relevante Themen in drei Terminen
Online
Transformation im Mittelstand: Aktuelle relevante Themen in drei Terminen
Online
23
NOV
2026
NOV
2026
European Sustainability Week
Built on Trust. Driven by Insight. Focused on Impact. - Ticketrabatt für forum-Leser*innen
53639 Königswinter
Built on Trust. Driven by Insight. Focused on Impact. - Ticketrabatt für forum-Leser*innen
53639 Königswinter
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Digitalisierung
Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Jetzt auf forum:
Es brennt! Doch kaum regnet es, ist alles vergessen …
LEEF wird fürs Nachhaltigkeitsmanagement ausgezeichnet
Konkrete Gefahren für Betriebe
Nachhaltigkeit beginnt mit gutem Design
Bereits über 70 Veranstaltungen für Munich Climate Week 2026 angekündigt
Bessere Verpackungen, weniger Müll
Bundespreis Ecodesign: Ausstellung, 19.-22. September & Vernissage, 18. September 2026, Berlin





















