66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen

Besser vorbereitet für künftige Krisen

Empfehlungen aus der Risikoforschung

Obwohl es frühzeitige Warnungen vor einer exponentiell wachsenden Pandemie gab, wirkten die meisten politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger weltweit unvorbereitet und zögerlich, als sich Covid-19 von China aus in die ganze Welt ausbreitete. Inzwischen hat die Krise zu beispiellosen Einschränkungen geführt und die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. In einem Artikel im „Journal of Risk Research" analysieren Aengus Collins, Marie-Valentine Florin (beide EPFL International Risk Governance Center) und IASS-Direktor Ortwin Renn die Schlüsselfaktoren und geben Empfehlungen, wie wir uns für künftige Krisen besser vorbereiten können.
 
In einem Artikel im 'Journal of Risk Research' werden die Schlüsselfaktoren der Ausbreitung von Covid-19 analysiert und Empfehlungen, wie wir uns für künftige Krisen besser vorbereiten können, gegeben. © geralt, pixabay.comDer Artikel gibt einen Überblick über die Ausbreitung von Covid-19 und beschreibt sechs Ursachen der Krise: die exponentielle Infektionsrate, die internationale Verflechtung, mangelnde Kapazitäten der Gesundheitssysteme in vielen Ländern, Kompetenzwirrwarr und fehlende Weitsicht bei vielen staatlichen Behörden, die Schwierigkeiten, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Shutdowns parallel zu den gesundheitlichen Folgen zu bedenken, sowie die von der Finanzkrise von 2008 herrührenden Schwächen im Kapitalmarkt. Bei der Entwicklung von Lösungsvorschlägen nutzt das Autorenteam das von Ortwin Renn mitentwickelte Rahmenwerk des International Risk Governance Council.
 
Fünf der dort beschriebenen Aspekte der Risikobeherrschung sind laut der Studie für den Weg aus der Coronakrise besonders relevant. So gilt es, mehr Kapazitäten für eine global wirksame wissenschaftlich-technische Bewertung der Risiken zu schaffen, um vor allem zuverlässige Frühwarnsysteme bereit zu stellen. Diese Forschung bedarf der ergänzenden Analyse der Risikowahrnehmung – also der individuellen und gesellschaftlichen Meinungen, Sorgen und Wünsche. Denn nur wenn man diese kennt und beherzigt, kann man effektive Krisenkommunikation betreiben und entsprechend wirksame Verhaltensvorschriften erlassen. Eine Schlüsselaufgabe für Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ist die Risikoevaluierung: Ob und in welchem Umfang sind Maßnahmen zur Risikominderung notwendig? Welche Zielkonflikte treten bei der Gestaltung von Maßnahmen und Einschränkungen auf und wie lassen sich diese nach anerkannten ethischen Kriterien auch bei weitgehender Unsicherheit auflösen? Aus der Evaluierung folgen dann bewertete Optionen für das Risikomanagement. Es geht um kollektiv verbindliche Entscheidungen über Maßnahmen, um insgesamt das Leid der betroffenen Bevölkerung zu minimieren. Es umfasst auch Strategien zur Verringerung unerwünschter Nebenwirkungen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Bewältigung der Krise ist eine abgestimmte Krisen- und Risikokommunikation, deren Wirksamkeit von kommunikationswissenschaftlicher Fundierung und professioneller Umsetzung abhängt.
 
Aus seinen Überlegungen leitet das Autorenteam zehn Empfehlungen ab:
  1. Risiken an der Quelle adressieren: also im Fall von Pandemien die Möglichkeit verringern, dass Viren vom Tier auf den Menschen übertragen werden.
  2. Auf Warnungen reagieren: Dazu gehören die Überprüfung nationaler und internationaler Risikobewertungen, außerdem müssen im Voraus bessere Schutzvorkehrungen für Risiken mit besonders gravierenden Auswirkungen ausgearbeitet werden.
  3. Zielkonflikte beachten: Maßnahmen zur Verringerung eines bestimmten Risikos haben Auswirkungen auf andere Risiken. Unerwünschte Nebenwirkungen müssen in die Risikobewertung einfließen.
  4. Rolle von Technologie berücksichtigen: Wie können maschinelles Lernen und andere Technologien bei der Pandemiebewertung, -vorsorge und -reaktion von Nutzen sein?
  5. In Resilienz investieren: Gewinne an organisatorischer Effizienz haben kritische Systeme wie das Gesundheitswesen anfällig gemacht. Nun muss deren Belastbarkeit gestärkt werden, etwa durch Verringerung von Abhängigkeiten bei wichtigen Produkten und Dienstleistungen.
  6. Konzentration auf die wichtigsten Knoten im System: Im Fall einer Pandemie ist eine frühzeitige Einschränkung des Flugverkehrs wirkungsvoll. Für solche Maßnahmen könnte ein globaler Notfallfonds eingerichtet werden.
  7. Stärkung der Verknüpfung von Wissenschaft und Politik: Länder, in denen die Übermittlung von Informationen und Empfehlungen aus der Wissenschaft an die Politik gut funktioniert hat, waren erfolgreicher in der Bekämpfung des Coronavirus.
  8. Staatliche Kapazitäten aufbauen: Der Umgang mit systemischen Risiken sollte eher als kontinuierlicher Bestandteil guter Regierungsführung denn als Reaktion auf Notfälle aufgefasst werden.
  9. Bessere Kommunikation: Die Kommunikation zu Covid-19 war in einer Reihe von Ländern langsam oder fehlerhaft. Eine Lösung hierfür wäre die Einrichtung nationaler und internationaler Risiko-Informations- und Kommunikationseinheiten.
  10. Über gesellschaftliche Brüche reflektieren: Die Coronakrise zwingt Menschen und Organisationen, mit neuen Lebens- und Arbeitsmustern zu experimentieren. Jetzt ist es an der Zeit zu überlegen, welche Veränderungen langfristig als wünschenswert beibehalten werden sollten.
Publikation: 
Aengus Collins, Marie-Valentine Florin & Ortwin Renn (2020) COVID-19 risk governance: drivers, responses and lessons to be learned, Journal of Risk Research, DOI: 10.1080/13669877.2020.1760332
 
Das IASS forscht mit dem Ziel, Transformationsprozesse zu einer nachhaltigen Gesellschaft aufzuzeigen, zu befördern und zu gestalten - in Deutschland wie global. Der Forschungsansatz des Instituts ist transdisziplinär, transformativ und ko-kreativ: Die Entwicklung des Problemverständnisses und der Lösungsoptionen erfolgen in Kooperationen zwischen den Wissenschaften, der Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein starkes nationales und internationales Partnernetzwerk unterstützt die Arbeit des Instituts. Zentrale Forschungsthemen sind u.a. die Energiewende, aufkommende Technologien, Klimawandel, Luftqualität, systemische Risiken, Governance und Partizipation sowie Kulturen der Transformation. Gefördert wird das Institut von den Forschungsministerien des Bundes und des Landes Brandenburg. 
 
Kontakt: Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (IASS) | bianca.schroeder@iass-potsdam.de


     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026 ist erschienen

  • Geopolitische Spannungen, Aufrüstung und Unsicherheit prägen Märkte und Investitionsentscheidungen wie lange nicht. Die neue Ausgabe von forum future economy setzt bewusst einen Kontrapunkt: Sie gibt Stimmen Raum, die für Diplomatie, Deeskalation und zivile Lösungen eintreten – weil wirtschaftliche Stabilität ohne Frieden nicht denkbar ist.
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
05
MÄR
2026
HAUS® 2026
Die große Baumesse in Dresden
01067 Dresden
10
MÄR
2026
Rechtliche Aspekte der Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft zwischen Green Deal und Praxis
kostenfreies Webinar
11
MÄR
2026
Circular Valley Convention 2026
Gestalten Sie mit uns die Zukunft der Kreislaufwirtschaft - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
40474 Düsseldorf
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Megatrends

Mut und Zuversicht im neuen Jahr
Christoph Quarch identifiziert Wohlwollen und Freundlichkeit als Voraussetzung für Beherztheit und Courage
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen

Zukunft braucht Frieden, Resilienz und Unabhängigkeit

Zukunft braucht Frieden

Starke Partnerschaft für den polnischen Offshore-Markt

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil: Berufsbegleitende Zertifikate zu Dekarbonisierung und Lieferketten

Mercosur und europäische Verpackungsverordnung: Unterschätzte Falle PPWR

Sozial und ökologisch vor Ort – für lebenswerte Städte und Gemeinden in Bayern

Unternehmertum verpflichtet

  • NOW Partners Foundation
  • WWF Deutschland
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Engagement Global gGmbH
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Global Nature Fund (GNF)
  • SUSTAYNR GmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • toom Baumarkt GmbH
  • circulee GmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften