Florina Speth

„Die Zukunft deiner Kinder“

Eine ambitionierte Langzeitstudie

Kinder, die heute geboren werden, starten mit einer statistischen Lebenserwartung von 100 Jahren in diese Welt. Wie wird sich die Welt im Zeitraum dieser Lebensspanne verändern? Eine ambitionierte Langzeitstudie der Zukunftsforschung versucht, Antworten zu finden – und fördert dabei Unterhaltsames wie Schockierendes zutage.

© Barbara HelgasonMüssen wir in 100 Jahren noch arbeiten? Ergänzen oder ersetzen künstlich intelligente Systeme bald Kollegen, Politiker und Geschäftsführer? Wie können wir uns alle auf den Weg in die Zukunft vorbereiten? Wie werden wir leben? Und vor allem: Wie wollen wir leben?
 
Diesen und vielen weiteren Fragen geht die Langzeitstudie „Die Zukunft deiner Kinder" auf den Grund. Der 2b AHEAD Thinktank, ein unabhängiges Zukunftsforschungsinstitut, hat diese Studie im Jahr 2017 begonnen und erforscht darin die möglichen Zukunftsszenarien von zehn Studienteilnehmern, die im Jahr 2015 mit einer Lebenserwartung von hundert Jahren in Deutschland geboren wurden.
 
Dazu werden jährlich aufs Neue hundert Experten befragt, die in zukunftsformenden Bereichen der Politik, der Technologie, der Wirtschaft und des Sozialen sowie im nahen Umfeld der zehn Teilnehmer tätig sind. Auf diesem Wege entstehen jährlich etwa 5.000 Thesen, die zeitlich eingeordnet und nach ihrer Aussagekraft gewichtet werden. Auf Basis dieser Thesen werden zehn verschiedene Visionspfade angelegt und daraus Szenarien abgeleitet.
 
Zukunftsszenarien als Handlungsgrundlage
Präsentation der Langzeitstudie 'Die Zukunft deiner Kinder' an der Ernst-Reuther-Schule in Karlsruhe. © 2b AHEADDiese Szenarien beschreiben, wie der Alltag der Studienteilnehmer im Lebensalter von 10, 20, 50, 70 oder 100 Jahren aussehen könnte und welche technologischen, wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen sowie politischen Veränderungen sich darin spiegeln könnten. Jedes der zehn Kinder erlebt in diesen Szenarien exemplarisch eine andere Zukunft, wodurch Unterschiede in den einzelnen Faktoren sichtbar gemacht werden. Diese Vielfalt macht deutlich: Die Szenarien haben keinen Wahrheitsanspruch. Dies liegt in der Natur der Sache, denn über eine Zukunft in 100 Jahren kann man keine Aussagen treffen, die sicher eintreten werden. Man kann jedoch Möglichkeitsräume erforschen und diese in Beispielen beschreiben. Somit werden Zukunftsszenarien diskutabel, was den aktiven Umgang mit ihnen ermöglicht.
 
Leo wird Vater, die künstliche Gebärmutter hilft …
Hier zwei Beispiele aus den Szenarien. Das erste Szenario beschreibt Leos Lebenswelt im Jahr 2065. Leos Situation: Der 50-jährige Leo sieht seinem Kind beim Wachsen zu. Genauer: Er betrachtet gemeinsam mit der Mutter des Kindes den heranreifenden Embryo hinter einer Glasscheibe, denn das Kind wächst in einer künstlichen Gebärmutter heran. Die Mutter des Kindes und Leo begegnen sich in dieser Szene erst zum zweiten Mal in ihrem Leben. Die vorherige Begegnung erfolgte in einem Labor, welches sie über eine Genpool-Matchingbank zusammenführte. Die beiden sind kein Liebespaar, doch betrachten sie das reifende Wesen voller Liebe.
 
Dieses Szenario wirft eine Reihe von Fragen auf: Wie wird das Leben eines Kindes sein, welches in eine Familienstruktur geboren wird, die ohne jegliche persönliche Verbindung beginnt? Wie verändert sich die Rolle einer Mutter, die ihr Kind nicht selbst ausgetragen hat? Verschiebt dies auch die Rolle des Vaters? Wie werden wir als immer älter werdende Gesellschaft damit umgehen, wenn wir die Möglichkeit haben, auch im Alter von 50, 60 oder 70 Jahren Kinder zu bekommen? Künstliche Gebärmütter werden in der Gegenwart bereits erfolgreich in der Tierzucht eingesetzt. Der Wunsch, in der Lebensphase nach der biologischen Fruchtbarkeit Kinder zu bekommen, ist heute allgegenwärtig. Werden technologischer Fortschritt und Wunschbilder der heranwachsenden Generation zu Triebfedern solcher Entwicklungen?
 
Happy Birthday Smilla
Das Szenario, welches am weitesten in die Zukunft reicht, beschreibt Smilla im Jahr 2115. Es ist der Tag ihres 100. Geburtstags. Smilla ist durch hormonelle und technologische Eingriffe jung geblieben wie eine 35-jährige Frau. Unter 100-Jährigen hat sich das Ritual eingebürgert, ein Transformationszentrum aufzusuchen. Man kann sich dort dafür entscheiden, wie das Leben weitergeht. Auch Smilla steht vor der Entscheidung, zu Software zu werden, einen neuen Körper zu beziehen, einen Roboterkörper anzunehmen oder auch zu verschwinden.
 
Dieses Szenario greift das Thema des Strebens nach Lebensverlängerung, nach Unsterblichkeit sowie nach einem schmerzfreien Tod auf. Es drängen sich große Fragen auf: Wer möchte eigentlich wirklich unsterblich werden? Wozu? Was tut man denn so lange auf dieser Welt? Ist dies mit neuen Aufgaben verbunden, die der Gesellschaft Mehrwert stiften? Wenn alle älter als 100 werden, wie viele Menschen wird es denn dann geben? Wird es dann nicht zu eng auf der Erde? Dies war ein Ausflug in zwei sehr konkrete Beispiele zu möglichen Zukünften. Die Szenarien machen sicherlich deutlich, dass die dargestellten Zukunftsbilder unterschiedlich sind, eine Reihe von Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen.
 
Das Team der Langzeitstudie lädt dazu ein, Teil dieses außergewöhnlichen Projekts zu werden, gemeinsam in die Zukunft zu blicken und diese im Austausch zu gestalten. Wer Lust hat, sich mit Zukunftsfragen zu beschäftigen und die Zukunft aktiv mitzugestalten kann sich an der Langzeitstudie beteiligen.
 

Dr. Florina Speth ist Projektleiterin der Langzeitstudie „Die Zukunft deiner Kinder". Sie promovierte im Bereich der Rehabilitationsrobotik und Neuromusikologie an der HU Berlin und am Institute of Robotics, Sensory Motor Systems Lab der ETH Zürich. Im Alter von 10 Jahren begann sie Cello und Klavier am Mozarteum Salzburg zu studieren. Heute komponiert sie mit Musikrobotern, Synthesizern und Elektronika.

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2019 - Time to eat the dog erschienen.



     
        
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