Was unser Fischkonsum mit Ebola zu tun hat

Drei Jahre nach seinem Einsatz in Westafrika zieht ein erfahrener humanitärer Helfer Bilanz

Es ist vier Uhr in der Nacht, als Prof. Dr. Joachim Gardemann mit einem Team des Roten Kreuzes in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, landet. An diesen Augenblick im Oktober 2014, nun genau drei Jahre her, erinnert sich der Mediziner und Hochschullehrer von der FH Münster noch gut. Ihn, den erfahrenen humanitären Helfer, überfiel damals ein Gefühl von gehörigem Respekt vor der bevorstehenden Aufgabe. Wie all die 20 Jahre zuvor hatte ihn das Rote Kreuz gut auf den Auslandseinsatz vorbereitet. Doch dieses Mal schien es besonders heikel zu sein: Gardemann sollte eine Ebola-Behandlungsstation in Kenema leiten und dort Infizierte ärztlich versorgen.
 
Prof. Dr. Joachim Gardemann hat bei seinem Hilfseinsatz in Westafrika in einer Ebola-Behandlungsstation Infizierte versorgt. Der Kinderarzt musste dabei immer eine Schutzausrüstung tragen. Foto: Maija Tammi (FIN RC) für IFRC Ebola, diese tückische, hochansteckende Infektionskrankheit, war dabei, sich in Westafrika auszubreiten. Sie sollte 2014 und 2015 mehr als 11.000 Todesopfer in Guinea, Sierra Leone und Liberia fordern. Gardemann kam nach acht Wochen nach Münster zurück. Von Deutschland aus gesehen schien Ebola weit weg. „Doch unser Konsumverhalten hier wirkt sich auch auf die globale Gesundheit aus", sagt Gardemann heute.
 
Als wichtigster Übertragungsweg der Ebolaviren vor der Infektion von Mensch zu Mensch gilt das Fangen, Schlachten, Zubereiten und Verzehren von infizierten Urwaldtieren wie kleinen Primaten und Flughunden (bushmeat), so nachzulesen bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Immer dann, wenn Fisch als Nahrungsmittel knapp wurde, haben sich die Bewohner Westafrikas ihr Eiweiß von kleinen Tieren im Urwald geholt, wie bereits 2004 das angesehene Wissenschaftsmagazin Science berichtete. „Der Zusammenhang zwischen der Überfischung des Atlantiks vor Westafrika und dem Verzehr von bushmeat ist wissenschaftlich erforscht und bekannt", sagt Gardemann, der an der FH Münster auch das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe leitet.
 
Etwa 80 Prozent der Fischereiprodukte auf dem deutschen Markt sind importiert. Die Überfischung heimischer Gewässer hat dazu geführt, dass der europäische Fischfang sich immer weiter nach Süden ausgedehnt und schon längst die Küsten Westafrikas erreicht hat. Die Folgen: Für die Bevölkerung dort, besonders für Schwangere und für die Kinder, steht dann in Westafrika nicht genug Seefisch mit Proteinen und Omega-3-Fettsäuren zur Verfügung.
Durch den massenhaften Export gefrorener europäischer Geflügelreste nach Westafrika sei es außerdem neben zahllosen Lebensmittelinfektionen auch zum Niedergang der dortigen Geflügelzucht gekommen, sodass nun auch diese unbedenkliche tierische Eiweißquelle fehlte. Weichen die Menschen dort notgedrungen auf alternative tierische Eiweißlieferanten aus, steigt das Risiko, dass Krankheitserreger von Tier auf den Menschen übertragen werden und so zum Ausgangspunkt einer Virusepidemie werden.
 
„Während die Menschen in Westafrika den Fisch traditionell als Grundnahrung nutzen, müssten wir in den Industrieländern längst nicht so viel Fisch essen, wie wir das derzeit tun", sagt Gardemann. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, Fisch ein bis zwei Mal die Woche auf den Speiseplan zu setzen. Die WHO betont in ihren Ernährungsempfehlungen zwar die gesundheitlichen Vorteile von Fisch, spricht sich aber nicht für eine bestimmte Menge aus. „In den reichen Ländern des globalen Nordens wäre es ein Leichtes für die Bevölkerung, ihren Bedarf an Omega-3-Fettsäuren statt aus fettem Seefisch durch Alternativen zu decken, etwa durch angereicherte Lebensmittel, Rapsöl oder reichlich am Markt vorhandene Supplemente", sagt der 62-Jährige. „Unserer Gesundheit würde damit kein Haar gekrümmt, den Menschen in Westafrika würde das aber zugutekommen", ergänzt der Hochschullehrer vom Fachbereich Oecotrophologie – Facility Management. Ernährung sollte nicht nur als ein isoliertes biochemisches Phänomen betrachtet, sondern auch immer in seinen sozialen und globalen Zusammenhängen gesehen werden, plädiert Gardemann.
 
2016 erklärte die WHO die Länder Westafrikas für ebolafrei. Doch lassen drei Jahre nach der Ebola-Epidemie Alltag, Armut und Hunger dort die Furcht vor Infektionen wieder in den Hintergrund treten. Längst sind wieder Warnungen der WHO zu hören. „Jeder Fisch, der in Westafrika bleibt, schützt auch uns vor einem erneuten Ebola-Ausbruch. Die Schonung westafrikanischer Fischbestände trägt nicht nur zur Gesundheit der Einheimischen, sondern auch zum globalen Infektionsschutz bei", sagt Gardemann. Ebola sei am Ende eben doch nicht so weit weg.

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