Wie wird eine Quartiersentwicklung nachhaltig?
Hintergründe und Best Practice-Beispiele
Quartiere sind unsere Lebens- und Gestaltungsräume, in denen sich das soziale Miteinander abspielt. Wo, wenn nicht hier, ist das Prinzip der Nachhaltigkeit gefordert? Doch was muss bei der Umsetzung beachtet werden?
Der große Begriff der „Nachhaltigkeit" macht auch vor der Stadt- und Quartiersplanung nicht Halt.
Und in der Tat – die Gestaltung der Quartiersentwicklung muss immer wieder neu hinterfragt werden. Die mit dem Klimaschutz verbundenen Anforderungen, die zunehmende Ressourcenknappheit und der demographische Wandel tragen hierzu genauso bei wie globale Trends wie die Urbanisierung und der damit einhergehende Flächenverbrauch sowie Fragen der sozialen Mischung – Stichwort „bezahlbares Wohnen". Und auch der technologische Fortschritt und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten und Anforderungen in den Bereichen der Digitalisierung und Mobilität machen es notwendig, die nachhaltige Stadt- und Quartiersentwicklung immer wieder neu zu denken.
Was gleich bleibt, sind zwei übergeordnete Prämissen der Nachhaltigkeit: Qualität und Zukunftsfähigkeit. Nur wie kann es gelingen, ein Quartier so zu entwickeln, dass es hierbei keine Abstriche macht? Dass es positive Effekte für Mensch und Umwelt gleichermaßen hat? Dass sich über den öffentlichen Raum eine lokale Identität entwickelt, die von den Bewohnern angenommen wird? Und dass es für die Gemeinde auch noch wirtschaftlich sinnvoll ist – in der Erschließungs- und Bauphase genauso wie im Betrieb.?
Mit einer Zertifizierung zum Erfolg
Eine Möglichkeit ist es, die Quartiersentwicklung schon ab einem frühen Planungszeitpunkt durch einen Zertifizierungsprozess begleiten zu lassen, wie ihn beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) seit 2011 auch für Quartiere anbietet. Dabei folgt die Zertifizierung dem Prinzip der integralen Planung. Soll heißen: Je früher sich im Planungsprozess die richtigen Menschen zu den richtigen Themen zusammensetzen und informierte Entscheidungen zu den wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen treffen, umso geringer ist das Risiko, dass kostspielige Nachbesserungen gemacht werden müssen. Und umso größer ist die Chance, dass das Quartier von seinen künftigen Bewohnern akzeptiert wird und es kosten- und ressourceneffizient betrieben werden kann.
In der Praxis soll eine Zertifizierung vor allem als Planungs- und Optimierungswerkzeug helfen. Dies erfolgt über eine Vielzahl unterschiedlicher Kriterien, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Planung und Umsetzung von den verschiedenen Beteiligten adressiert werden müssen. Und die dabei helfen, im Sinne einer ganzheitlichen Nachhaltigkeit nichts Wesentliches zu vergessen. Das Spektrum an Themen mit ökologischem Hintergrund reicht von der Reduktion der emissionsbedingten Umweltwirkungen und des Ressourcenverbrauchs über das Stadtklima und die Biodiversität am Standort bis zur Flächeninanspruchnahme, dem Gewässer- und Bodenschutz sowie der Betrachtung der Wasserkreislaufsysteme. Die ökonomisch fokussierten Themen umfassen die Berechnung der Kosten über den Lebenszyklus im Quartier, die Flächeneffizienz, die Wertstabilität, die Resilienz und Wandlungsfähigkeit sowie die fiskalischen Wirkungen auf die Kommune.
Partizipation der Bürger
Aus soziokultureller und funktionaler Sicht werden unter anderem der Freiraum, der thermische Komfort sowie Emissionen und Immissionen angesprochen. Hinzu kommen Aspekte wie Barrierefreiheit, Städtebau, die soziale und funktionale Mischung sowie die soziale und erwerbswirtschaftliche Infrastruktur. Zu den Kriterien der technischen Qualität eines Quartiers zählen das Wertstoffmanagement, die „Smart Infrastructure" sowie die Mobilitätsinfrastruktur, sowohl in Bezug auf den motorisierten als auch den nichtmotorisierten Verkehr. Auch die Energieinfrastruktur zur Schaffung von möglichst günstigen Rahmenbedingungen im Quartier für eine hohe Energieeffizienz zählt dazu. Hinzu kommen fünf Kriterien, welche die Qualität der Umsetzung bestimmen: Integrale Planung, Projektmanagement, Monitoring und Governance. Unter Governance sind Steuerungs- und Organisationsstrukturen zu verstehen, die es braucht, um eine nachhaltige Entwicklung des Quartiers über den gesamten Lebenszyklus zu gewährleisten.
Letztlich haben alle nachhaltigen Quartiersentwicklungen noch ein weiteres wichtiges Merkmal gemeinsam: Das Prinzip der Partizipation und die offene, transparente Kommunikation mit den Bürgern oder Nutzern. Diese frühzeitig in die Planung mit einzubeziehen, ihre Meinungen und Wünsche, so gut es eben geht, mit einzubeziehen, ist ein wichtiger Hebel für die Nachhaltigkeit. Denn letztlich müssen die Menschen, die in den Quartieren leben, arbeiten oder ihre Freizeit verbringen, sich wohlfühlen, das Angebot annehmen und die Idee der Nachhaltigkeit in ihrem eigenen Leben ein Stück weit mit tragen.
Beispiele erfolgreicher Quartiersentwicklung
Quartiersprojekte, die den Zertifizierungsprozess bereits erfolgreich durchlaufen haben oder derzeit umsetzen, gibt es inzwischen über 50. Hierzu zählen der Potsdamer Platz in Berlin, das Quartier Le Central in Düsseldorf, das Aeschbachquartier im schweizerischen Aarau, das Stadtquartier Cloche d’Or in Luxemburg oder die Nachnutzung des ehemaligen Messegeländes in Stuttgart auf der Killesberghöhe. Das Kö-Quartier in Düsseldorf und Gateway Gardens sind Beispiele für Gewerbequartiere, die von der DGNB mit einem Zertifikat ausgezeichnet wurden. Daneben gibt es eine Vielzahl von Quartiersentwicklungen, die derzeit noch in der Umsetzung sind, für ihre nachhaltige Planung aber bereits mit einem Vorzertifikat prämiert wurden. Hierzu gehören etwa die Stuttgart Airport City, das Spandauer Ufer in Berlin, das Projekt „Zukunft Nord" in Karlsruhe sowie der Neckarbogen in Heilbronn auf dem Gelände der Bundesgartenschau 2019.
All dies sind Beispiele, die anderen Kommunen oder Entwicklern von Stadt- oder Gewerbequartieren vormachen, wie das mit der Nachhaltigkeit verbundene Qualitätsverständnis systematisch umsetzbar ist. Dass dieses Prinzip funktioniert, belegt ein Ergebnis aus einer Erhebung der DGNB. Demnach würden über 90 Prozent erneut eine Zertifizierung bei einer kommenden Quartiersentwicklung durchführen wollen.
Dr. Stephan Anders studierte Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart und der ETH Zürich mit dem Studienschwerpunkt „Städtebau & Stadtplanung". Er ist einer der Autoren der Publikation „Nachhaltige Stadtplanung: Konzepte für nachhaltige Quartiere".
Seit 2017 leitet er die Abteilung Zertifizierung bei der DGNB, deren Kernaufgabe die nationale und internationale Anwendung des DGNB Zertifizierungssystems ist. Parallel dazu ist er als Honorarlehrkraft für die Hochschule für Technik Stuttgart tätig.
Gesellschaft | Green Cities, 01.12.2018
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2018 - Frauen bewegen die Welt erschienen.
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